Zeitung Heute : Morten Harket

POPSÄNGER.

Morten Harket, 52, wurde in den 80er Jahren als Sänger der norwegischen Popband a-ha („Take on Me“) weltberühmt. Gerade ist sein Soloalbum „Out of My Hand“ bei Universal Music erschienen. Foto: Just Loomis/Promo
Morten Harket, 52, wurde in den 80er Jahren als Sänger der norwegischen Popband a-ha („Take on Me“) weltberühmt. Gerade ist sein...

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Zwischen Wohnzimmer und Aufnahmeraum haben sie zwei Schallschutztüren eingesetzt, und solange beide wirklich geschlossen sind, hört man drüben auf der Couch praktisch gar nichts, sagt der Mann mit dem Vollbart. Außer, die Band heißt Beatsteaks, dann nützen Schallschutztüren wenig. Die Beatsteaks sind einfach zu laut.

Der Mann weiß genau, wie es klingt, wenn die Beatsteaks aufdrehen. Er bekam alle Songs ihres letzten Albums vorgespielt, und zwar ein Jahr, bevor die CD veröffentlicht wurde und auf Platz eins der Charts stieg. Jetzt lehnt er mit dem Rücken an der Spüle und bietet schwarzen Tee an. Wer sich bedankt, ein Herz fasst und zurückfragt, was er eigentlich schon vor einer Dreiviertelstunde hätte fragen wollen, nämlich wie der bärtige Mann denn nun angesprochen werden möchte, erhält die freundliche Antwort: „Bitte mit meinem Künstlernamen.“ Na gut. Also dann: Nackt.

Irgendwo scheppert ein Schlagzeug, doch Nackt sagt, das Geräusch komme ausnahmsweise nicht aus dem Nebenraum, sondern eine Etage tiefer aus dem Erdgeschoss. Dort hat der Musiker Ketan Batthi sein Studio und vermutlich wieder das Fenster zum Hof offen gelassen. „Egal“, sagt Nackt. „Wir geben uns gegenseitig Bescheid, sobald es nervt.“

Von der Spüle aus überblickt Nackt das gesamte schlauchförmige Wohnzimmer: die offene Küchenzeile, die Couchgruppe am Fenster, drüben links den Esstisch und dahinter einen Berg Technikgerümpel. Ganz links an der Wand steht ein Klavier, eines von sieben in der Wohnung. Willkommen im Chez Chérie.

Es ist einer dieser magischen Orte in Berlin, von deren Existenz auf Partys berichtet wird, die aber viel zu verrückt klingen, um tatsächlich zu existieren. Auf dem nordwestlichen Abschnitt der Sonnenallee, neun Gehminuten vom Hermannplatz entfernt, zwischen Handyladen und Schawarmagrill, findet sich das kleine Klingelschild. Durch die Toreinfahrt in den zweiten Hinterhof, an angeketteten Fahrrädern und dem Grillplatz vorbei, links die Treppe hoch durch einen gefliesten Flur, bis hoch zu der Tür im ersten Stock, wo ein gezeichneter Fisch von der Wand starrt.

Wer eintritt, stutzt zunächst über den künstlichen Efeu, der von der Decke hängt. Dann über die Weite des Raumes. Und dann über das Lächeln, das Chérie gehört. Nackts Freundin. Seit zehn Jahren leben sie hier. In einem Tonstudio. Beziehungsweise: in ihrer 200 Quadratmeter großen Loftwohnung, die gleichzeitig als Tonstudio genutzt wird. Es gibt bloß drei Hausschlüssel, einen davon haben sie ständig verlegt. Den zweiten müssen sich Nackt und Chérie teilen, weil der dritte jeweils an die Band geht, die hier gerade ein Album aufnehmen will.

In den vergangenen Jahren waren das einige recht bekannte, sie haben sich mit Filzstiften an einer Wand im Aufnahmeraum verewigt: die Beatsteaks, Turbostaat und Ja, Panik zum Beispiel. Mehrere Nummer-eins-Alben sind im Chez Chérie entstanden, das letzte war 2010 Tocotronics „Schall und Wahn“. Deren Stammproduzent Moses Schneider hält das Studio für das „allerbeste der Stadt“, unter anderem deshalb, weil die leicht gewölbte Betondecke alle Klänge im Raum wie einen Springbrunnen verteile. Und weil sich die Bands eben nicht in einem professionellen, meist sterilen Studio wähnen. Sondern zu Hause. Das senkt die Hemmschwelle, sich auszuprobieren.

Bis 2002 war hier eine Leiternfabrik. Beim Einzug wunderten sich Chérie und Nackt über eine bemalte Wand mit vielen barbusigen Frauen drauf, die dienten zur Motivation der Arbeiterschaft, glaubt Nackt. Sie haben dick weiße Farbe drübergestrichen, nur ein Paar Brüste ließen sie übrig, als historisches Zitat.

Chérie und Nackt sind selbst Künstler, sie malen, drehen Filme, vor allem machen sie Musik: Warren Suicide heißt ihre Band. Über handwerkliche Vorkenntnisse verfügten die beiden nicht. Die erste Rigipswand ist komplett eingestürzt, sagt Nackt. Zum Glück halfen Freunde beim Renovieren.

Das Studio findet man nicht übers Internet. Wer Kontakt aufnehmen will, muss nach Warren Suicide googeln. Offiziell dürfen Bands in der Wohnung sieben Tage die Woche von frühmorgens bis zehn Uhr abends an ihren Stücken arbeiten. Das Wort „offiziell“ betont Nackt gleich drei Mal. Leise Instrumente können auch in der Nacht ausprobiert werden. Immerhin haben die beiden Betreiber keine direkten Nachbarn. Die Etage über ihnen nutzt der Regisseur Hans Weingartner als Produktionsbüro.

In einem Tonstudio zu wohnen, mag für manche wie ein Traum klingen. In der Wirklichkeit kann es bedeuten: morgens aufzustehen und Berge von dreckigem Geschirr und geleerten Bierflaschen wegzuräumen. In den letzten Jahren habe er mehr abgewaschen als jemals zuvor in seinem Leben, sagt Nackt. „Aber es fiel mir leichter, weil ich immer dachte: Ich mache es für die Kunst.“

Hier zu leben, das heißt auch, am Wochenende verschlafen aufzustehen, bloß in Unterhose bekleidet ins Wohnzimmer zu stolpern und plötzlich von der versammelten Mannschaft ausgelacht zu werden, weil ein Kamerateam von Arte gerade eine Doku über die Band Turbostaat dreht. Es hatte ihm niemand Bescheid gegeben, sagt Nackt. Oder er habe es vergessen.

Es kann aber auch passieren, dass Nackt und Chérie feiern gehen und morgens um vier nach Hause kommen, und dann schalten sie das Licht an, und auf den Couches liegen Mitglieder von Fehlfarben und grummeln, weil sie wer um den Schlaf bringt. Die Düsseldorfer Punkband hat hier 2009 ihr letztes Album „Glücksmaschinen“ eingespielt, und Nackt sagt, es waren beglückende zehn Tage für ihn. Weil er nie gedacht hätte, dass eine Fehlfarben-Platte so entsteht: Stundenlang spielt die Band einen einzigen Beat, dazu wird wild improvisiert, und irgendwann kommt eine Melodie heraus, die alle bewegt.

Einige Monate nach den Aufnahmen haben Chérie und Nackt ein Konzert der Fehlfarben im Kesselhaus besucht, und hinterher beim Bier war der Keyboarder Kurt Dahlke alias Pyrolator plötzlich verdutzt und sprach Nackt an: „Warum trägst du jetzt bitte meinen Pulli?“ Das geschieht im Chez Chérie häufiger: Musiker vergessen Instrumente oder Kleidungsstücke, deren Herkunft lässt sich bald nicht mehr rekonstruieren, also geht alles in den Kollektivbesitz über. Es gibt einen eigenen Raum in der Fabriketage, der bloß „das Lager“ genannt wird. Hier hängen etwa 30 Gitarren in den Regalen, dutzende Mikrofone plus Kabelrollen sowie allerhand Gegenstände, die auf den ersten Blick nicht wie Instrumente aussehen. Etwa die Blumentöpfe, die Nackt zusammen mit dem schwedischen Sänger José González gekauft hat. Sie sind rüber zum Baumarkt in die Saalestraße gefahren, haben mit ihren Drumsticks gegen Abfalleimer und Blumenkübel und Wasserrohre getrommelt. Die Verkäufer haben sie nicht rausgeworfen, sagt Nackt, die haben sich gefreut. Am Ende hatten sie ein neues Schlagzeug für 200 Euro beisammen, das vergangenen Sommer bei gemeinsamen Konzerten zum Einsatz kam.

Der eigentliche Aufnahmeraum misst nur etwa 70 Quadratmeter. Gesessen wird auf abgeranzten Sofas oder einem Gymnastikball. Die großflächige Glasscheibe, die in Tonstudios typischerweise Musiker und Produzententeam trennt, gibt es im Chez Chérie nicht. Deshalb müssen alle im Raum still sein, wenn tatsächlich aufgenommen wird. Hustet ein Techniker, dürfen die Musiker von Neuem beginnen. Eine weitere Besonderheit: Die Instrumente werden nicht einzeln eingespielt, sondern gleichzeitig.

Auch die Küche des Studios eignet sich zur Klanggewinnung. Der Musiker Hans Unstern, der im Chez Chérie aktuell seine neue Platte aufnimmt, hat dort 20 Mikrofone platziert und dann mit chinesischen Stäbchen um sich gehauen. Auf Ikeagläser, Topfdeckel, die Herdplatte. Alles, was im Loft herumliegt, darf benutzt werden. Nur abends um sechs ist kurz Pause, dann läutet die Kirchenglocke aus der Nachbarschaft, die wollte bisher keine Band auf ihrer Platte mit draufhaben.

An der Ostseite des Wohnzimmers, direkt unter der barbusigen Frau, befindet sich eine rot lackierte Tür. Auf einem angeklebten Schild steht „private!“, und dahinter liegt der einzige Bereich, der nur den beiden Bewohnern gehört. Ihr Schutzraum, sagen sie. Auch der Reporter vom Tagesspiegel darf dort nicht rein. Es gibt Musiker, die haben mehrere Wochen im Chez Chérie gearbeitet, ohne je hinter diese Tür blicken zu dürfen, sagt Nackt. Angeblich ist der Raum bloß zwölf Quadratmeter groß und enthält nicht viel mehr als ein Doppelbett. In das verziehen sich die beiden, wenn es ihnen in ihrer eigenen Wohnung zu viel wird. Setzen Kopfhörer auf und hören Musik auf ihren Laptops.

Das Leben im Tonstudio sehen die Bewohner einerseits als Geschenk – weil der Trubel inspiriert und weil sie vom Austausch mit den anderen Musikern profitieren. So haben sie gelernt, dass nicht nur sie selbst von Schaffenskrisen geplagt werden. Nackt sagt: „Wenn du 50 Bands und ihre Probleme erlebt hast, gehst du mit deinen eigenen deutlich entspannter um.“

Andererseits ist das Leben im Tonstudio eine Herausforderung – weil die eigene Wohnung doch eigentlich als Rückzugsraum dienen sollte, in dem man abschaltet, in dem man sich nur vor sich selbst verantworten muss.

Auch wenn gerade nichts aufgenommen wird, ist das Studio selten leer. Chérie und Nackt veranstalten Konzerte, Partys und Poetry Slams, ab und zu laden sie zu Workshops. Ganz selten verfluchen sie ihr Projekt. Wie damals, als sie zugestimmt hatten, dass in ihrem Studio eine mehrtägige Veranstaltung namens „Songwriter-Convention“ stattfinden durfte, ein Treffen der Musikindustrie. Kreativ und anregend würde es sein, hatte Nackt gehofft. Stattdessen feierten PR-Damen in Jägermeister-Shirts und gegelte Anzugträger von Plattenfirmen, die Nackt rückblickend unter dem Sammelbegriff „das Böse“ zusammenfasst. Die Bewohner verzogen sich mit zwei Freunden hinter ihre rote Tür und warteten. Nicht mal zum Kaffeekochen trauten sie sich raus.

Einmal hätte es fast Streit gegeben. Bei Proben wollte Peter Fox das gelbe Acryl- Bild abhängen, das Chérie gemalt hatte. Es hing im Aufnahmeraum neben dem Fenster, und da sollte es fort, weil Peter Fox und seine Marching Band Spiegel anbringen wollten, um sich dann selbst beim Trommeln zuzusehen. „Sie können sich alle Instrumente ausleihen, alles umstellen“, sagt Nackt. „Aber Bilder abhängen? Da war eine Grenze überschritten.“ Am Ende bekam Fox seinen Willen doch.

In diesem Frühsommer wollen die Studio-Betreiber nun ihren Zwölf-Quadratmeter-Schutzraum aufgeben. Chérie ist schwanger. Im Erdgeschoss gibt es noch eine kleine Wohnung, die sie ausbauen und dann beziehen wollen. Dort unten ist es ruhiger. Außer wenn der Nachbar auf seinem Schlagzeug probt.

JA BITTE!

Zuletzt habe ich mich gefreut.. in Erwartung

alltäglicher Momente mit meiner kleinen Tochter.

Mal nackt sehen: Eva.

Unverzichtbar: Das Ding in „Das Ding an sich“.

Schmeckt bestimmt: Das letzte Abendmahl.

Ein Buch zum Verschenken:

„The Akashic Field“ von Ervin Laszlo.

Ein Idol: Mein Großvater.

Lieblingstier: Rädertierchen.

Dazu kann ich tanzen: Zu den Paarungsrufen

der Gänse in meinem Garten.

Bevorzugtes Transportmittel: Meine Gedanken.

Mag ich: Mein Wissen zu hinterfragen, Schmetterlinge, in Korallenriffs zu schnorcheln, eine gute Diskussion.

NEIN DANKE!

Zuletzt habe ich mich geärgert über...

grundsätzliche Ignoranz.

Nie nackt sehen: Abraham.

Nutzlos: Verzogene Menschen.

Mein schlimmstes Geschenk: Meine Zunge.

Ein Albtraum: Womit diese Zunge

in Kontakt kommen könnte.

Ein abschreckendes Beispiel: Tarzan.

Unliebsamstes Tier: Das wäre wohl der Mensch.

Nie tanze ich zu: Nationalhymnen.

Diese Stunden fürchte ich: Von neun Uhr

morgens bis fünf Uhr nachmittags.

Mag ich nicht: Völlerei, Gleichgültigkeit, mangelhafte Konstruktionen, Propaganda und Selbstgefälligkeit.

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