Zeitung Heute : Motorrad: Ganz schwer auf Zack?

Andy Schwietzer

Wer Cagivas neusten Streich auf dem hartumkämpften Motorradmarkt, die Raptor 650, verstehen will, muss die jüngere Geschichte bemühen. Ihr Designer, der Argentinier Miguel Galluzi, wurde zu einer Motorradform angeregt, als er am Pasadena Art College Design studierte und die Streetfighter-Umbauten seiner Kommilitonen sah. Das Zurschaustellen von Superbike-Technik, die 1990 normalerweise hinter Plastik zu stecken hatte, war neu und von der Industrie noch nicht aufgegriffen.

Bei Ducati machte Galluzzi aus dieser Idee eine Philosophie und heraus kam ein gedrungener Sportmaschinen-Verhau mit breitem Lenker, dem ein Ducati-Werktätiger erschreckt den Namen "il mostro" (das Monster) verpasste. Eine Legende ward geboren und zusammen mit der verschalten Superbike-Ikone "916" verhalf die Monster 900 M von 1993 Ducati zu einer Renaissance auf Pisten und in Verkaufsräumen wie sie Jahre vorher nur Träumern möglich schien.

Im Lauf der Jahre wurden der 900er Monster kleinere Geschwister mit 750 und 600 ccm zur Seite gestellt. Und prompt ist Ducatis Monster 600 im trendbewussten Italien das meistverkaufte Motorrad. Signor Galluzzi jedoch, mittlerweile in Diensten von Cagiva wurde daher beauftragt einen Monster-Killer zu entwerfen. Dass auch der Monster-Killer die Aura des Bösen um sich verbreiten sollte, ließ sich Galluzzi bei Jurassic Park inspirieren und aus dem Ei schlüpften Raptoren um die Vorherrschaft der Monster zu beenden. Der Ober-Raptor mit megascharfem Suzuki TL 1000 S-Antrieb ist dank raketenmäßiger Fahrleistungen tatsächlich geeignet, Furcht und Schrecken unter den nur bürgerlich motorisierten Monstern zu verbreiten.

Deutlich handzahmer aber immer noch rattenscharf gibt sich die jüngst erschienene Cagiva 650er Raptor mit 73 PS. Auch hier liefert Suzuki den V 2-Antrieb. Just der gleiche Motor ackert bereits in der Suzuki SV 650, die auf sehr japanische Weise das Monster-Thema aufgreift und mit wenig spektakulärem Outfit aber hoher Alltagstauglichkeit und Kampfpreis das dritte Bike in diesem nackten V 2-Segment darstellt. Galluzzi leistete saubere Arbeit: Die Formsprache der Raptor ist durchaus exzentrisch, ohne dabei die Funktionalität aus den Augen zu lassen. Mittelschlank fühlt sich die 650er Raptor an, wenn man sie von der simplen Seitenstütze zieht. Der 19 Liter fassende Tank bleibt ein allzeit präsenter Kloß vor dem Biker-Bauch. Aufgesessen fühlt man sich fein ins Motorrad integriert und beginnt sich umzuschauen. Dreieckiger Drehzahlmesser, Dino-Krallen als Auspuffblende und ein Echsensteiß als Soziusplatz: In Italien ist man um keine Design-Idee verlegen!

Beim Fahren merkt man rasch, dass hier nicht nur mit der Schreibmaschine zusammenkonfektioniert wurde. Die Cagiva zeigt, dass die Italiener immer noch ein Händchen und die richtige Nase fürs Zweiradfahren haben. Die Raptor fährt so gut, wie eine Suzuki, die beim Tuner war! Mit straffer Dämpfung favorisiert die 14 300 DM teure Raptor gefühlsechten Fahrbahnkontakt, das Dino-Baby liegt bombig. Total neutral lassen sich Kurven durcheilen, der Kompromiss aus Zielgenauigkeit und Handlichkeit ist gelungen, wenn auch eine Ducati noch mehr Vorderradgefühl vermittelt. Die Suzuki ist zwar noch handlicher als die Azzuris, fährt aber schwabbelig unpräzise!

Noch dazu fanden die Norditaliener dank der zweitöpfigen Auspuffanlage und besseren Airboxabstimmung ein deutliches Plus an Drehmoment im mittleren Bereich und erhöhten sogar noch die Spitzenleistung des Suzuki-Trieblings, so dass die Raptor nicht nur 600er Monster sondern auch Suzuki SVs zum Frühstück verspeist. Außer dem Soziussitz ist an der Cagiva alles besser als bei Suzuki, die auf Platz 3 der bundesdeutschen Motorradverkaufshitparade steht. Die 2000 DM Mehrpreis der Raptor sind nicht nur durch das witzigere Design gerechtfertigt. Übermäßigen Fahrkomfort hat die Echsen-Brut nicht zu bieten, dafür ist der Kniewinkel zu eng. Windschutz, Hauptständer und Gepäckunterbringung sind Details die der Raptor-Bändiger gar nicht erst checkt, hier kann es sonst Enttäuschungen geben, die aber auch bei der direkten Konkurrenz sicher sind. Dennoch bleibt die flinke Cagiva ein Bike fürs wirkliche Leben jenseits von Kintopp und Kurvenkratz: Handling, Fahrleistungen, Preis und nicht zuletzt die optimal abgestimmte Bremsanlage mit zwei 300er Brembo-Suppentellern im Vorderrad nebst Stahlflexschläuchen summieren sich zu einem Top-Angebot.

Niedrige Sitzhöhe, simple Bedienung und der wunderbar gleichmäßig Leistung liefernde SV-Twin lassen in Verbindung mit dem ausgewogenen Fahrwerk die Raptor überland marschieren, in der Stadt wunderbar wuseln und in Kurven sausen. Wenn man das Thema Fahren vor Gepäcktransport, Soziusglück und ImageKult stellt, ist der Kauf einer Raptor nicht mehr als logisch! Wer noch ein wenig herumschocken möchte oder meint ohne Verkleidung gehe es nicht, findet in der frontverkleideten V-Raptor für einen großen Zettel mehr einen noch schrilleren Partner für den Weg zur Arbeit und ins Wochenende!

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