München : Isar-Irrsinn

Unser Autor kennt sein Deutschland: Er stammt aus Bielefeld, lebt in Frankfurt und schreibt für das Satiremagazin „Titanic“. Hier knöpft er sich München vor.

Stefan Gärtner

Einkehr ist das Ziel einer jeden Reise, und wo denn einkehren, wenn nicht hier? In diesem ideellen Gesamtbiergarten mit Bergblick und Gratis-Föhn? Wo praktisch alles prima ist? Oder jedenfalls so gut wie fast?

Schön, es gibt auch in München Fressen, genauer: Es gibt sie gerade da. München und Hamburg sind die Fressen-Hauptstädte Deutschlands. Einen Kölner erkennt man vielleicht am Jean-Pütz- oder neuerdings HorstLichter-Bart, den Berliner an seinen Klamotten vom Designer-Flohmarkt, aber den Hamburger wie den Münchner erkennt man an seiner Fresse.

Auch deshalb, weil das Münchner juste milieu so vergleichsweise jovial ist, wirkt der kleinbürgerliche Oberbürgermeister Ude (SPD) in seiner reichen Stadt nicht ganz so deplatziert wie sein kleinbürgerlicher Parteifreund Scholz in Hamburg. Scholz sieht aus wie der Angestellte, der er ist, Ude ist der Betriebsratsvorsitzende mit dem guten Draht nach oben, der auf der Firmenfeier die Witze erzählt, über die Scholz sich nicht zu lachen traut.

Christian Ude, ehemals Mieteranwalt, regiert die bayerische Landeshauptstadt seit bald 20 Jahren, denn seine zahlreichen Nebentätigkeiten lassen keine Zeit fürs schnelle Durchregieren, und als Apparatschik kriegst du in München sowieso kein Bein auf den Boden. Also ist der Münchner Oberbürgermeister in erster Linie Autor humoristischer Bücher („Meine verfrühten Memoiren“), Kabarettist, Kolumnist der „Abendzeitung“, Mitglied des TSV 1860 München (in dessen Aufsichtsrat er 13 Jahre saß), Mitglied des „Vereins gegen betrügerisches Einschenken“ (auf dem Oktoberfest nämlich), Gastprofessor in Tianjin/China, „Beratender Professor“ in Schanghai und, endlich, Synchronsprecher (in der Disney-Produktion „Himmel und Huhn“). Das könnte man jetzt alles für albern halten, wenn das Münchner Rezept, die Dämonen unsrer kosmischen Zufallsexistenz durch Gschaftlhubern, Adabei und Maßbier zu sänftigen, darin nicht so plausibel zum Ausdruck käme. Weil a bisserl was halt allerweil geht. Und wenn der Ude Christian im September auf der Wiesn das erste Fass ansticht, dann weiß man, dass in München das Brot nicht an die Spiele verraten wird, weil die Spiele ohne das Brot gar nicht zu denken sind.

Das heißt natürlich nicht, dass das, was der Marxist einen Klassenkonflikt nennt, in München nicht vorkäme, im Gegenteil. Udes Fassanstich live zu erleben, muss man sich leisten können, und wer zum Bierverzehr ein Zelt benötigt, der kaufe sich besser ein eigenes, das kommt billiger; wie überhaupt das Oktoberfest unter Hartz-IV-Bedingungen viel weniger zum Kotzen ist als ohne, denn dafür braucht’s (eigene Recherche) mindestens drei Maß, einen Knödel mit Ei und vier Fahrgeschäfte, also rund 60 Euro, die der Hartzler nicht hat, weil er Zigaretten für seine Kinder kaufen muss.

Romantik, da hat Peter Hacks recht, ist freilich Lüge, und natürlich kann das weltberühmte Millionendorf mit derlei Provinzgemütlichkeit nicht die zeittypischen Infamien überdecken. „Kinderarmut im München der Millionäre“ muss selbst der BR-Staatsfunk einräumen, und wer in München Miete zahlt, dem mag es gehen wie dem Rom-Touristen, der nach dem Petersdom Lust auf einen Eisbecher hat und, als die Rechnung kommt, zu seiner Frau sagt: Ich wollte ein Eis, nicht die Eisdiele.

Wer also in München eine Wohnung zu einem Preis mieten kann, für den es in Leipzig einen Straßenzug gibt, der braucht sich dann wenigstens über die Nachbarn nicht zu beschweren. Haidhausen, früher ein Kleine-Leute-Quartier, ist heute die Hochburg der Bio-Mütter und Frühförderväter, aber selbst sozialistische Eltern könnten wenig dagegen unternehmen, dass ihre Kinder zwischen Prinzregenten- und Rosenheimer Straße noch eher dem Clown Pennywise oder, schlimmer, Helmut Markwort begegnen als Altersgenossen aus dem Arbeitermilieu. Nein, romantisieren darf man das alles nicht, und die Münchner Mischung aus Leberkäs und Peitsche, aus liberalitas bavariae und Polts „Sanierer“ („I sag Eahna ganz ehrlich, der Mieter is wie ein Hausschwamm, der, wenn amal drinsitzt, kriegstn nimmer raus“) darf man ruhig mit Argwohn betrachten; so wie die „Süddeutsche Zeitung“ ja auch immer sagenhaft sozial tut, aber ihren Klassenstandpunkt halt trotzdem kennt.

Da ist mir Frankfurt, meine alte Heimat, näher; aber ein Reiseziel wird ja meist erst dann zu einem solchen, wenn es sich von dem, was man kennt und schätzt, unterscheidet. Und da sind der Unterschiede doch einige, der angenehmen zumal.

Zunächst einmal verhält sich der FC Bayern München zu Eintracht Frankfurt wie Münchner zu Frankfurter Bier, und da hilft es wenig, sich auf die Meinung zu versteifen, das Frankfurter Bier sei zwar minderwertig, aber „ehrlich“, und verdanke seine Minderwertigkeit dem stolzen Arbeiterschweiß derer, die es zusammenpanschen und die zwar nichts vom Brauen, dafür aber vom Schwitzen verstehen. Die Münchner, ja, die kaufen sich die besten Brauer, aber unsere, die Frankfurter Brauer, das sind zwar Nullen, aber es sind Nullen wie du und ich!

Nach dieser Logik des Authentischen und Autochthonen, deren zart völkische Tendenz auffallen darf, ist der FC Bayern der beste und zugleich bestgehasste Fußballverein des Landes, der einzige mit stabilem internationalen Format wie auch der einzige, der kein Tor in letzter Sekunde erzielen darf, ohne dass ihm das von jedem Sportreporteresel als skandalöser „Bayern-Dusel“ hingerieben wird.

Verständlich zwar, dass in einem Land, das ernsthaft glaubt, es mangele ihm an Eliten und bedürfe also der Elitenförderung, das mehr oder minder gesunde Volksempfinden im Stadion ausspricht, was es von den ewig bevorzugten Großkopferten und Seriengewinnern hält; es ist aber dasselbe Volksempfinden, dem man auch einreden kann, schaffendes Kapital sei besser als raffendes.

Es ist gar nicht so ironisch, dass der Lokalrivale 1860 München, der sich stolz als Club der kleinen Leute versteht, mit dem Kleine-Leute-Kanzler A. Hitler viel besser fuhr als der nachmalige Rekordmeister, der nicht nur, was die wenigsten wissen, eine jüdische Gründung ist, sondern an seinen jüdischen Spielern und Funktionären auch viel länger festhielt als damals üblich und ratsam.

Mei, tempi passati, und das Bekenntnis zu den „Löwen“ ist heute genauso wenig Ausweis rechter Gesinnung wie eine Dachauer Postleitzahl. Aber es ist doch gut zu wissen, wer die Ressentiments, die man heut so selbstgewiss vor sich herträgt, mal geteilt hat; und dass man sich beim Urteil „Arschlochverein“ am Ende gar nicht so weit aus dem Fenster zu lehnen braucht.

Ja, das Ressentiment. Das nährt sich, geht es um München, in der Hauptsache von den schönen Leuten, den Viertel-, Halb- und Ganzprominenten, die es an der Isar viel häufiger gibt als am Main. In Frankfurt saß ich mal in einem Restaurant neben der schrecklichen Tatjana Gsell und ihrem Ex-Stecher Ferfried („Foffi“) von Hohenzollern, im Schwabinger Café Ringelnatz aber neben dem später früh verstorbenen Schauspieler Jörg Hube, der seinen Text lernte; und auf Herrenchiemsee bin ich mal dem sympathischen Charakterdarsteller Elmar Wepper begegnet. 2:0 für München!

Man muss freilich nicht Wert auf die Bekanntschaft aller berühmten Leute legen, die in und um München so herumgeistern. Wer an der Uni aus dem Englischen Garten kommt, sieht rechter Hand die rosa Villa einer Dame, die, früh aufgefallen durch die Einschätzung, sie verfüge über einen Intelligenzquotienten von 140, auf der Berufsbezeichnung „Schauspielerin“ besteht, was nicht wenige für die Herabwürdigung eines ganzen Berufsstandes halten. Dabei ist die Frage, ob Madame ihre wundersame Karriere nur der Tatsache zu verdanken habe, dass sie mal was mit dem Regisseur H. Dietl hatte, tatsächlich zweitrangig; wenn Robert de Niro für seine Rollen mit der Produzentin schlafen muss, bin ich der Letzte, den es stört. Solange er nicht anfängt, das deutsche Trash-Fernsehen mit tiefschürfenden, wo nicht schon unterirdischen Schmonzetten à la „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ zu beliefern.

„In einer penetranten Hätschel-Tätschel-Idylle spielt Veronica Ferres eine Frau, die stark ist, alles schafft und nichts verschrecken kann“, umriss die „Süddeutsche“ angesichts einer anderen mimisch-dramaturgischen Minderleistung die Ferres’sche Kernkompetenz, wobei derlei Anwürfen immer das Erstaunen innewohnt darüber, wie tief die Trauben manchmal hängen. „Es ringt mir durchaus Respekt ab, dass es jemand mit durchschnittlicher Begabung so weit bringen kann“, verriet der ja auch bloß durchschnittlich begabte Regisseur S. Wortmann dem „SZ-Magazin“.

Trotzdem, so der tapfere Magazin-Autor Max Fellmann, „ergab eine Umfrage, die meisten Frauen wären gern wie sie“. Die meisten deutschen Frauen, versteht sich, deren Idealbild, Frauenpower hin oder her, noch immer eins aus Trümmerfrau, Übermutti und Kleinstadtgöttin zu sein scheint. Eine Imago, die sich mit dem Traumfrauenbild ihrer Männer deckt, die aus hormonellen Gründen derart blondes Busentum halt noch ein bisschen extra ästimieren.

Oder war es doch – Helmut Dietl? Der Gitanes-süchtige Starregisseur in Weiß und Erfinder der besten deutschen Fernsehserie aller Zeiten, „Monaco Franze“, starring Helmut Fischer (* München) als Franz Münchinger (sic)? Dietl, der außerdem Münchner Preziosen wie die „Münchner Geschichten“ (mit den sagenhaft jungen Parade-Münchnern Günther Maria Halmer und Michaela May) und das spektakulär münchnerische Kir Royal verantwortet? Der seltsamerweise immer gutes (Münchner!) Fernsehen gemacht hat, aber immer schlechtes, manieriertes Kino? Und dem wir evtl. eben auch die Promotion der Solinger Provinzkartoffel Ferres zur selbstbewussten Staatsschauspielerin und Charity-Nervensäge anrechnen müssen?

Immer des Gschiss mit der Vroni, wie der Monaco Franze sagen würde. Überhaupt reift in mir der Verdacht, dass es sich dieser Serie verdankt, dass ich mich hier fürs legendäre Millionärsdorf verwende, obwohl es den minderklugen „Focus“, die rappeldumme „Bunte“ und eine durchaus dazu passende Society in seinen Mauern duldet. Aber was ist das alles gegen die Geschichte vom Kleine-Leute-Kind und „ewigen Stenz“ Franz Münchinger, der vor der feinen Gesellschaft, in die er eingeheiratet hat, in Richtung Kiez und Frauenallotria flieht, und dem es als alterndem Flaneur, Treibauf und Herzensbrecher immer schwerer fällt, das alles beieinanderzuhalten, dem es langsam entgleitet als einem, dem die Zeit davonläuft. Und nicht nur seine persönliche.

Nichts wäre falscher, da folgen wir Peter O. Chotjewitz gern, als den rheinischen Kapitalismus für den guten alten zu halten. Aber das Vaterland, wie ich es mir als lieb-ruhiges, charmantes, schönes gar imaginiere, sieht, fürchte ich, dem leuchtenden Film-München der späten sozialliberalen Jahre ziemlich ähnlich. Und der gute Deutsche wäre nicht Richard von Weizsäcker oder Helmut Schmidt; sondern Helmut Fischer. Er ruhe in Frieden. (Und der Kopfeck Manni, der auch.)

Der Text ist ein gekürzter Auszug aus Stefan Gärtners soeben erschienenem Buch „Deutschlandmeise. Streifzüge durch ein wahnsinniges Land“ (Atrium).

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