Motorenölfabrikant Liqui Moly : Läuft wie geschmiert: Einstellen statt Entlassungen

„Es geht um den Geist“, sagt Ernst Prost, Motorenölfabrikant und Chef von Liqui Moly. Er stellt ein, statt zu entlassen, bekämpft die Krise, indem er sie ignoriert. Das will die SPD sich näher angucken.

Katja Reimann[Ulm]
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Ansicht und Aussicht. Am Anfang, das weiß Ernst Prost — hier zwischen Werbetafeln –, steht die Arbeit, das große Geld kommt...dpa

Welwitschia Mirabilis ist eine Pflanze aus der Wüste Namib. Sie sieht aus wie ein vertrockneter Oktopus, kringelt sich am Boden, langgestreckt und bräunlich-grün. In ihrem Stamm speichert sie Wasser, und sie wird uralt.

Ernst Prost ist 52 und aus Ulm. Er begegnete Welwitschia auf einer Reise. Und er wusste: So wird es funktionieren. Der Dürre die Stirn bieten, das wollte er, auf wundersame Weise – mirabilis. Und so verkündete Ernst Prost, Geschäftsführer und Eigentümer des Schmierstoff- herstellers Liqui Moly, vor wenigen Monaten das Ende der Wüste, das Ende der Wirtschaftskrise.

Da hatte der Softwarehersteller SAP bereits erklärt, 3000 Stellen abbauen zu wollen, der Autobauer VW angekündigt, im Laufe des Jahres 16 500 Leiharbeiterjobs zu streichen. Unternehmensberater Roland Berger hatte Automobilzulieferern einen Rückgang des Umsatzes um bis zu 40 Prozent prognostiziert, der Maschinenbauer Heidelberger Druck beschlossen, tausende Mitarbeiter zu entlassen. Prost jedoch stellte ein. 20 neue Leute zwischen Januar und Juli 2009.

„Wir haben keine Wirtschafts-, sondern eine Absatzkrise“, sagt er. Die will er mit mehr Arbeit bekämpfen. Das will auch die SPD, deshalb kommt am Mittwoch ihr Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier zu Prost und seiner Firma, gucken, wie die das machen.

Seit Jahrzehnten schon behauptet sich Liqui Moly neben den Großkonzernen der Ölbranche wie Shell oder Aral. 450 Mitarbeiter arbeiten derzeit für den Schmierstoffhersteller in Ulm und Saarlouis, beim Mineralölwerk Méguin, das seit 2006 auch zu Liqui Moly gehört.

Die wundersame Antikrisengeschichte der Liqui Moly GmbH begann, als der Unternehmer Prost, der laut Selbstauskunft keinen Fernseher besitzt und nie Zeitung liest, eines Tages bemerkte, dass die Umsatzzahlen schlechter wurden. Das sei die Wirtschaftskrise, erklärten ihm die Kollegen. Die Nachrichten waren schlecht, sie gefielen ihm nicht. Er wollte fürderhin davon nichts mehr wissen.

Ernst Prost trägt an einem Vormittag vor einigen Wochen ein rotes Hemd, sein Personalchef Rainer Maass ein blaues. Es sind die Farben von Liqui Moly, rot und blau. Ein Zufall, natürlich. Aber vielleicht auch nicht. Jeder ist hier Teil des Ganzen, Rädchen im Betrieb. „Wer an der Spitze steht, muss dienen und tragen“, sagt Prost, zeichnet eine Pyramide auf ein Blatt Papier und dreht die Zeichnung um. Will heißen: Er ist der Chef – und doch wieder nicht. Ungerechtigkeiten, das sagt Ernst Prost, regen ihn auf.

Wer bei seiner Firma arbeitet, im Ulmer Industriegebiet, in einem von vielen schachtelförmigen Gebäuden, der ist Mitunternehmer, nicht Mitarbeiter. Darauf legen sie hier Wert. Eingestellt wird nicht vorrangig, wer sich fachlich eignet, sondern wer passt. Wirtschaftssoziologen sprechen in so einem Fall von der „auserwählten Gemeinschaft“, vom Gefühl der Angestellten, zu einer ganz besonderen Gruppe von Menschen zu gehören. Prost sagt, er wolle die Leute mitreißen. „Es geht um den Geist.“ Und dass dies vielleicht auch die besondere Kultur des Mittelstands sei, ein Vorteil gegenüber großen Konzernen.

Im Flur in Ulm hängt deshalb eine Tafel, darauf stehen in bunten Farben viele Worte: Ehrlichkeit, Anständigkeit, Respekt, Demut. Werte, die im Unternehmen gelebt werden sollen. Im Flur, im Büro, im Labor – in der Produktionshalle. Auch dort hängt so eine Tafel. Bei Liqui Moly haben alle 450 Mitunternehmer eine Arbeitsplatzgarantie, fest versprochen. Ernst Prost sagt, sein Vorbild sei Mutter Teresa.

In den ersten sechs Monaten 2009 erzielte sein Unternehmen 114,4 Millionen Euro Umsatz, 6,4 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum 2008. Doch kleinlich will Prost nicht sein. Bei zwölf Millionen Euro vor Steuern habe der Gewinn 2008 gelegen, sagt er. Ob es in diesem Jahr nun zehn oder gar nur neun Millionen werden, so wichtig sei ihm das nicht. Die Ölkrise 2008 hat sein Unternehmen arg gebeutelt, hat ihm schlaflose Nächte beschert. Nichts, was nun kommt, kann noch schlimmer sein, glaubt er.

Es ist ein ganz eigener Plan, den sich Prost zurechtgelegt hat, mit dem er sich der Krise verweigern will. Er wird funktionieren, weil Gewinn für ihn relativ ist und Geld eben Geld. Was passieren würde, falls er Verluste macht, darüber spricht er nicht.

Prost wurde in einem Wallfahrtsort geboren, in Altötting, Bayern. Sein Vater war Maurer, seine Mutter Fabrikarbeiterin. Die katholische Kirche mag Prost nicht, er trat aus. Aber gläubig, das ist er. „Ja“, sagt er entschieden. Er ist ein großer Mann mit kräftigem Händedruck und einem freundlichen Gesicht. Haare und sein Schnurrbart sind ein bisschen grau, die Augen fröhlich. Am Anfang, das weiß er, steht die Arbeit. „Im Schweiße deines Angesichts“, heißt es in der Bibel. Das große Geld kommt hinterher.

Für Ernst Prost, den gelernten Kfz-Mechaniker, kam es mit der Produktion von Motorenölen und Additiven, chemischen Zusatzstoffen, die Flüssigkeiten dünn- oder dickflüssiger machen oder vor Verklumpungen schützen können. 1990 wurde er Vertriebschef und Marketingleiter bei Liqui Moly, zuvor hatte er zwölf Jahre lang beim Autopflegemittel-Hersteller Sonax gearbeitet, wo er als Verkäufer begann. „Eine Tellerwäscher-Karriere“, so nennt er es gerne. Stück für Stück übernahm er Liqui Moly von der Gründerfamilie Henle, kaufte 1998 die letzten Anteile. 6,5 Millionen Dosen Additive wurden 2008 in Ulm hergestellt, mehr als 51 Millionen Kilogramm Öle und Schmierfette in Saarlouis produziert. 2009, so hätte es Ernst Prost gern, sollen es mehr werden. Den Umsatz von rund 233 Millionen Euro aus dem vergangenen Jahr will er 2009 noch steigern, Krise hin oder her.

Nun schickt er vermehrt Angestellte ins Ausland, neue Märkte erschließen, Tadschikistan, Thailand, Vietnam. In mehr als 90 Ländern werden Fahrzeuge bereits mit Liqui-Moly-Produkten geölt und geschmiert.

Molybdändisulfid, kurz MoS2, der Schmierstoff, der dem Unternehmen seinen Namen gab, ist ein Stoff mit Notlaufeigenschaften. Er verbessert die Gleitfähigkeit, hält Ventile sauber, verhindert Ölverlust und kann dafür sorgen, dass technische Dinge notfalls auch unter extremsten Bedingungen weiter funktionieren. Als weißes Pulver steht er in einem kleinen Behälter im Ulmer Labor. Zwischen zwei Fingern verrieben, macht er die Haut ganz geschmeidig. Deswegen mischen sogar einige Kosmetikfirmen MoS2 in ihre Produkte: Es glättet Falten.

Ein Drittel Gewinnstreben, zwei Drittel Ethik, das ist Prosts eigene Mischung. Ethik, glaubt er, habe sehr wohl einen ökonomischen Wert. Prost sagt: „Wenn ich gut zu den Menschen bin, dann sind sie auch gut zu mir.“

Mit großflächigen Anzeigen in einer Boulevardzeitung startete er vor Monaten eine Kampagne. „Arbeitsplätze statt Aktienkurs“, hieß es da oder „Mittelstand statt Multi“. Prost besuchte Talkshows, gab Interviews. Selbstbewusst erklärte er sein Rezept gegen die Krise: nicht sparen, investieren. Die Produktion nicht ins Ausland verlagern, sondern deutsche Arbeitsplätze sichern, nicht entlassen, sondern mehr arbeiten. An die Börse gehen? Niemals, sagt Prost. Mit Aktionären an Bord sei man nicht mehr „Herr im eigenen Haus“.

Er bekam Post von fremden Menschen, die versprachen, ab sofort nur noch Liqui-Moly-Produkte zu kaufen. „Ich schreibe Ihnen als Selbstölwechsler und Deutscher“, schrieb einer. Auch der SPD-Mann Steinmeier ließ ihm für seine Haltung ein Lob ausrichten.

Ernst Prost sitzt in seinem Büro, in dem kein Computer steht, das dafür aber vollgestopft ist mit Skulpturen und Bildern. Ein paar Leinwände lehnen an Regalen – es ist einfach nicht mehr genügend Platz für all die Dinge, die der Unternehmer um sich haben möchte. Prost sammelt, weil ihn Kunst fasziniert. Und weil er Künstler unterstützen will, die ja nur wenig Geld verdienten, sagt er.

In der Ulmer Produktionshalle hockt Anja Özkaya, 29, an einer Maschine und schraubt rote Deckel auf zylinderförmige Dosen. Sie erzählt, dass sie als Halbtagskraft bei Liqui Moly etwa 1200 Euro bekommt. Ganz still sitzt sie auf dem hohen Stuhl, bewegt nur die Hände, der lange blonde Pferdeschwanz wackelt kaum.

Dose, Deckel, Dose, Deckel.

Beißender Geruch liegt in der Luft, wie Klebstoff. Die Maschine, an der Anja Özkaya sitzt, ist die älteste in der Halle. Sie wurde 1978 gebaut. Andere sind nicht viel jünger. Natürlich könnte es schneller gehen, mit modernen Maschinen, sagt der Maschinist. Aber dann bräuchte man jemanden wie Anja Özkaya nicht mehr, die eigentlich ausgebildete Kinderpflegerin ist und trotzdem lieber am Fließband arbeitet, weil ihr die Firma so sympathisch ist. Sagt sie. Und entlassen wird ja nicht. Das sagt Ernst Prost.

Stattdessen führte er Wochenmeldungen ein, bat jeden Mitarbeiter, regelmäßig Empfehlungen vorzulegen: Wo kann gespart, was kann verbessert werden? Als sie von der Krise Wind bekamen, da hätten sie zum Beispiel wie verrückt neue Rezepturen ausprobiert, erzählen die Chemiker und Ingenieure im Labor. Zur vergangenen Weihnachtsfeier im Ulmer Maritim-Hotel lud Prost den Extrembergsteiger Reinhold Messner ein. Der erzählte von aussichtslosen Situationen am Berg, die sich zum Guten wendeten. „Wenn man sich einredet, dass man krank ist, dann wird man es wirklich“, glaubt Ernst Prost. Seinen Angestellten zahlte er am Jahresende eine Siegprämie. Denn, so lautet der Umkehrschluss, wer glaubt, dass er gewinnt, der kann es auch schaffen.

Fatal seien dagegen die Prognosen der Wirtschaftsweisen, sagt Prost. Weil sie den Menschen Angst machten, sie daran hinderten, zu konsumieren. Es sei die Liebe zu den Menschen, die in der Wirtschaft fehle. Wo solle sie auch herkommen, in einer Welt, in der jeder nur für sich schafft, vielleicht mit einem Fünfjahresvertrag? Und danach reicher ist – und wieder weg, weiter zum nächsten Job. Für Ernst Prost ist das nichts. Nicht langfristig, nicht nachhaltig.

2005 erstand er das Wahrzeichen der Ulmer Nachbarstadt Leipheim in Bayern: ein mittelalterliches Schloss mit Zinnen und Türmchen. Es war eine spontane Idee, seine Sekretärin las von der Auktion in einer Zeitung. Rund 350 000 Euro kostete der heruntergekommene Bau. Prost überlegte nicht lange, kaufte das Schloss und richtete es her. Zwei Millionen Euro steckte er in die Restauration. Nun lebt er dort allein. Verheiratet ist er nicht, sein 16-jähriger Sohn aus einer früheren Beziehung wohnt bei der Mutter.

Von den rund 1000 Quadratmetern nutze er so gut wie nichts, sagt Prost. Aber die Leipheimer, die hätten sich gefreut, dass er ihr Schloss wieder hergerichtet hat. Für sie habe er das getan, sagt Prost. „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ So steht es im Grundgesetz, Artikel 14, Absatz 2. Prost sagt: „Ich selber, ich brauche das alles nicht.“

Dann erzählt er von seiner neuesten Errungenschaft: ein Gut im Osten von Brandenburg. Wieder ein Spontankauf. Wieder muss restauriert werden. Wieder wird Prost eine Menge Geld in etwas stecken, das er kaum genießen kann, denn er wohnt ja knapp 1000 Kilometer entfernt, in einem Schloss, von dem er auch nichts hat.

Bevor Prost damals zu Sonax ging und sich dort hocharbeitete, war er Angestellter bei einer Firma für Schwimmbadtechnik, entwickelte und verkaufte Schwimmbadanlagen für Privatleute. Damit habe er „richtig fettes Geld verdient“, sagt er. Aber er sei auch mal arbeitslos gewesen, sechs Monate lang. Das schlechte Gefühl vergisst er nicht.

Ernst Prost meint, im Leben müsse es immer mindestens zwei Seiten geben: Fleiß und Gewinn, Arbeit und Spaß, Ernst und Prost. Bevor er zum fleißigen Arbeiter wurde, trieb er sich herum. Mit 16 trampte er das erste Mal los. Das Geld, das er dafür brauchte, verdiente er sich an der Seite des Vaters auf dem Bau. Später reparierte er die Rasenmäher der Nachbarschaft. Auf einer Harley fuhr er durch Amerika, da hatte er schon eine Kreditkarte im Gepäck. Mittlerweile gehört er zu den Besitzenden. Schlechter findet er das nicht. Denn nun könne er etwas tun gegen die Missstände, gegen die er früher nur demonstrierte.

Glühend heiß ist es tagsüber in der Wüste Namib, nachts klirrend kalt. Regen fällt oft jahrelang nicht. Welwitschia Mirabilis, die wundersame Pflanze, überlebt trotzdem. Weil sie weiß, wie man Nebel einfängt.

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