Zeitung Heute : MP3pro: Knapp unterhalb der CD

Jürgen Teipel

Vor zehn Jahren stieß der schwedische Autodidakt Lars Liljeryd bei der Arbeit an Unterwasser-Sprechfunkgeräten für die Ölbohrindustrie auf ein seltsames Phänomen. Tief unter der Bohrinsel schienen immer genau dort Schwärme von Micky-Mäusen zu paddeln, wo eigentlich hart gesottene, frühmorgens mit Reißnägeln gurgelnde Taucher mit gebotenem Ernst an Pipelines schweißen sollten. Liljeryd ging der Sache natürlich auf den Grund. Er fand dort unten nicht nur des Rätsels Lösung, sondern kam auch auf eine Idee, die genau jetzt den nächsten Schritt in Richtung entstofflichter Musik bedeuten wird.

Bislang ohne den gewissen Pfiff

Alles redet von MP3. Wirklich probiert haben es die wenigsten. MP3 kann Klangdaten zwar stufenlos verdichten. Aber abgesehen davon, dass der Download auch bei der üblichen Kompression auf 1/12 der Originalgröße immer noch dauert, fangen Qualität und Hörer etwa ab diesem Wert an zu leiden. Damit es weniger zu codieren gibt, wurden bei MP3 bis jetzt hohe Frequenzen einfach abgeschnitten. Hellhörige Ohren vermissen da natürlich den gewissen Pfiff. Mit MP3pro dürfte das alles exakt nur noch halb so schlimm werden. Es ist nämlich beinahe um den Faktor 2 besser als MP3.

Rein rechnerisch wäre damit der Aufwand für den selben, heute normalerweise bei 128 Kilobit (kBit) pro Sekunde codierten Stein des Anstoßes nur noch halb so groß. Da aber kaum zu erwarten ist, dass auf einmal mit weniger als 128 kBit codiert wird, dürften an MP3pro höchstens noch Fledermäuse etwas auszusetzen haben.

Die größte Chance der Audiocodierung ist noch gar nicht erkannt worden: Dass man sich dadurch bald einfacher, preiswerter und deshalb auch mehr mit Musik umgeben könnte. Schon heute ist es mit MP3 viel eher möglich, sich außerhalb genormter MTV-Musik zu orientieren. Nicht nur durch Downloads, sondern auch durch Streaming-Anwendungen wie Webradio - dem eigentlichen Wunder der Codiertechnik.

An sich würde die Übertragung von Musik in CD-Qualität eine Leitung voraussetzen, die etwa 1400 Kilobit pro Sekunde übertragen kann. ISDN schafft effektiv gerade mal 64 kBit. Mit MP3 passt bei der selben Übertragungsrate fast UKW-Qualität durch die Telefonschnur. MP3pro liegt nur noch knapp unterhalb der CD.

Der beiden Verfahren gemeinsame Trick ist die Erkenntnis, dass der Mensch doch keine Maschine ist. Er funktioniert nicht nach den Regeln einer absoluten Akustik, sondern nach denen der Psychoakustik. Das bedeutet, dass für das menschliche Gehör unwesentliche Daten herausgefiltert werden. MP3 hat nur ein Problem. Bei höheren Kompressionsraten blieben bald nicht mehr genug Daten für eine vernünftige Decodierung übrig. Nun sind aber nicht alle Daten gleich wichtig. Zwischen 10 und 20 Kilohertz (kHz) passiert viel weniger als in den 10 kHz darunter. Also fängt MP3 an, von oben her Daten zu löschen. Womit klar ist, dass MP3 nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann.

Hier greift nun Liljeryds Erfindung, die MP3pro von MP3 unterscheidet. Bei seinen Nachforschungen war er auf die Tatsache gestoßen, dass Taucher zu Micky-Mmäusen mutieren können. Je länger Taucheinsätze in größerer Tiefe dauern, desto mehr Helium muss der Atemluft beigemischt werden. Das hat den Nebeneffekt, die Stimme höher werden zu lassen. Liljeryd entwickelte ein System, das die Stimmhöhe beim Empfänger wieder von Micky Maus nach Lee Marvin korrigierte.

Verluste sind Vergangenheit

Mit diesem Hi-Tech-Tool in der Hand bot es sich ihm an, Codec-Bauer zu werden. Liljeryd gründete, zusammen mit einigen an der Erfindung von MP3 beteiligten Wissenschaftlern vom Erlanger Fraunhofer Institut, das Unternehmen Coding Technologies. Gemeinsam entwickelte man seine Idee zu einem marktreifen Verfahren namens Bandbreitenerweiterung weiter - das Höhen eben nun nicht gleich gnadenlos abschneidet. Lars Liljeryd sagt nicht welche - nur dass "gewisse" Daten von dort codiert werden, sodass das Ganze dann wieder in ursprünglicher Bandbreite rekonstruiert werden kann.

Sein deutscher Kollege Martin Dietz, der Entwickler des ersten MP3-Decoders, lässt wenigstens verlauten, dass Bandbreitenerweiterung nicht nur bei MP3 funktioniert, sondern bei fast allen gängigen Codern. Was in der Praxis bedeuten wird: Alles was MP3pro abspielt, spielt auch MP3 ab. Und die Software holt man sich einfach aus dem Netz.

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