Zeitung Heute : Moskauer Affaire

SCHAUBÜHNE Thomas Ostermeier beleuchtet in „Fräulein Julie“ die soziale Ungleichheit in Russland.

PATRICK WILDERMANN

Das Moskauer Theater der Nationen ist ein Bau mit glanzvoller Historie. Hier fand die Uraufführung des „Iwanow“ statt, hier begegneten sich Tschechow und Stanislawski zum ersten Mal. 20 Jahre lang stand das Haus leer und verfiel, bis es für zig Millionen aufwendig rekonstruiert wurde. Eigentlich wollte Thomas Ostermeier auf keinen Fall die feierliche Wiedereröffnung mit seiner Gastinszenierung von Strindbergs „Fräulein Julie“ bestreiten, zu bedeutungsbelastet war ihm das. Aber dann wurde – „russische Salamitaktik“ – die ursprünglich geplante Auftaktpremiere verschleppt und schließlich verschoben. „So war es auf einmal Fakt, dass wir eröffnen“, erzählt der Schaubühnen-Chef. Mitten im Spannungsfeld zwischen Vergangenheit und politisch brisanter Gegenwart. In den Dezember vergangenen Jahres fielen auch die großen Demonstrationen gegen Putin.

Der Leiter des Theaters der Nationen, Jewgeni Mironow, ist ein berühmter Schauspieler in Russland, er hat auch in Peter Steins russischer „Orestie“ mitgewirkt, jetzt steht er in Ostermeiers „Fräulein Julie“ auf der Bühne. Die Produktion ist als Gastspiel zu Beginn des Festivals Internationale Neue Dramatik (F.I.N.D.) an der Schaubühne zu sehen. Mironow hat sich die Millionen für sein Haus unter anderem bei Machthaber Putin besorgt. Der spielte im Gegenzug bei einer Gala im Haus Klavier, ein Lied aus einem sowjetischen Kultfilm über den Widerstand im Dritten Reich. Und der Kreml bestand darauf, dass Mironow bei einer Fernsehansprache Putins mit im Studio sitzt. Als der Künstler sich damit herausreden wollte, der strenge deutsche Regisseur entließe ihn nicht aus der Probe, hieß es: „Wir haben dir einen Gefallen getan. Jetzt musst du uns einen Gefallen tun.“

Ostermeier spielt mit seiner „Julie“ nicht auf derlei Verstrickungen an. Wohl aber auf die herrschenden Verhältnisse, „die soziale Ungleichheit in Russland“. Die radikale Strindberg-Umdichtung von Michal Durnenkow macht aus dem adeligen Fräulein die Tochter eines Oligarchen mit KGB-Vergangenheit, aus ihrem Diener Jean einen Tschetschenien-Heimkehrer, der sich als Chauffeur verdingt. Moskauer Wirklichkeit, wie Ostermeier sie beobachten konnte. Ganze Kohorten dieser Chauffeure mit Kriegsheimkehrerbiografie parkten vor den Clubs der Stadt, bei laufendem Motor, mehr oder weniger leben die Männer in ihren Autos.

Einen ähnlich starken Klassikerzugriff wie Durnenkow wagt auch der polnische Regisseur Krzysztof Warlikowski mit seinen „Afrikanischen Erzählungen nach Shakespeare“, ebenfalls auf dem F.I.N.D. zu Gast. Darin verschränkt er Texte von J. M. Coetzee mit umgedichteten Shakespeare-Figuren. Regisseure, die gleichzeitig Autoren ihrer Stücke sind – das ist in diesem Jahr ein Schwerpunkt im Festivalprogramm. Damit werde „eine Entwicklung in der Theaterwelt“ gespiegelt. Von den Länderpräsentationen früherer Jahre hat man sich dagegen verabschiedet, einfach, „weil wir die interessanten Regionen alle abgegrast haben“, so Ostermeier. Dennoch, das F.I.N.D. behält für ihn seinen Sinn: als Begegnungsforum für internationale Theatermacher. Und „als Schaufenster unserer Internationalität“. Ostermeier und seine Schauspieler knüpfen als Berliner Reiserekordhalter bekanntlich auf Gastspielen in der ganzen Welt Kontakte.

Für Moskauer Verhältnisse, sagt Ostermeier, sei eine Inszenierung wie „Fräulein Julie“ etwas Besonderes. Im Internet werden die Karten für 500 Dollar gehandelt. Auch die Berliner Gastspieltermine waren sofort ausverkauft. Scharen von in Berlin lebenden Russen, erzählt er, hätten mit gefälschten Behindertenausweisen bewaffnet die Tickets abgegriffen. Stoff für eine ganz eigene Erzählung über soziale Wirklichkeit heute.

PATRICK WILDERMANN

Premiere 2.3., 20 Uhr, auch 3.3.

F.I.N.D. Festival: 1. bis 11.3.

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