Zeitung Heute : Münchens Lebensmittel-Punkt

Versorger, Gourmet-Treff, Gesamtkunstwerk: der Viktualienmarkt wird 200

Mirko Weber[München]

Man sagt „schwarz“, nichts weiter, und da steht er dann auch schon und dampft, der Kaffee: eine Tasse, randvoll. Deutsch und gefiltert, ein reines Retro-Erlebnis. Kein Zimt drin und kein Milchschaum drauf. Einfach schwarz. Macht 50 Cent, und es ist immer ganz gut, wenn man die passend hat beim Karnoll auf dem Münchner Viktualienmarkt, sonst staut sich’s hier morgens um sieben, und wer kann das schon brauchen, wo der Tag doch gerade erst angefangen hat: a Hetz?

An der linken Wand des gerademal zwei auf zwei Meter großen Ausschanks baumeln an Haken die Kaffeepötte für die Stammkunden: quietschgrüne, schwarz gesprenkelte und ein Haferl für die „beste Oma von allen“. Wer zügig wegtritt, darf sich an den paar Stehtischen dazusortieren, und wer nicht ratschen mag, stellt sich mit dem Gesicht zur Standlwand. Im Grunde genommen entgeht man den Gesprächen dann aber doch nie ganz – zum Beispiel einem zwischen Blaumann und Anzugträger. Zu Anfang wird pflichtschuldig die Tagesaktualität abgearbeitet: Siemens-Chef Kleinfeld – wobei die Einschätzungen zwischen dem schönen alten Diktum „Erzlump“ und der Einschränkung „ned der Schlechteste“ variieren. Dann aber wendet sich die Unterhaltung flüssig ergiebigeren Themen zu: der Schafzucht in Australien („hochinteressant, do mechat i auch amol hi“), dem momentan offenbar geradezu epidemischen Auftreten koreanischer Maschinen auf bayerischen Baustellen („ja, spinn i?“), Verdauungsproblemen („ so an Druck, woaßt scho, unangenehm, sog i dir“) und schließlich natürlich dem Fußball, der Frage, ob man den Klose, Miroslav bei den Bayern brauchen könne. Angeblich nämlich habe der Hoeneß in Hannover und im Flughafenhotel schon alles perfekt gemacht, sagt der Blaumann. „Ja, da verreck!“, antwortet der Anzugträger. Und es ist mal wieder alles gesagt, zumindest für heute. Kinderwägen werden herangeschoben, vier Japaner testen mit weiten Augen den Geschmack einer Käsetasche, und der erste Mann mit drei Hunden im Schlepp macht die Runde.

Vergleichsweise ruhig und eher wortkarg, weil mit der Zeit alles so selbstverständlich geworden ist, geht es derweil bei der „Bäckerliesl“ zu, die mit bürgerlichem Namen Elisabeth Forstner heißt und seit mehr als einem halben Jahrhundert auf dem Viktualienmarkt steht. Gerade und ausnahmsweise sitzt die Lisl, wie sie sich eigentlich schreibt – das „e“ ist der Optik geschuldet –, die Lisl also sitzt am Frühstückstisch neben ihrem Mann Josef, der sie um ungefähr drei Haupteslängen überragt. Josef Forstner war früher Frisör auf dem Viktualienmarkt, und immer noch ist er der einzige weit und breit, der seine Schnurrbartspitzen über dem Vollbart hochgezwirbelt hat. Elisabeth Forstner stammt aus Sauerlach, einem Ort, der gut 20 Kilometer südlich vom Münchner Stadtrand entfernt liegt. Lisl Rösch hat es von dort nach München gezogen, ins Zentrum, zunächst in eine Bäckerei am Bahnhof. Heute verkaufen sie dort Currywurst und Fußball auf Premiere. Nach dem Krieg jedenfalls, als die Standrechte neu verteilt wurden, hat die Bäckerliesl ihren Chef überredet, Waren auf dem Viktualienmarkt zu verkaufen. „Damals war ich die Kleinste“, sagt sie, „und hatte das frechste Mundwerk.“

Die Kleinste ist sie immer noch, und vom frechen Mundwerk übriggeblieben ist eine freundliche und sehr musikalische Wortergreifungsmechanik, die mit „Herr“ respektive „die Dame, bitte?“ in der Anrede beginnt und nach dem Abkassieren oft in die Formel „wiederkommen!“ mündet – was sich aber prinzipiell von selbst versteht, wenn man einmal bei der Bäckerliesl Kunde geworden ist. Das Brot kommt seit mittlerweile mehr als 40 Jahren aus der Haidhauser Bäckerei Schmidt in der Steinstraße, wo das Wort „Rohling“ unbekannt ist oder allenfalls als Synonym für einen rechten Grobian gebraucht wird.

Wenn München an diesem Mittwoch 200 Jahre Viktualienmarkt feiert, dann hat es einigen Grund dazu. Etwas Gewachseneres als den Viktualienmarkt, der als Gesamtkunstwerk aus Sinn und Sinnlichkeit tagtäglich auch die Tausenderströme der unterschiedlichsten Touristengruppen überlebt, ohne seinen eigentümlichen Charakter zu verlieren, ist schwer vorstellbar. München ist hier München, wie es wirklich ist: ein leicht exklusives Dorf, das es sich gutgehen lässt. Mit einem latenten Hang zum Repräsentativen und auch mit diesem steten Hauch an Chichi, der sich vor allem am Rand des Marktes jenseits der Kalbsnieren, Milzwürste und Papayas breitmacht.

Einerseits kommt der noch einigermaßen geerdet daher wie im Pfälzer Weinstüberl bei den Fischständen, wo die älteren Beaus sich niederlassen und oft stundenlang nicht aufstehen. Andererseits kommt das Halbseidene zum Tragen wie im „Café Nymphenburg Sekt“, ganz auf der anderen Seite des Marktes. Dort ist der Name Programm, und dieses Programm startet schon recht früh am Tag. „Ein bisserl was geht immer“ – diese Maxime des Monaco-Franze aus Helmut Dietls gleichnamiger Serie würden die Gäste des „Nymphenburg“ wohl ohne Weiteres unterschreiben.

Hier gilt es weniger zu sehen, als gesehen zu werden, und wer Flagge zeigen will, zückt am besten direkt einen großen Schein, um die Sichtbarkeit zu erhöhen. Nicht zufällig reicht es der örtlichen „Abendzeitung“ für ihre Klatschkolumne oft, wenn sie kurz einmal den zuständigen Reporter nebst Fotografen im „Nymphenburg“ auf die Pirsch schickt. Winters mutiert das Zeltlokal zur abendlichen Attraktion. Denn wenn die anderen, eher braven Gaststätten, vor allem der zentrale Bierausschank, längst geschlossen haben, brennt hier immer noch Licht – und manchem auch schon mal die Sicherung durch.

All dieses Treiben auf dem Viktualienmarkt gäbe es indes heute nicht, hätten sich in den sechziger Jahren stadträtlich jene durchgesetzt, denen die Tradition wurst gewesen ist. Als man nämlich in München überlegte, wie sich die Stadt anlässlich der Olympischen Spiele 1972 verändern sollte, und zwei neue Ringstraßen entstanden, gab es durchaus die Überlegung, Teile des Viktualienmarkts zu einer Art Stadtautobahn umzufunktionieren. Diesen Auswuchs der wenig zimperlichen „Stadtsanierung“ verhinderte allerdings der damalige Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel.

So erhielt sich ein Platz, dessen Geschichte älter ist als die zu feiernden 200 Jahre. Denn es war Herzog Heinrich der Löwe, welcher 1158 den Freisinger Markt in ein Dorf „apud Munichem“, also bei den Mönchen, verlegte. Selbiger wanderte, zuerst mit seinen Metzgereien, vom zentralen Marienplatz allmählich in den Schatten des Heiliggeistspitals. Sechzig Jahre später entstanden die ersten charakteristischen Holzbuden; 1898 war die immer noch prägende „Nordsee Fischhalle“ fertig. Was im Krieg zerstört wurde – es war viel –, bauten die Münchner wieder auf und etablierten den Viktualienmarkt dauerhaft als bayerische Bühne und Volkstheater der eigenen Art.

Noch im 19. Jahrhundert muss es von der Lautstärke her und wohl auch unter Hygienegesichtspunkten so zugegangen sein wie bei einem mehrtägigen Heavy-Metal-Festival. Besonders lebhaft ging es zunächst in der Schrannenhalle zu, wo das Getreide gehandelt wurde. Die schöne Metallkonstruktion war in der Mitte des 19. Jahrhunderts als städtische Bindung zwischen Viktualienmarkt und Angertor gedacht. Bald aber zog sie die Kritik vieler Händler auf sich, weil sie verkehrstechnisch schlecht angebunden war. Viele Händler wollten näher an die Bahnhöfe, wo sie das gehandelte Getreide gleich verladen konnten. So leerte sich „die Schranne“ zusehends, bis 1932 letzte Reste des Baus verbrannten.

Seit zwei Jahren nun gibt es die „Schranne“ wieder. Die Stadt hat sie wieder aufgebaut. Gedacht als überdachter Marktplatz für Handwerker, Kulturschaffende und Gastronomen, ist daraus bis heute nicht viel mehr als ein Sammelsurium von Essboutiquen, Eisverkäufern und Ethnokrimskrams-Outlets geworden. Zur Weltmeisterschaft immerhin gab es dort eine der größten Leinwände der Stadt, und nachher brauchte man mit dem Dampfstrahler lediglich einmal durchzukärchern.

Dass sich die Lebenskultur am Viktualienmarkt sonst nur langsam ändert, dafür mag die Münchner Suppenküche ein gutes Exempel abgeben. Hier tischen sie, angefangen bei unter drei und endend bei unter fünf Euro, täglich Schüsseln auf. An deren Inhalt ist zwar neuerdings auch die kulinarische Thai-Mode schmeckbar beteiligt, aber Leberknödel und saures Lüngerl gibt es immer noch.

Wer frei hat, oder generell so frei ist, hockt sich hinterher zum Sinnieren in einen der schönsten Münchner Biergärten, mitten auf dem Platz. Dort ist alles wie im oberbayerischen Bilderbuch: Die Blätter der Kastanien rascheln, die Sonne lugt durch die Kronen, ab und zu künden Glocken müßig davon, dass die Zeit vergeht. Den lieben Gott darf man dort trotzdem einen so guten Mann sein lassen wie wohl nur an wenigen Orten sonst auf der Welt. Das Bierangebot wechselt alle sechs Wochen, jede der örtlichen Brauereien ist einmal dran. Und wer genügend Geduld aufbringt, wird, obwohl die Zahl der gebürtigen Münchner Grantler abnimmt, auch einmal die münchnerischste aller Münchner Antworten hören. Es ist die Antwort auf die Frage, was man noch gerne hätte, außer einer Brezel und dem angebrachten Getränk. Die Replik ist einfach und kurz. Sie lautet: „Mei Ruah.“

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