Zeitung Heute : Moskau: Eine kleine, zeitlose Insel

Volker Krampe

Der Tote sieht quietschlebendig aus. Mit Schlapphut, verbeultem Jackett, lakonisch-ironischer Miene und einer "Papirosa" in der Hand, - so empfängt Jurij Nikulin als Plastik den erstaunten Friedhofsbesucher - gleichsam auf seinem eigenen Grabstein sitzend, als wollte er grüßen und sagen: "Mein Freund, warum setzen Sie sich nicht zu mir." Der kleine Clown war im Nachkriegsrussland ein Abgott, eine Art Heinz Erhard für Jahrzehnte.

Seine den Schuh schwingende Hand am Rednerpult ging um die Welt. Ebenso bekannt war seine Vorliebe für Reisfelder. Russland brachte er die Wahrheit über Stalin, etwas mehr Luft zum Atmen, offene Gefängnisse und den kurzen Traum von Demokratisierung. Nicht an der Kremlmauer, sondern ein paar Schritte weiter auf dem Nowodewitsche wurde er beigesetzt. Und selbst das kostete seiner Ehefrau Kraft und verlangte Mut. Die Rede ist von Nikita Sergejewitsch Chruschtschow. Sein bäuerlich-wirkender Bronzekopf blickt aus der Mitte eines wuchtigen, abstrakten Denkmals aus weißem Marmor und schwarzem Granit. Es entstand unter den Händen von Ernst Neiswestnij (Pseudonym, wörtlich übersetzt: Ernst Unbekannt), einem in die USA emigirierten Künstler, mit dem Chruschtschow sich ironischerweise zu Lebzeiten heftig in die Haare geriet. Ihm und der Gefahr, dass sein Grab zur Pilgerstätte werden könne, war es geschuldet, dass der Friedhof bis 1987 geschlossen blieb.

Nikolaj Gogol schrieb die erste international beachtete und vielleicht beste russische Komödie. So bissig und böse wie im "Revisor" nahm vor ihm noch niemand die russische Gesellschaft auseinander. Auf einem hohen Sockel steht Gogols edle Büste, die so filigran und echt wirkt, als sei der Dichter eben erst vor dem Betrachter erstarrt. Dieses pompöse Staatsgrab bekam Gogol, ursprünglich ärmlich und einsam bestattet, kurz vor seinem hundertsten Todestag 1951.

Hinter den hohen Friedhofsmauern tost eine Schnellstraße. Nein, die Ruhe vom Père Lachaise oder dem Wiener Zentralfriedhof herrscht hier in Moskau nicht. Es ist eine kleine, zeitlose Insel, die sich wie ein Wunder erhalten hat. Schließlich hat der Kirchensturm von 1934 den älteren Friedhofteil an der Kirchenmauer gerupft. Zurück blieben damals Denkmalstümpfe und abgeschlagene Kreuze. Heute sind der Friedhof und das Nonnenkloster, in sowjetischen Zeiten zum Museum "zur Befreiung der Frau" umfunktioniert und danach jahrelang restauriert, in tadellosem Zustand. Der Besucher empfindet die Stimmung so, als ob sich hier auf dem Nowodewitsche wie überall das Land Schwindel erregend schnell, überstürzt beinahe, sich der zweiten Vorhersehung von Fatima erinnere.

Nowodewitsche ist ein wahres Kaleidoskop der Sowjetzeit: Dort trifft der Besucher auf kuriose und traurige Denkmäler - telefonierende Fernmelde-Kommandeure, gehauen in weißen Marmor, Flugzeuge und Zeppeline mit eingravierten Gesichtern, die an Abstürze erinnern, Panzermodelle und Raketen für lorbeerbekränzte, martialisch dreinblickende Kriegsgeneräle.

Daneben ziehen ergreifende Plastiken, wahre Kunstwerke, die Blicke auf sich. Wie etwa das Grabmal der Schauspielerin Jekaterina Bealschewa, deren verträumt-melancholisches Lächeln und deren anmutiger Körper den Betrachter in ihren Bann ziehen.

Frische Gräber, wie zum Beispiel das der Raissa Gorbatschowa, scheinen in einem Blumenmeer zu ertrinken. Ein Denkmal ihr zu Ehren muss erst noch errichtet werden. Und es fehlt noch so vieles auf Nowodewitsche, um an das vergangene, sowjetisch geprägte Jahrhundert Russlands zu erinnern. Wo etwa wird der vielen Namenslosen gedacht, die, oft zu den wichtigsten Stützen in den Revolutionsjahren gehörend, in den 30- bis 50er Jahren dem blinden Stalinterror zum Opfer fielen? Für sie ist hier kein Platz der ewigen Ruhe.

"Ich sterbe, macht niemand dafür verantwortlich. Und bitte kein Gerede. Der Verstorbene hasste das." Der sich mit diesen Zeilen verabschiedete, bevor er sich erschoss, den nannte Stalin den besten Dichter der Sowjetepoche. Für Majakowski ein wohl eher zweifelhaftes Lob, zumal seine beißenden Satiren "Die Wanze" (1928) und "Das Schwitzbad" (1929) den Parteifunktionären ein Dorn im Auge waren und von den Spielplänen abgesetzt wurden. Beide Stücke kamen in Moskau erst 1956 wieder auf die Bühne.

Majakowski lebte bewegte 37 Jahre: Schon dreizehnjährig wurde der im Kaukausus Geborene wegen revolutionärer Umtriebe eingesperrt und blieb nach elfmonatiger Haft weiterhin unter Polizeiaufsicht. Aggressiv-polemisch agitierte er in der Folgezeit gegen das Bürgertum und schmähte selbst die "heiligen" Klassiker Russlands von Puschkin angefangen bis hin zu Gorki. Der Besucher sieht auf dem Grab Wladimir Majakowskis eine dunkel glänzende Büste des Toten. Der durchdringende Blick nimmt gefangen, darin mischen sich auf eigenartige Weise Herausforderung und Stolz, Trotz und Energie. Nach der Revolution 1917 wurde Majakowski zum führenden Künstler des neuen Regimes, ausgestattet mit einer phänomenalen Schöpferkraft. Er zeichnete Tausende von Propaganda-Plakaten, gründete Journale, spielte im Film, verfasste Drehbücher und dichtete.

Wie eine karg und knapp stilisierte, kleine, alte russische Dorfkirche wirkt der Grabstein des Dichters Anton Tschechow. Gläubig war er nicht, sammelte indes durch seine Tätigkeit als Arzt und durch den frühen Verlust des Bruders einschneidende Erfahrung mit dem Tod. In seinen Erzählungen und Dramen macht er sich mal über den Tod lustig, mal lässt er seine Figuren entsetzliche Ängste vor dem Leben ausstehen. Über sein eigenes Ende schreibt Tschechow 1892 seinem Freund Suworow nüchtern und ganz im Geist des neuen, auch in Russlands Elite um sich greifenden Atheismus: "Wir haben keine nahen und entfernten Ziele, glauben nicht an die Revolution, es gibt keinen Gott, die Vorhersehung fürchte ich nicht, ich selbst empfinde gar vor Tod und Blindheit keine Angst." Die Beerdigung des Dichters sucht ihresgleichen, so grotesk verlief sie: Tschechow war im Sommer 1904 in einem Kurort im Schwarzwald an Tuberkulose gestorben. Wunderlicherweise spielte, als sich die Trauergesellschaft am Bahnhof in Moskau versammelt, dort Militärmusik. Wie sich herausstellte waren die Särge durcheinander geraten - statt Tschechow folgten die Menschen dem General Keller, der kurz zuvor in der Mandschurei gefallen war. Tschechows Sarg stand indes im Güterwaggon.

Eine mannsgroße musikalische Note aus weißem Marmor liegt da vor uns auf dem Friedhofsboden. Und auf ihm sitzt ein traurig-schöner Schwan, dessen Kopf versonnen auf einem gespreizten, mächtigen Flügel ruht. Wem so gedacht wird, der hieß Leonid Sobinow und sang 36 Jahre lang als Tenor am Bolschoi Theater. Ein paar Meter weiter - noch frisch und nahezu ständig von Besuchern umringt - ist das Grab von Artjom Borowik, einem populären Fernsehmoderator, der im vergangenen März im Flugzeug verbrannte.

Nicht alle berühmten Russen liegen indes am Moskwa-Ufer oder auf dem Roten Platz. Zwanzig Jahre ist es her. Am 25. Juli 1980 starb 42-jährig Wladimir Wysocki - legendärer Sänger und Schauspieler der 60er und 70er Jahre. Wie für Puschkin, Jessenin und Lermontow sollten sich auch für den berühmten Sänger und Schauspieler die Zeilen Nekrassows bewahrheiten: "Das russische Genie krönt seit jeher die, welche kurze Zeit nur zu leben haben." Und wohl niemanden nach Puschkin verehren die Russen so wie Wysocki. Er war sicher ebenso beliebt wie die Beatles dereinst in Westeuorpa - und das, obwohl die meisten Lieder Wysockis verboten und nur auf dem Schwarzmarkt zu haben waren. Wer sein - allerdings ständig "belagertes" - Grab besuchen möchte, hat es vom Nowodewitschekloster nicht weit. Der Waganskojefriedhof liegt ein Stück weit Moskwa aufwärts in der Nähe der Metrostation "Straße von 1905". Auf dem Waganskoje liegen auch Bulat Okudschwa, der vor einigen Monaten in Paris verstorbene Zeitgenosse von Wysocki und der berühmte Dichter Sergeij Esenin. Offiziell gibt es am Nowodewitsche wie auch auf den anderen Friedhöfen Moskaus Öffnungszeiten. Aber tatsächlich richtet man sich besser nach dem Tageslicht. In der Regel ist ganzjährig Zutritt. Aber keine Regel ohne plötzliche Ausnahme - zumal in Russland.

"Russlands Historie" heißt eine zehntägige Studienreise, die der Veranstalter Lernidee-Reisen (Telefonnummer: 030 / 786 50 56) im Programm hat. Während des Aufenthalts in Moskau wird auch das Neujungfrauenkloster mit dem Prominentenfriedhof besucht.

Dertour (Katalog Städtereisen) bietet individuelle Flugreisen nach Moskau mit Lufhansa an. Aber es stehen in Russlands Hauptstadt lediglich zwei Hotels zur Auswahl: "Metropol" und "Baltschug Kempinski". Über den Veranstalter lassen sich der Transfer vom Flughafen zum Hotel, individuell geführte Stadtbesichtigungen und Eintrittskarten für das Bolschoi-Theater buchen.

Auch Airtours offeriert im Katalog Städtereisen individuelle Flugreisen nach Moskau und hat vier Hotels zur Auswahl: "National", Metropol", "Baltschug Kempinski" und "Sheraton Palace".

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