Zeitung Heute : Motorrad: Victoria und die Niederlage

Andy Schwietzer

Von einem Kreis hartgesottener Fans schon lange erwartet und auch für viele andere von Interesse: Ein kompetentes Buch über die heute fast vergessene Motorradmarke Victoria. Thomas Reinwald, Spezialist für Motorradmarken in und um Nürnberg hat abermals zugeschlagen und in Walter Podszun aus Brilon einen Verleger gefunden, der sein Buch in eine ausgezeichnete Form brachte. Beiden gebührt Beifall, sich thematisch nicht nur am Massengeschmack zu orientieren, sondern echte Lücken im Angebot historischer Kraftfahrliteratur zu schließen.

Reinwald erzählt auf 128 Seiten die Geschichte der Marke, die 1886 als Frankenburger & Ottenstein OHG begonnen hatte Hochräder zu bauen und zu den ältesten Motorradproduzenten im Deutschen Reich (seit 1901) gehörte. Versuche mit Personenwagen vor dem Ersten Weltkrieg werden erwähnt wie die sukzessive Weiterentwickelung der KR-Längsboxer, die mit einem zugekauften BMW-Triebwerk begannen.

Natürlich werden die sportlichen Zwei- und Viertaktsingles der 30er Jahre beschrieben wie auch die Ränkespiele der Nazis, die den jüdischen Firmengründer Ottenstein enteigneten und ins Exil trieben. Auch die Nachkriegszeit findet entsprechenden Widerhall: Der Wiedereinstieg in den Fahrzeugmarkt mit den bewährten KR-Zweitaktern und die geschickte Verwandlung der zukunftsträchtigen Vicky-Konzeption vom Fahrrad-Hilfsmotor zum Vollwert-Moped.

Dann die Jahre von 1955 an: Die Absatzkrise auf dem Motorradmarkt, der nicht ausgegorene Versuch, mit der Swing gegenzusteuern. Das Ende im unsicheren Hafen der Zweiradunion, bei dem drei Kranke keinen Gesunden machen, ist das letzte und traurigste Kapitel der Victoria-Geschichte.

Manches könnte detaillierter erklärt sein, Techniker werden Detailinformationen über Victorias technische Extrawürste wie Spülsysteme oder Kettengetriebe vermissen. Auch ein Anhang mit technischen Daten wäre willkommen gewesen. Den sonst guten Eindruck nicht schmälern können einige Detailmängel wie die fälschliche Bezeichnung des Nicky-Rollers als Moped, der Druckguss-Flop war ein Kleinkraftrad. Doch als Nachschlagewerk zur Firmen- und Modellgeschichte bleibt das mit 264 Fotos und Zeichnungen sehr gut illustrierte Werk unverzichtbar und es erhellt, warum die Franken mit ihrer hilflosen Modellpolitik und ihrem Festhalten an veralteten Grundsätzen scheitern mussten.

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