Zeitung Heute : Motorrad: Der Adler ist gelandet

Andy Schwietzer

Nachdem das italienische Traditionsunternehmen Moto Guzzi aus Mandello del Lario am Comer See zu Beginn des Jahres durch den Kauf-Coup von Aprilia Chef Ivano Beggio vor dem Verkauf in außeritalienische Hände bewahrt wurde, atmeten nicht nur italophile Motorradfreaks auf. Eine Motorradwelt ohne Guzzi wäre ärmer. Wer erinnert sich nicht an die klangvollen Guzzi-Namen der 70er und 80er Jahre wie "Le Mans" oder "California"? Die Norditaliener bauen seit 1921 Motorräder nach unverwechselbaren Rezepten. War es früher der liegende Einzylinder, der das Guzzi-Image prägte, steht Guzzi seit 1967 für den querlaufenden, fahrtwindgekühlten V 2 mit 90 Grad Zylinderwinkel. Auch die V 11 Sport macht hier keine Ausnahme, zitiert die erste V 2 SportGuzzi von 1971, die "V 7 Sport".

Aber es handelt sich hier nicht um ein wachsweiches Retro-Bike, sondern um eine glasklare Sportmaschine mit dem Stammbaum einer alten Dynastie - auch wenn sie keine Verkleidung trägt. Wer es verkleidet mag, um auf der Autobahn dem Fahrtwind mehr als die eigenen Nackenmuskeln entgegenzustrecken und häufig mit ICE-Tempo und Drehzahlen um 10 000/min über die Betonpiste bolzt, sitzt hier auf dem falschen Dampfer. Der mit reichlich Hubraum (1064 ccm) gesegnete Zweizylinder gehört zu den rar gewordenen Bullerahnen im großen Zweiradangebot. Heiße Heuler mit vier Zylindern gibt es aus Japan zuhauf, doch das Guzzi-Erlebnis ist im dritten Jahrtausend so ziemlich einmalig.

Auch mit Saugrohreinspritzung ist der V 2 ein Motorradtriebwerk von altem Schrot und Korn. Nach dem Druck auf den Anlasserknopf ertönt ein dezentes Gewitter, das schon nach kurzem Anwärmen in den typischen Herzschlagleerlauf der großen V 2 verfällt. Beim Gasgeben will sie den GuzziNovizen nach rechts vom Motorrad schmeißen. Der hoch verdichtete Querläufer besitzt nicht nur Charakter, sondern auch Rückdrehmoment. Er operiert noch mit zwei Ventilen pro Kopf, und zeigt sich auch hier als faszinierend gestrig. Also doch für Nostalgiker?

Nee, nee, der Fortschritt zeigt sich rasch beim Fahren: Besaßen frühere Guzzi-Sportler die Federungsgüte eines Ytong-Steins, die Wendigkeit eines Teeklippers und forderten Bedienungskräfte, die auch einem Lanz Bulldog zur Ehre gereicht hätten, zeigt sich die V 11 schon im Stadtverkehr als echter Handschmeichler: Gasgriff, Kupplung und das sechsgängige Getriebe funktionieren nicht anders als bei einer aktuellen BMW. Naja, die trockene Zweischeibenkupplung rasselt halt ein bisschen. Die aufwändigen Federelemente in Form einer einstellbaren Up-side-Down-Gabel und einem in Zug- und Druckstufe fein justierbaren Sachs-Federbein sorgen für eine kommode Fahrt, nicht wie auf einer Telelever-Sänfte aber mit spürbarem Schluckvermögen. Und nicht zuletzt die Bremsen lassen mit glasklarem Druckpunkt und sauberer Dosierbarkeit die Schrecken der Vergangenheit vergessen. Doch der größte Fortschritt ist die enorme Handlichkeit der weder leichten noch kurzen Guzzi. Im Winkelwerk bundesdeutscher Mittelgebirge ist nur minimaler Kraftaufwand vonnöten, um sie flink um Biegungen zu leiten oder um rasante Schräglagenwechsel einzuleiten.

Dabei liefert der Motor beim Beschleunigen schon ab 2000/min kräftigen Schub, der leider bei 4000/min etwas zögerlicher wird, um schließlich bei 5000/min ins Crescendo zu verfallen, das die 91 PS starke Maschine bis auf 217 km/h hochtreibt. Doch hier offenbart sich dann auch ein Nachteil unserer Ära. Kunden und Designer lieben den großspurigen Auftritt, sprich breite Reifen. Mit dem serienmäßigen 170er Heckpneu gerät die große Guzzi bei Autobahnbolzereien schon mal ins Taumeln. Ein Satz schmalerer Bridgestone "010"-Reifen bringt deutlich mehr Ruhe ins Gebälk der 21 300 Mark teuren Sportlerin. Eigenwillig ist die Paraleverschwinge mit zwei offenen Kreuzgelenken für den Kardanantrieb. So verbindet man die Nachteile von Kardan und Kette!

Der Rest ist schnell erzählt: Die Ausstattung ist edel aber spartanisch. Die Sitzposition mit den einstellbaren Stummeln und nicht einstellbaren Rasten ist nicht zu extrem. Leider passen bei langen Kerls die Knie nicht so schön an den 22 Liter fassenden Tank. Diese Guzzi genießt man am besten ohne Madame und nur mit einem Tankrucksack. Einsame Straßen, Morgentau und Chausseebäume gehören dazu wie der wärmende Espresso nach zwei Stunden Fahrt. Es gibt Motorräder, da steigt man ab und weiß nichts zu erzählen. Die V 11 Sport ist das Gegenteil!

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