Motorsport : Formel sauber

McLaren-Mercedes ist wegen Industriespionage hart bestraft worden. Welche Folgen hat das für die Formel 1?

Karin Sturm Christian Hönicke

Der Kampf um technisches Detailwissen im Motorsport ist genauso alt wie der Kampf um schnelle Rundenzeiten selbst. Datentransfer – sei es durch die Abwerbung eines Mitarbeiters oder andere Mittel aus der Grauzone – hat es in der Formel 1 immer gegeben. Willy Rampf, der Technikchef von BMW-Sauber, gab neulich unumwunden zu: „Wir bauen pro Jahr mindestens 20 Ideen der Konkurrenz nach – wie alle anderen auch.“

Gerade erst wurde der Chef der McLaren-Entwicklungsabteilung, Steve Clark, von Honda abgeworben – für das Dreifache seines bisherigen Jahresgehalts. In der jüngeren Vergangenheit nahmen Ferrari-Mitarbeiter Know-how zu ihrem neuen Arbeitgeber Toyota mit. Bestraft wurden sie dafür genauso wenig wie die höchst engagierte Fotografin, die vor ein paar Jahren in der McLaren-Box aufgetaucht war, um sich leidenschaftlich den Details der Renner zu widmen. Später stellte sich heraus, dass sie die Verwandte eines leitenden Ferrari-Angestellten war. Sogar auf Nebenschauplätzen ist Informationsklau nicht unüblich. Erwin Göllner, ein österreichischer Physiotherapeut, erzählt: „Der heutige Ferrari-Testpilot Luca Badoer hat bei mir trainiert und die Simulatoren, die ich entwickelt hatte, fotografiert. Das Material hat er dem Ferrari-Partner Technogym gegeben – und die haben das nachgebaut und als ihre eigene Idee verkauft.“

Seine Brisanz zieht der aktuelle Fall vor allem aus der Konstellation: Involviert sind die Erzrivalen und Titelkonkurrenten McLaren-Mercedes und Ferrari, die die Formel 1 in zwei Lager spalten. Mittendrin steckt der Automobilweltverband (Fia), der sich in der Vergangenheit den Ruf erarbeitet hat, „Ferrari näher als irgend jemandem sonst“ zu stehen, wie es der dreifache Weltmeister Jackie Stewart ausdrückt. Vielleicht ist so zu erklären, wie es zu dem Präzedenzfall mit der härtesten wie inkonsequentesten Strafe in der Sportgeschichte kommen konnte. Dass McLaren 100 Millionen Dollar und alle Punkte aus der Konstrukteurs-WM verliert, die Fahrerwertung aber unangetastet bleibt, findet nicht nur der IOC-Vizepräsident Thomas Bach „zwiespältig“. „Im Sinne eines glaubwürdigen Wettbewerbes verstehe ich nicht, warum die Fahrer verschont werden“, sagt er.

Die offizielle Urteilsbegründung konnte wenig zur Aufklärung beitragen. Die Quintessenz der 15 Seiten lautet: „Der Fia-Motorsportweltrat muss nicht beweisen, dass die Informationen von McLarenMercedes auch benutzt wurden, um eine Strafe auszusprechen. Wenn der Weltrat so entscheidet, dann reicht dafür auch der pure Besitz dieser Unterlagen.“ Der Freispruch in der ersten Anhörung wird damit begründet, dass damals von McLaren argumentiert worden sei, außer dem inzwischen entlassenen Techniker Mike Coughlan habe niemand Zugang zu den Informationen des Konkurrenten Ferrari gehabt. Nun sei aber anhand von Kontakten zwischen Coughlan, Testpilot Pedro de la Rosa und Weltmeister Fernando Alonso erwiesen, dass der Kreis der Eingeweihten größer gewesen sei. Der Weltrat kommt zu dem Schluss, dass McLaren einen Vorteil gewonnen habe, auch wenn der sich nicht quantifizieren lasse.

Im Formel-1-Fahrerlager rief die Entscheidung mehrheitlich Unverständnis hervor. Der frühere Weltmeister Niki Lauda sprach von einem „traurigen Tag für die Formel 1“, der ehemalige Pilot Christian Danner empfand es als „ziemliches Unding, auf dieser Basis so eine harte Strafe auszusprechen“. Wegen der vergleichsweise dünnen Beweislage denken die Bestraften nun darüber nach, in Berufung zu gehen oder vor ein ordentliches Gericht zu ziehen. „Ich akzeptiere nicht, dass wir es verdient haben, so bestraft zu werden und dass unser Ruf so beschädigt wird“, sagt McLaren-Chef Ron Dennis. Auch Motorenpartner Mercedes will „vor Gericht Gerechtigkeit“ finden, einen etwaigen Ausstieg des Autobauers aus der Formel 1 schließt Norbert Haug hingegen eindeutig aus. „Das steht überhaupt nicht zur Diskussion“, sagt der Mercedes-Motorsportchef. „Wir sind weiterhin überzeugt, das bei uns nichts falsch gemacht wurde und stehen weiter voll zu unserem Partner McLaren und zur Formel 1.“

Mindestens so umfangreich wie für McLaren-Mercedes sind die Konsequenzen für die gesamte Formel 1. Denn wenn die Fia dem Eindruck entgegen wirken will, dass es hier nur um die politische Abstrafung eines unliebsamen Teams ging, dann müsste als nächstes der Fall Renault auf den Tisch kommen. Da existieren offensichtlich eindeutige Beweise, dass ein von McLaren zu Renault abgewanderter Ingenieur Informationen mitnahm, die sich am diesjährigen Renault wiederfinden. Es soll sogar ein schriftliches Eingeständnis von Renaults Teamchef Flavio Briatore geben. Mit dem Urteil gegen McLaren hat die Fia die Maßstäbe für künftige Vergehen sehr hoch gelegt. Wenn sie konsequent angewandt würden, meint nicht nur Jackie Stewart, „dann dürfte in der Formel 1 bald niemand mehr mitfahren“.

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