Zeitung Heute : Münchner Geheimspiel

Sie kicken für Krebskranke, für Straßenkinder und Flutopfer. Moralisch sind wir unangreifbar, sagt Manager Uli Hoeneß. Und jetzt auf einmal: Der FC Bayern trickst wie alle anderen auch. Aber die Fans singen unverzagt: „40 Millionen, was sind schon 40 Millionen?“

Helmut Schümann

So clever ist selbst Uli Hoeneß nicht, dass er das Verräterische der Sprache umdribbeln könnte. All die Scheinheiligen, tönte er vergangene Woche auf dem Höhepunkt der Entrüstung, möge er sehen, die den Vertrag abgelehnt hätten. Alle hätten doch so gehandelt wie er. Heißt das im Umkehrschluss, Uli Hoeneß bezichtigt sich selbst der Scheinheiligkeit?

Der Vertrag. Jener Finanzausgleich, den sich der FC Bayern München vom Kirchkonzern ausbedungen hatte, weil er sich als Branchenführer beim Gießkannenprinzip zu wenig benetzt fühlte. Ausgehandelt war in einem 1999 abgeschlossenem Kontrakt, dass der Konzern neben den für alle Klubs der Fußball-Bundesliga ausgeschütteten Geldern für TV-Übertragungen nochmal 97 Millionen Euro an der Liga vorbei dem FC Bayern zuschustert. Sozusagen als sattes Trostpflaster, weil die Bayern mit ihrer Zustimmung zur Gesamtvermarktung auf die eigenen Interessen verzichtet hatten. Dem Angebot hätte sich ja wohl niemand verweigert, wollte Hoeneß, der Klubmanager, sagen. Und Reiner Calmund, der Amtskollege von Bayer Leverkusen, erteilte in der ihm eigenen Sprache zumindest diesbezüglich auch Absolution: „Inne Reißwolf hätten wir dat Ding auch nich jesteckt.“

Sie haben wohl recht, diese Brüder im profitmaximierenden Geiste, es hätten wohl alle so gehandelt wie der FC Bayern. Aus dem Munde von Uli Hoeneß kommt diese scheinbar defensive Analyse jedoch einem Outing gleich: War es nicht der FC Bayern München, der immer etwas anders sein wollte als alle anderen Fußballklubs auf der Welt? Extrem seriös, hoch professionell, vor dem Gesetz absolut transparent – und immerzu menschlich, solidarisch mit den Schwachen und grenzenlos hilfsbereit, wenn es Not zu lindern gilt.

Und nun stehen sie da, die Gutmenschen von der Säbenerstraße in München-Harlaching, wo der FC Bayern trainiert und administriert – als Mauschler und Nimmersatts, als Täuscher und Tarner, als kein Deut erhabener als die täuschende und tarnende Konkurrenz. Mehr noch: Gerade, weil sie die Moral wie eine Monstranz vor sich hergetragen haben, schlägt die Moral um so härter zurück, auch wenn sich die Gesamtsumme des Vertrages von damals 180 Millionen Mark wegen der zwischenzeitlichen Pleite des Konzerns auf circa 40 Millionen Mark ausbezahlter Gelder reduzierte. Der Dortmunder Torwart Jens Lehmann fordert Punktabzug für die Mannschaft, Frank Mackerodt, Aufsichtsratsmitglied beim Hamburger SV, fordert die Aberkennung der Meisterschaft, und der Sportjurist Reinhard Rauball hat schon mal angedeutet, dass nicht nur der Zeigefinger erhoben werden dürfe. Nach Rauballs Auffassung hat der FC Bayern gegen die Statuten der Liga verstoßen, die vorschreiben, dass alljährlich zur Lizenzerteilung sämtliche Verträge offen gelegt werden müssen. Den nun angeprangerten Kontrakt aber haben die Bayern fein geheim gehalten und die Deutsche Fußball Liga (DFL), die oberste Instanz des Profifußballs hier zu Lande, dürfte sich mit der humorigen Einlage von Bayern-Chef Franz Beckenbauer nicht zufrieden geben. Der hatte am Tag nach Ruchbarwerdung des Vertrags kurz bei Pressesprecher Markus Hörwick vorbeigeschaut: „Sag mal, kannst du dich erinnern? Warum haben wir eigentlich damals diesen Vertrag nicht bekannt gemacht?“ Die DFL hat Jurist Rauball indes, wie er erzählt, in Statutenfragen als „äußerst humorlos“ kennengelernt.

Sozialismus im Fußball

Das wird die juristisch zu klärende Frage sein: Was steckt hinter der Geheimhaltung? Damals, 1999, hatten die Bayern im Vorfeld der Verhandlungen über die Fernsehvermarktung Zeter und Mordio geschrien, und dem seit 1965 gültigen Prozedere, wonach der Deutsche Fußball-Bund alle Spiele der Liga im Paket verkauft, mit den Kartellgesetzen der EU gedroht. Ein existenzieller Angriff gegen die Kirch-Gruppe, die die Liga als Gesamtheit kaufen und vermarkten wollte – und ein Angriff gegen die DFB-Oberen. Namentlich Gerhard Mayer-Vorfelder, der Präsident, war Fürsprecher der Zentralvermarktung und anteiliger Ausschüttung an alle Mitglieder der Liga. Was ihm, dem politischen Rechtsaußen, seinerzeit den geballten Hohn von Hoeneß eintrug, der ihm vorwarf, „den Sozialismus im Fußball einführen“ zu wollen. Der FC Bayern, von der Führungsetage bis zum Ersatzspieler traditionell der CSU nahe stehend, pochte indes auf die reine Lehre des Kapitalismus. Aus nahe liegenden Gründen: Als Teil des Gesamtpaketes Bundesliga kassierten die Münchner jährlich etwa 14 Millionen Mark für ihre Bundesligaspiele, mit Alleinvertretungsanspruch hofften sie nicht unrealistisch an die Margen heranzukommen, die die internationale Konkurrenz in Italien erwirtschaftete: 100 Millionen Mark.

Die Fronten waren also klar, als im Herbst 1999 in Neu-Isenburg abgestimmt wurde. Nach der Abstimmung war dann nur noch klar, dass die Bayern völlig überraschend ihre Meinung geändert hatten. Warum, weiß man seit der vergangenen Woche: Weil sie sich die Differenz von erträumten Einnahmen und tatsächlichen Überweisungen von Kirch haben ausgleichen lassen.

Was für ein Gewinn. Was für ein kapitaler Schaden, der nun entstanden ist. Nie ging es den Bayern so gut wie in den vergangenen zehn Jahren. Als sie Mitte der 70er Jahre den europäischen Fußball beherrschten und dreimal hintereinander den Europapokal gewannen, hatten sie sportlich alles erreicht – aber nicht die Herzen der Fußballfreunde im Lande. Als arrogant galten sie, und Arroganz trat zu Tage, wenn sie zum Auswärtsspiel gegen Dynamo Dresden mit eigener Küche anreisten, weil sie den Kochfertigkeiten der Arbeiter und Bauern misstrauten, ihnen aber durchaus zutrauten, das Essen zu vergiften. Als Scheckbuchtäter waren sie verschrien und wurden ihrem Ruf gerecht, wenn sie der Borussia aus Mönchengladbach den Rechtsaußen Calle Del’Haye wegkauften, um ihn in München auf der Ersatzbank schmoren zu lassen. Und dass sie großkotzig sein konnten ohne jegliche Ahnung von Selbstironie, bewiesen sie, wenn sie beim Gegner FC St. Pauli das Stadionheft per einstweiliger Verfügung einstampfen ließen, weil im Heft vom Klassenkampf die Rede war und das Trauma des Managers Hoeneß, jenen verschossenen Elfmeter im Finale der Europameisterschaft 1976, aufrührten. Erfolgreich, das ja, das waren die Bayern, beliebt waren sie nicht.

Das änderte sich nach der Wende, auch weil der Klub sehr schnell Trainingslager in den neuen Bundesländern aufschlug und sich damit beliebt machte. Dass er dabei den Markt sondierte, gut, das war ein eigennütziger Nebeneffekt, konnte aber ausgeglichen werden durch eine Art Transfer mit Solidaritätszuschlag, als der Verein 1993 den damals 19-jährigen Alexander Zickler für 3,5 Millionen Mark Ablöse von Dynamo Dresden engagierte. Das brachte Respekt. Mitleid, dieser für Herzensbindung so wesentliche Stoff, kam 1999 hinzu, als die Münchner in einem denkwürdigen Finale der Champions-League in Barcelona in den letzten Sekunden des Spiels an Manchester United scheiterte. Und immer waren sie da, wenn Haltung gesucht und Spenden benötigt wurden. Die Bayern entzündeten im Dezember 1992 Kerzen in Münchens Lichterkette gegen rechte Gewalt. Sie spielten für brasilianische Straßenkinder, für Krebsopfer und waren die ersten Fußballspieler, die Geld für die Flutopfer erkickten.

Die Moralmonstranz

Im Zentrum der Hochanständigkeit stets: Manager Uli Hoeneß, in dem sich der Imagewandel des FC Bayern von der Kaltherzigkeit zur Großherzigkeit personifizierte. Cleverness wurde ihm immer bescheinigt, im Laufe der Jahre ist das Urteil hinzu gekommen, er agiere nie unfair, selbst Christoph Daum, der Hoeneß auf dem Höhepunkt der Kokainaffäre vorgeworfen hatte, gegen seine Installation als Bundestrainer intrigiert zu haben, hat inzwischen seinen Frieden mit Hoeneß gefunden und nennt ihn „den besten Manager, den die Liga hat“. Der selber hat die höchste Meinung von seinem Klub: „Wir sind ein Qualitätssiegel geworden, bei uns wird jeder korrekt behandelt.“

Er hat jetzt die Moralmonstranz noch einmal hochgehalten. „Ich glaube nicht, dass es jemanden gibt, der uns an der Moral packen kann“, sagte er. Die eigenen Fans aber sind derweil wieder in alte Verhaltensmuster gefallen und haben beim Spiel gegen den 1. FC Nürnberg – gerade so, als wären die Millionen nur Peanuts – gesungen: „40 Millionen? Was sind schon 40 Millionen?“ Die Antwort auf diese Frage werden die Deutsche Fußball Liga und ihre juristischen Prüfer finden. Die Antwort auf dieses Verhalten wird an der Beliebtheitskurve abzulesen sein. Das erste Mal am kommenden Sonnabend. Da tritt der FC Bayern bei den Kirchenmäusen der Bundesliga an, bei Energie Cottbus. Das wird wohl mal wieder ein Klassenkampf werden.

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