Zeitung Heute : Mülleimer – ab in die Tonne

Der Tagesspiegel

Die Stadt rüstet sich zum Frühjahrsputz – und Spandau will auf besondere Weise für Sauberkeit sorgen: In Grünanlagen werden Papierkörbe abgebaut, damit Spaziergänger ihren Abfall wieder mit nach Hause nehmen. Damit folgt der Bezirk dem Beispiel anderer Städte wie Hamburg. Doch der Vorstoß ist umstritten.

„Ich bin skeptisch, was den Erfolg eines solchen Projekts in Berlin angeht“, sagt Günter Kolodziej, stellvertretender Senatssprecher. Es sei für das Lebensgefühl und die Psychologie der Stadt fatal, durch das Abhängen der Körbe „den Eindruck zu erwecken, der Staat kümmert sich um gar nichts mehr“, meint Peter Stadtmüller, Sprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus. „Es gibt eine Fürsorgepflicht gerade für Parks.“ Claudia Hämmerling, Stadtentwicklungs-Expertin der Grünen, befürchtet als Folge „mehr wilde Müllberge“ – ebenso sehen es die Stadtreinigungsbetriebe (BSR). Und der parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Fraktion, Uwe Goetze, verweist darauf, dass am Kurfürstendamm, auf dem Alex sowie in Strandbädern mehr Körbe angebracht wurden.

Beim Müll scheiden sich die Geister: In Spandau lässt Baustadtrat Carsten Röding (CDU) die Müllbehälter in den Grünanlagen abbauen, in Reinickendorf setzt sein Amtskollege und Parteifreund Michael Wegner weiter auf ein umfassendes Angebot. Baustadtrat Gerhard Lawrentz (CDU/Tempelhof-Schöneberg) befürchtet ebenso eine stärkere Vermüllung der Parks wie Amtsleiter Klaus Knittel, Charlottenburg-Wilmersdorf. „Für uns ist das kein Thema“ hieß es von der Neuköllner Dezernentin Stefanie Vogelsang (CDU). „Kein gangbarer Weg“ – so auch die Ansicht von Stadtrat Michael Schneider (PDS) in Treptow-Köpenick. In diesen Bezirken ist man der Meinung, dass der Abfall noch stärker als bisher in der Landschaft verstreut und diese Reinigung aufwendiger wird als das Entleeren der Körbe. In Steglitz-Zehlendorf hingegen ist Stadtrat Uwe Stäglin von der Idee überzeugt. Hier soll bald ein Park für ein Pilotprojekt ausgesucht werden. Auch Mitte prüft geeignete Grünanlagen für einen Versuch. Spandau hofft auf die Vernunft der Parkbesucher – und Einsparung von bis zu 400 000 Euro im Jahr.

„Einsparungen - das klingt ja gut. Aber letztlich wird es noch teurer, den Dreck aufzusammeln, und die Leute werden sich über die fehlenden Papierkörbe beschweren“, befürchtet Grünen-Expertin Hämmerling. Skeptisch zeigte sich die BSR bereits vor zwei Jahren, als in Hamburg ein ähnlicher Modellversuch gestartet wurde. Orte wie Leonberg, Sindelfingen und Meersburg haben ebenso Körbe abmontiert, dort wurde zunehmend privater Hausmüll entsorgt. Dass es ein langer Weg ist, bis sich Erfolg einstellt, haben die Berliner Forsten festgestellt. Als sie Mitte der 90er Jahre begannen, die Zahl der Müllbehälter im Grunewald zu reduzieren, ließen die Spaziergänger ihren Abfall zunächst trotzdem zurück. Nun geht es um die Körbe inmitten der Stadt.

Senatssprecher Kolodziej bringt jetzt unerwartete Anregungen mit aus dem Osterurlaub in Dubrovnik: „Hier sieht es sehr sauber aus – und es gibt an jeder Ecke Müllbehälter selbst für Zigarettenkippen.“ kög/du-

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