Zeitung Heute : Motorrad: Landstraßenlust ohne Leistungsdruck

Andy Schwietzer

Sachs - ein Name ohne den die Fortbewegung der Deutschen kaum denkbar gewesen wäre. Wer denkt jetzt nicht an das erste richtige Fahrrad mit Torpedo-Nabe und Dreigangschaltung, an Opas 98er mit Tretkurbeln oder an die schnelle Ultra von Cousin Andreas. Die Sachs Fahrzeug- und Zweirad GmbH ist ein kleines, selbstständiges Unternehmen, das neben Klein- und Leichtkrafträdern auch zwei ausgewachsene Motorräder baut. Flaggschiff der fränkischen Flotte ist die von uns nun getestete 800er Roadster. Ein Motorrad, dessen Name schon geschwungene Landstraßen, eingerahmt von sommerlicher Farbenpracht, suggeriert.

In eine der vielen, im heutigen Motorradbau fixierten Nischen passt die 58 oder 34 PS starke 800er Sachs Roadster kaum. Das will sie auch gar nicht. Sie ist weder Cruiser noch Chopper, und auch kein typisches Sportmotorrad. Sie nimmt den dritten Weg: Lässiger Fahrspaß auf der Landstraße mit der Kompetenz funktionierender Fahrwerkstechnik aber ohne Leistungsdruck. Lebensbejahende Menschen ohne superlativen Anspruch sollen ihren Spaß an der Sachs haben.

Sachs-Chefkonstrukteur Hartmut Huhn und die deutschen Designer der "Target"-Truppe haben es verstanden, Design und Funktionalität gut miteinander zu verbinden und lassen klassische Prinzipien durchschimmern. Das spürt man schon beim Aufsteigen: Sitzhöhe, Lenkerform und Lage der Fußrasten erinnern an die großen Vauzwei der Vorkriegszeit. Doch keine falsche Nostalgie. Es handelt sich hier um ein modernes Motorrad.

Mit aufgespannten Armen, tiefem Sitz und Fußrasten unter der Sattelnase empfängt man den Wind. Locker und gut austariert fühlt sich die Sachs an. Der Druck auf den Starterknopf an den sehenswerten polierten Leichtmetallarmaturen zaubert ein Lächeln auf das Gesicht der Umstehenden. Gutmütig polternd meldet sich der 800er Motor zu Wort. Der komplette Antrieb, mitsamt der gesamten Kraftübertragung inklusive dem sauberen Kardan stammt von Suzuki. Der Motor hatte schon vor Jahren in den diversen Tourern und Choppern souveräne Auftritte ohne faden Nachgeschmack.

So zeigt sich das chromgeschmückte Aggregat als fast idealer Motorrad-Antrieb, wenn man nicht zur Gruppe der Speedfreaks gehört: Kräftig im Antritt schon im Drehzahlkeller, unterhaltsam im Ton und niemals kraftlos ohne den gemeinen Biss moderner Sportmaschinen passt der Japanimport in den Sachs-Rahmen wie in ein frisch gemachtes Bett.

Hohe Drehzahlen und Auswringen der letzten Reserven gehen ihm nicht so locker von der Welle, Vibrationen machen sich ab 4000/min auf, um ab 5000/min zur Mäßigung zu gemahnen. In Verbindung mit der lässig aufrechten Sitzposition besitzt die maximal 175 (gedrosselt 153 km/h) km/h schnelle Sachs ein "eingebautes" Tempolimit von 140 km/h. Gelassene Fahrweise muss mit fünf Liter/100 km belohnt werden, Hast zieht einen Verbrauch bis sieben Litern nach sich.

Das Fahrwerk wäre jederzeit für mehr gut. Mit langem Radstand und flachem Lenkkopfwinkel (65Grad) läuft die 228 Kilo schwere Maschine unter allen Umständen brillant geradeaus. Zielsicher und präzise lässt sie sich durch Kurven jeder Art führen, will aber in schnellen Schräglagenwechseln mit Nachdruck geschwenkt werden. Der tiefe Schwerpunkt sorgt für erdnahes Fahrgefühl an beiden Rädern, nicht von der sportiven Direktheit einer Ducati Monster aber jedem Chopper/Cruiser-Produkt aus Japan oder den USA um Welten voraus.

Auch die feinen Fahrwerkszutaten fügen sich gut ins Bild lässiger Harmonie. Die fein ansprechende Upside-Down Gabel darf wie die Grimeca-Doppelscheibe am Vorderrad in dieser Preisklasse getrost als High-End-Produkt betrachtet werden. Ergänzt wird das Bild durch die gute Suzuki-Trommelbremse und die Bitubo-Federbeine am Heck. Diese federn und dämpfen zwar bandscheibenschonend weich, ihre Reserven werden aber bei zugiger Gangart oder extrem schlechten Straßen doch rasch aufgebraucht. Der kurze Federweg scheint die Achillesferse des sonst überzeugenden Produktes zu sein.

Das rollende Gut in Form wunderschöner Speichenräder mit exquisiten Leichtmetallfelgen von Behr wurde aus optischen Gründen so breit gewählt. Hartmut Huhn weiß, dass der heutige Motorradkäufer gern auf großem Fuß lebt, auch wenn technisch keine Notwendigkeit für derartig breite Schlappen besteht. Trotz blinkendem Chrom kommt auch die alltägliche Funktion an der Sachs nicht zu kurz: Die Spiegel sind erstklassig, die Instrumente bei Tag und Nacht gut abzulesen und die Kontrollleuchten erkennt man auch, wenn die Sonne darauf scheint.

Getriebe, Kupplung und Schalter geben selbst Fahrschülern keine Ratsel auf. Lediglich ein Hauptständer wurde an der Testmaschine vermisst. Dieser ist gegen zwei Hunderter extra nun lieferbar. Der Sozius oder die Sozia sitzt auf der Nürnbergerin übrigens um Klassen besser als auf konventionellen Chopper/Cruiser-Entwürfen. Auch bieten die Nürnberger reiselustigen Roadsterpiloten ein Koffersystem und ein Windschutzscheibchen gegen Aufpreis an.

Leider ist die Zuladung mit 172 Kilo ein wenig mager. Wer kommt nun für die Sachs in Frage? Wenn Sie ein zeitgemäßes, individuelles Zweizylindermotorrad mit dem Anspruch abendländischer Individualität suchen, ihnen eine BMW zu kybernetisch-technisch, eine Triumph Bonneville zu nostalgisch, eine Ducati Monster zu sportlich erscheint, dann sind Sie der Mann oder die Dame für die 15 700 Mark teure Sachs. Vielleicht wird der dritte Weg ja zur Liebesaffäre ...

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