Zeitung Heute : Müll zu Kunst

Lars Törne

Wie ein West-Berliner die Stadt erleben kann

Der Mann schlägt unangekündigt zu. Zwei oder drei Mal habe ich ihn zufällig bei der Tat in seinem Revier in Mitte gesehen. Er kam auf einem klapprigen Fahrrad, am Lenker und auf dem Gepäckträger Farbeimer und Pinsel. Damit malte er kryptische Zeichen und Zahlen auf Gegenstände, die andere Menschen zuvor stehen, liegen oder hängen ließen: Plakatreste, alte Möbel, Schrott. Dann verschwand er wieder.

Wie der Mann heißt, weiß ich nicht. Auch nicht, was ihn antreibt. Mit seinen wilden Locken, den Farbklecksen auf der Hose und dem Überzeugungstäterblick sieht er etwas wirr aus. Aber seine Objekte passen zu Berlin, sie sind ein verspielter Kommentar zu den Hinterlassenschaften, die die Bewohner der Stadt nebenbei so fallen lassen. Die am hübschesten arrangierte Freiluftgalerie des manischen Unbekannten habe ich in der Invalidenstraße Ecke Gartenstraße entdeckt. Auf einer verlassen aussehenden Baustelle hat er zahllose Fundstücke auf Stahlträgern aufgespießt und mit Buchstaben, Symbolen und grinsenden Gesichtern zu geheimnisvollen Kunstwerken gemacht.

Manche sehen im Werk des Farbklecksers nur Müll oder Vandalismus, ich finde es ist eine besondere Art von Berliner Kunst. Zumindest, wenn man Kunst so definiert, wie es auch der Regisseur Christoph Mangler tut: als kreative Auseinandersetzung mit seinem Umfeld. Mangler hat drei Jahre lang das fotografiert, was der unbekannte Pinselschwinger und seine unzähligen namenlosen Kreativkollegen auf Berliner Zäunen, Wänden oder Laternenpfählen hinterlassen haben. Rund 150 Fotos der interessantesten Objekte hat der Straßenkunstsammler jetzt in dem Buch „Berlin City Language“ zusammengefasst. Es versammelt Comicfiguren, die an Hauswänden prangen, gesprühte und geklebte Botschaften, Porträts, abstrakte Stillleben und auch manches untalentierte Geschmiere. Das ist oft rätselhaft, nicht immer schön und manchmal nur nervig, aber vor allem bunt und lebendig. Wie Berlin eben.

Christoph Mangler: Berlin City Language, 128 Seiten, Prestel-Verlag, Einführung in Deutsch und Englisch, 14,95 Euro

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