Zeitung Heute : MP3: Ghettoblaster digital

Klaus Angermann

MP3 hat auch nach Napsters Schwächeln an Attraktivität nicht verloren, wie steigende Userzahlen alternativer Tauschbörsen demonstrieren. Nach dem Walkman (Kassetten) und dem Discman (CDs) sind MP3-Player dabei, Fuß auf dem Markt der tragbaren Geräte zu fassen. Bei den Konsumenten hat das neue Musik-Dateiformat den Durchbruch geschafft. Egal, ob für die eigene Stereoanlage, die portable Musik unterwegs oder im Auto: Überall ist MP3 immer komfortabler abzuspielen.

Der Vorteil von MP3-Songs liegt in der hohen Komprimierbarkeit. Obwohl schon jetzt auf eine selbstgebrannte CD mit MP3 bis zu zehnmal mehr Musik passt, wird auf der IFA mit MP3Professional (MP3Pro) ein neues Format vorgestellt, dass MP3 ablösen soll. MP3Pro erreicht bei niedrigeren Bitraten (also kleinerem Platzbedarf) annähernd CD-Qualität. Insbesondere für das Internet-Radio, wo als Datenrate häufig 64 Kilobit pro Sekunde verwendet wird, könnte das erweiterte MP3-Format Chancen haben. "Das von uns mitentwickelte neue Format wird sich vor allem bei den mobilen Playern mit Festspeicher durchsetzen", sagt Emanuel Funk, Marketingleiter Thomson multimedia. Für den Einsatz am PC stehen bereits kostenlose Demo-Software-Player im Netz bereit. Wer von dem neuen Platzwunder unterwegs profitieren möchte, benötigt ein entsprechendes Gerät, wie es Thomson mit dem Lyra PDP 2800 auf der Ifa ausstellt.

Die eingebaute 10 Gigabyte große Festplatte speichert bis zu 5000 MP3Pro-Titel und kann über ein USB-Kabel andere Daten wie Word-Dokumente bunkern. Allerdings wäre dafür das Gerät bei einem erwarteten Preis von immerhin 500 Euro (voraussichtlich ab November 2001) doch etwas zu schade. Statt auf die Festplatte setzen die meisten Hersteller auf Speicherkarten, um MP3-Songs zu bunkern. Manche Player sind mit 32 Megabyte in der Grundausstattung relativ knapp bemessen. Der Nachkauf zusätzlicher Karten ist kostspielig - vor allem jedoch kompliziert, denn ein einheitlicher Standard existiert derzeit nicht.

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Der virtuelle Messerundgang Auf der Ifa sorgen indes weniger unterschiedliche Speichertypen als vielmehr neue Player für Abwechslung. Panasonic beispielsweise hat zwei heiße Eisen im Feuer: Keine 50 Gramm wiegt der Uhren-Player SV-SD75E-A, und kann doch mit der 64 Megabyte großen Memory Card über zwei Stunden komprimierte Musik abspielen. Das blaue Design ist ähnlich gefällig wie der Kopfhörer SV-SD05E mit integriertem MP3-Player. Obwohl beide Geräte schön klein und handlich sind, dürfte manchem der Preis von immerhin 1000 Mark weniger gefallen.

Immerhin: Die elektronischen Musikboxen werden immer kleiner und finden sich, wie beim Siemens SL 45, schon in Handys integriert. Andere Handys lassen sich zum Musikhören indirekt nachrüsten: Nokia-Handys mit der Nummer 3310, 3330 oder 8890 können via Kabel mit dem Music Player HDR-1 verbunden werden. Sind Handy und das MP3-Zubehör HDR-1 miteinander verkabelt, funktioniert der Musikkopfhörer auch als Freisprecheinrichtung bei eingehendem Anruf. Mittels einer normalen AAA-Batterie kann das Fliegengewicht mit seiner auswechselbaren 32 Megabyte großen Speicherkarte gute fünf Stunden auch ohne Handy betrieben werden. Als Einzelgerät wandern 549 Mark über die Ladentheke, im Bund mit dem Handy 3330 sind es (ohne Kartenvertrag) rund 900.

Klein und bunt allein reicht nicht immer, viele Kunden wollen nicht auf die günstigeren Silberscheiben verzichten wie zum Beispiel bei Philips neuen CD- und MP3-fähigen Abspielgeräten. Die tragbaren Player aus der eXpanium-Reihe, die ab Herbst 2001 zwischen 180 und 260 Euro kosten, sind in der Lage, sowohl CDs als auch MP3-Stücke abzuspielen. Wer hätte geahnt, dass im ansprechenden Design sogar Klassiker wie Ghettoblaster zu digitalen Geräuschen fähig sind? Philips Soundmaschinen AZ 1155 und 1138 machen neben Kassetten- und Radiobetrieb weder vor normalen CDs noch vor gebrannten Silberscheiben voller MP3-Songs halt und kosten zwischen 180 und 230 Euro.

Einen optisch anderen Weg geht Sony mit gleich drei neuen so genannten "Network-Walkmen"-Geräten. Statt rundem Outfit sehen die digitalen Walkmänner der neuesten Generation eher wie lange Feuerzeuge aus, dennoch bieten NW-E7, NW-E10 eine Menge Leistung.

Mehr Platz, mehr Hardware-Kompatibilität, Farbdisplays und Festplatten: Die neuen MP3-Player locken mit pfiffigen Details. Kaum ein elektronisches Gerät verzichtet heute auf die MP3-Abspielmöglichkeit. So gibt es von Panasonic einen Camcorder zum Musik hören. Allerdings hat das seinen Preis. Die 1000-Mark-Schallmauer ist längst durchbrochen.

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