Mosaik von Madaba : Blick ins Paradies

Es setzt zusammen, es trennt nicht, es ist aus einem Guss und doch aus Abertausend Teilchen. Das Mosaik von Madaba zeigt das Heilige Land, ohne Grenzen und in Frieden. Es ist Kunstwerk – und politische Utopie.

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Die Karte von Madaba in Jordanien half dank ihrer Detailgenauigkeit, biblische Stätten zu finden. Auf dem Ausschnitt sieht man das...Foto: akg-images

Ein weißer Stier und eine Kutsche, gezogen von Fasanen. Gazelle und Jaguar, Kalb und Löwe friedlich beieinander. Granatäpfel und Weintrauben, Fische und Vögel, in stillem Tanz versunken. Die schöne junge Meeresgöttin mit dem Oktopus, der sich um ihren Oberkörper schlingt, und die nackte Bacchus-Tänzerin. Die zahlreichen byzantinischen Mosaiken von Madaba erzählen von einem Christentum, das noch tief in der antiken Welt wurzelt, ungehemmt, frei von Tabus: das gemeinsame Erbe all der Staaten, die sich hier in der Nussschale der Weltgeschichte drängen.

Eine Dreiviertelstunde ist Madaba von der jordanischen Hauptstadt Amman entfernt, und bis Jerusalem ist es im Grunde auch nicht viel weiter, wenn die Straßen wirklich offen wären.

Etwas Weibliches hat dieses Universum der Mosaike, keine Spur vom Kreuz und den ausgeklügelten Leiden der Märtyrer. Ihre Zeit ist noch nicht gekommen. Gewalt verbirgt sich in der Mythologie. Der Hippolytos-Saal in einer der 15 erhaltenen Kirchen der jordanischen Stadt zeigt Phädra, die Königin, die sich in ihren Stiefsohn verliebt und sich fürchterlich an ihm rächt, weil er nichts wissen will von ihr. Das Paradies, sagt der persische Dichter und Universalgelehrte Omar Chajjam, ist „ein Augenblick unserer befriedeten Zeit“ – und die Hölle „ein Funken unserer vergeblichen Qual“.

In Madaba führen alle Wege zur Georgskirche. Ende des 19. Jahrhunderts wurde das griechisch-orthodoxe Gotteshaus errichtet, auf den Grundmauern einer Basilika aus dem 6. Jahrhundert nach Christus. Die neuzeitlichen Baumeister hatten mehr Glück als Verstand, wie durch ein Wunder ist der Bodenschatz weitgehend unversehrt geblieben: die älteste kartografische Darstellung des Heiligen Landes. Das schönste der Mosaike in der Stadt der entschleunigten Teilchen. Die Mosaikkarte von Madaba.

Sie misst 16 mal fünf Meter, einiges ging durch die Jahrhunderte verloren, die Originalgröße war 21 mal sieben Meter und umfasst einen geografischen Raum vom Libanon bis zum Nildelta, vom Mittelmeer bis zur Wüste, eine halbe Weltkarte nach damaligen Maßstäben. 150 Städte und Dörfer sind darauf verzeichnet. Man schätzt, dass sie ursprünglich aus mehr als zwei Millionen Mosaiksteinchen zusammengesetzt war.

Boote auf dem Toten Meer, Fische im Jordan, Brücken über dem Fluss, Palmen und Tiere. Die Madaba-Karte gleicht einem biblischen Biotop, mit detaillierten Ortsangaben in griechischer Sprache; Orientierung und Verheißung für Pilger. Und Ausdruck einer Weltanschauung, die später verloren gegangen sein muss. Weitaus jüngere, mittelalterliche Karten sehen dagegen aus wie Kinderzeichnungen.

Anderthalb Jahrtausende hat das aus winzigen Plättchen gepixelte Bild der biblischen Landschaft überstanden. Das Mosaik lag damals zwischen dem Priester und der Gemeinde, wie ein märchenhafter und zugleich realistischer gewirkter Teppich. In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts begann eine umfassende Konservierung. Deutsche Restauratoren hoben das gesamte Mosaik vom Boden ab und verlegten es neu. Wasser ist das Problem: Die Reiseführer befeuchten das Mosaik, damit die Farben kräftiger leuchten. Die Busse aus Amman kommen nach Madaba zur Mosaiken-Tour; so viel zu sehen in viel zu kurzer Zeit.

„Moses stieg aus den Steppen von Moab hinauf auf den Nebo (...) und der Herr zeigte ihm das ganze Land“, heißt es im 5. Buch Mose, im Deuteronomium. Der Berg Nebo liegt nahe bei Madaba, von hier soll Moses einen ersten und letzten Blick ins Gelobte Land geworfen haben. Die Archäologen sind anderer Meinung, ein anderer Berg biete eine weitaus bessere Aussicht nach Israel. Für die Touristen, die aus Amman nach Madaba und Nebo kommen – auch dort gibt es herrliche Tiermosaike –, wird an der Legende festgehalten. Wer die Karte betrachtet, wer hinausschaut ins Paradies, darf sich wie Moses fühlen. In ihrem Zentrum ruht Jerusalem, eingefasst von der Stadtmauer, wie das Ei der Welt, erspäht aus der Vogelperspektive.

Jerusalem in der Mitte des 6. Jahrhunderts. Das Mosaik hat die Genauigkeit eines Stadtplans. 20 einzelne Punkte sind klar erkennbar und benannt, darunter das Damaskustor, die westliche Tempelwand, die Grabeskirche. Die Arbeit der byzantinischen Mosaizisten ist derart exakt, dass Archäologen 1967 im jüdischen Teil der Altstadt nach dem Lageplan von Madaba Reste der Nea-Kirche und des Cardo Maximus, der großen Kolonnaden, freilegen konnten. Im Jahr 542 wurde die Nea-Kirche geweiht. Bauwerke, die gegen Ende des 6. Jahrhunderts errichtet worden sind, finden sich nicht verzeichnet. So hat man die Entstehungszeit des Mosaiks eingegrenzt. Auch die uralte Stadt Askalon im südlichen Negev ließ sich als das Asqalan des Madaba-Plans lokalisieren. Die Anlage des Mosaiks am Kirchenboden ist so ausgerichtet, dass die geografischen Punkte in ihrer tatsächlichen Himmelsrichtung zu finden sind.

Alte Karten strahlen eine seltsame Ruhe aus, wie die Steinhaufen, Säulen und zerbrochenen Bögen, die antike Stätten markieren. Die Palästinakarte von Madaba ist beides, Zeichnung und steinerne Zeugin. Kunstwerk und Dokument. Ein Bild des Friedens, ein Trugbild, eine Idee. Und wenn man lange auf die Mosaikkarte schaut, dann meint man die Stürme der Zukunft zu hören, den Auf- und Abmarsch der Armeen der Byzantiner, der Muslime, der Türken und später der Engländer und Franzosen. Die Zeit und ihre Alter schwingen hier mit, ein inneres Beben.

Dieser Moment absoluter Stille ist so kostbar wie kurz. Dass Altertumsforschung in der Levante einen imperialistischen Hintergrund hatte, zeigt jetzt wieder die Ausstellung „Das große Spiel – Archäologie und Politik“ im Ruhr-Museum in Essen. Archäologie kann eine Waffe sein, ihre Erfolge verknüpfen sich mit der Ausdehnung der europäischen Kolonialmächte. Und als Instrument der Macht werden Archäologie und Altertumsforschung, zumal in Israel, immer wieder eingesetzt. 2007 gab es in Jerusalem und Kairo wegen israelischer Ausgrabungen am Tempelberg militante Proteste. Ausgrabungen reißen Gräben auf, wenn kein Frieden ruht auf dem Land.

Da bekommt die Mosaikkarte von Madaba eine politische Bedeutung. Sie ist als Roadmap zu lesen, als Wegweiser in eine neue Zeit. Denn das Wunderbare ist: Die Topographie, die sich hier eröffnet, kennt keine Grenzen. Vom Libanon-Gebirge bis zur ägyptischen Wüste liegt das Land offen vor dem Betrachter. Ein katholischer Missionar, der 1898 Madaba besuchte, will auf der Karte sogar Rom und Babylon erblickt haben. So stark ist die Suggestion, die von dem Land des Mosaiks ausgeht. Eine Landkarte als Illustration göttlichen Willens und christlicher Herrlichkeit? Madaba als Darstellung des Himmelreichs auf Erden?

Libanon, Syrien, Jordanien, Israel, Ägypten deckt die Karte ab, nach der heutigen politischen Geographie. Madaba bietet einen Blick in den Nahen Osten, als es diese Bezeichnung noch nicht gab. Naher Osten, das bezeichnet eine Distanzierung, eine seltsame Ferne, die absurderweise am europäischen Hausmeer liegt. Diese Länder, so nah sie beieinanderliegen, so untrennbar sie kulturell und historisch und im Grunde auch religiös verbunden sind, kann man im Jahr 2010 nicht auf einer Tour bereisen. Im Gegenteil, schon ein falscher Stempel im Pass versperrt den Weg. Grenzübertritte von Israel nach Jordanien und Ägypten sind zwar möglich, aber nicht häufig. Wenn man im östlichen Galiläa unterwegs ist, schlagen jordanische Sender im Autoradio durch, und statt des israelischen Handynetzes wird plötzlich das jordanische angezeigt. Die Friedensverträge bieten noch lange keine individuelle Sicherheit. Von Israel nach Libanon oder Syrien einzureisen, oder umgekehrt: eine Utopie. Die Grand Tour durch die Levante, ein Traum. Lawrence von Arabien hat ihn sich erfüllt, als Partisan und mit dem British Empire im Rücken.

Der Frieden, den die Karte von Madaba festhält, wurde immer wieder gestört. Anfang des 7. Jahrhunderts stürmten die Perser den Landstrich, gefolgt von den Umayyaden, der frühen islamischen Dynastie. Hier liegt aus heutiger Sicht das Hauptproblem der Wunderkarte. Als sie entstand, war der Islam noch keine Macht, formte sich erst die neue Religion des Wortes aus der Wüste. Die Familie der monotheistischen Religionen war noch nicht vollständig. Die Konflikte schlummerten noch im Boden.

Aber wie selbstbewusst agierte der junge Islam! Das schnell expandierende islamische Reich bewies eine erstaunliche Integrationskraft, wie auch das byzantinische Imperium. Das christliche Madaba mit all seinen Kirchen und Mosaiken hat unter den Umayyaden weitergelebt, und die frühe islamische Kunst ist beeinflusst von byzantinischen Ornamenten, die sich in jordanischen Wüstenschlössern wiederfinden.

Hier liegt das Geheimnis. Die Technik begründet die Utopie. In der Karte selbst, dort, wo sich die Bilder der Landschaft und der Städte auflösen und verschwimmen, zeigt sich die Antwort. Man geht nah heran, auf die Knie, um die winzigen Teile zu betrachten, die diese Materie formen, und das ist auch ein Zeichen. Eine Verbeugung vor der Schönheit der kleinen Steinchen und ihrer Weisheit.

Das Mosaiklegen geht weit zurück ins urzeitliche Mesopotamien, wo Abraham herstammte, Urvater der um Jerusalem und Palästina streitenden Religionen. Sein Name bedeutet „Vater einer Vielzahl“. Das Mosaik hat große symbolische Bedeutung, denn es setzt zusammen, es trennt nicht, es ist aus einem Guss und doch aus Tausend, Abertausend Teilen. Ein Nebeneinander und Miteinander, das einzelne Steinchen zählt wenig, der Verbund alles. Kultur – wie Religion – ist ein Kompositum. Das ist die Botschaft der Mosaikkarte von Madaba. Der Zusammenhalt, über so lange Zeit. Die unterschiedlichen Stückchen, die ein Ganzes formen. Eine Stadt, einen Fluss, eine Region, eine Weltordnung. Das himmlische Jerusalem, in Madaba liegt es in dieser Welt. Es strahlt großartig aus, aber es wirkt nicht fanatisch erhöht.

Zuletzt muss man sich vorstellen, was für eine mühsame und langwierige und meditative Arbeit die Mosaikkunst ist. Wie viele anonym gebliebene Handwerker und Künstler diese Landschaft, diese Vision verewigt haben. Und dass sie Freude bei der Arbeit hatten: Ein Fisch im Jordan wendet sich ab vom Toten Meer und schwimmt zurück. Es ist zu salzig.

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