Multikulturalismus : Das Versprechen eines besseren Lebens

Multikulturalismus und Neoliberalismus befinden sich in einer Krise – eine neue Politik der Unterschiede könnte die Lösung sein

Elizabeth Povinelli
Lebhafte Debatte. Seit dem 11. September 2001 wird Multikulturalismus auch in Europa heftig diskutiert.
Lebhafte Debatte. Seit dem 11. September 2001 wird Multikulturalismus auch in Europa heftig diskutiert.Foto: mauritius images

Liberalen Ansätzen zu Vielfalt und Markt geht es zurzeit nicht gut. Die Regierungen Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens haben die Politik der Unterschiede (Multikulturalismus) für gescheitert erklärt. Dänemark hat sich der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei gebeugt und Kontrollen an den Grenzen zu Schweden und Deutschland wieder eingeführt. Seit 2008 schwappt eine Finanzkrise nach der anderen über die Eurozone und die USA. Die meisten Wirtschaftsexperten haben die Gründe dafür in einer reinen neoliberalen Ideologie gesehen. Und sogar in Australien, wo die Finanzkrise die Wirtschaft nie wirklich bedroht hat, wird lauthals die Abschaffung der Selbstbestimmungsrechte der Ureinwohner gefordert.

Wie hängen diese Angriffe auf den Multikulturalismus mit der Krise des Neoliberalismus zusammen? Eine Antwort auf diese Frage hängt davon ab, wie man die tatsächliche, nicht die ideologische, liberale Politik der Unterschiede versteht. Es stehen zwar multikulturelle Ansätze zur Vielfalt und neoliberale Marktansätze gleichermaßen unter Beschuss, doch werden Multikulturalismus und Neoliberalismus oft als diametral entgegengesetzt wahrgenommen. Neoliberale werden durch die Bank als konservativ angesehen, Multikulturalisten als progressiv.

Das überrascht nicht. Denn Multikulturalismus gibt Hinweise zum ethischen Umgang miteinander. Und dieser Metaethik liegt eine Ideologie über Liberalismus und Liberale zugrunde: dass Liberalismus in Bezug auf die gesellschaftliche Welt ein System und eine Einstellung der gesellschaftlichen und politischen Offenheit ist, die es hasst, anderen unnötig und irrational Schaden zuzufügen.

Andererseits ist ein zentraler Gedanke im Neoliberalismus, dass der Markt den Menschen das zahlt, was sie wert sind – und dass Verhandlungsgeschick im Rahmen bestehender institutionalisierter Übereinkommen nichts mit Einkommensverteilung zu tun haben sollte. Aber Neoliberalismus ist weder eine bloße Ansammlung von Übereinkommen zwischen Märkten, Arbeitskräften und dem Staat, noch lediglich eine ältere Form des Laissez-faire-Kapitalismus. Die Neoliberalen wollten nicht nur die Wirtschaft vom Keynesschen Regulierungsstaat befreien, sondern auch die Wahrheitsspiele des Kapitalismus aus den Beschränkungen des Marktes. Sie vertraten und vertreten die Meinung, dass der Markt nicht nur ein Wertemaß unter vielen ist, sondern das allgemeine Maß aller gesellschaftlichen Handlungen und Werte.

Aus dieser einen Perspektive leuchten die Spannungen zwischen Multikulturalismus und Neoliberalismus ein. Der Multikulturalismus scheint dafür einzutreten, die ethischen Umgangsformen und Werte, die innerhalb einer Gesellschaft geschätzt werden, zu vermehren. Der Neoliberalismus auf der anderen Seite scheint entschieden monologartig zu agieren und darauf zu bestehen, dass alle Lebenswandel allein auf der Basis des Kapitalwerts bewertet werden müssen. Die Altmeister des Neoliberalismus Ronald Reagan und Margret Thatcher standen alternativen gesellschaftlichen Bewegungen notorisch feindlich gegenüber. In neuerer Zeit sahen auch christliche Fanatiker wie Timothy McVeigh und Anders Behring Breivik „Multikulturalismus“ als grundlegende Bedrohung.

Wer Multikulturalismus und Neoliberalismus als fundamental entgegengesetzte gesellschaftliche Formen versteht, für den bedeuteten die Ereignisse vom 11. September und 7. Juli Zäsuren in ihrer angespannten Détente. Vor dem 11. September genoss Multikulturalismus wachsende Anerkennung. Danach kam ein starker Anti-Multikulturalismus auf, oft unter der Ägide der Neoliberalen. Der Diskurs rund um die Politik der Unterschiede, vor allem aber um das Gespenst des islamischen Fanatikers, erhielt zunehmend Sicherheit als oberstes Kriterium. Als der Markt zusammenbrach, wurde weithin zügellosem Neoliberalismus die Schuld gegeben. Gleichzeitig erklärte aber genau zu diesem Zeitpunkt ein europäischer Staatsmann nach dem anderen das Multikulturalismus-Experiment für gescheitert.

Diese gewöhnliche Gegenüberstellung von Multikulturalismus und Neoliberalismus verschleiert jedoch mehr als sie erklärt. Zunächst entstand Multikulturalismus – und die Politik der Unterschiede im allgemeinen – innerhalb von und parallel zum uneinheitlichen und umstrittenen Aufkommen des Neoliberalismus. Die 60er Jahre bildeten den Höhepunkt im globalen Ansturm auf frühere liberale Einstellungen zu sozialen und kulturellen Unterschieden. Aktivisten und ihre Theoretiker behaupteten, dass die Art, in der der Westen für die Kolonisierten und Untergeordneten sorgte, menschliche Ungleichheit nicht behob, sondern sie erst schuf und weiter verschärfte. Die Bedrohung, die diese radikalen Standpunkte für den grundlegenden Legitimierungsrahmen des Liberalismus bedeuteten, führte zu dem, was ich „späten Liberalismus“ nenne. Später Liberalismus ist die Form, die die liberale Gouvernementalität in Reaktion auf die sich ausweitenden Legitimierungskrisen annahm. Um den groben Rahmen des Liberalismus zu erhalten, akzeptierten Liberale den Grundsatz, dass alternative Lebenswandel legitim sein können und darüber hinaus, dass eine Vielfalt der Lebenswandel nützlich und nicht bedrohlich ist. Doch durch die Akzeptanz dieses Grundsatzes der Unterschiede konnten liberale Regierungen die Legitimierungskrise bewältigen. Mit der Annahme des Grundsatzes, dass andere Lebenswandel liberale Lebenswandel nicht bedrohen, sondern bereichern, forderte die liberale Politik der Unterschiede diese unterschiedlichen anderen schlicht auf, ihren Nutzen zu erklären.

So können wir in den USA einen afroamerikanischen Präsidenten haben, solange seine Identität keinen Unterschied macht. Und wir können eine Hispano-Latina als Richterin im Obersten Gerichtshof haben, solange sie beteuert, dass ihr sozialer Hintergrund keinen Einfluss auf ihre Auslegung der Gesetzestexte hat.

Dass liberale Formen des Multikulturalismus und Neoliberalismus nicht konträr, sondern verwandt sind, wird besonders deutlich, wenn man die disziplinierende Funktion der Metaethik des Multikulturalismus und der sozialen Normativität versteht. Dadurch, dass das ethische Gebot, den Wert anderer ethisch-kultureller Systeme anzuerkennen, an die Voraussetzung gebunden ist, dass diese anderen ethisch-kulturellen Systeme grundlegenden liberalen Prinzipien nicht zuwider laufen, wird der affektive und kognitiv-normative Unterbau des Liberalismus gesichert. Dieser affektive Unterbau ist es auch, was Liberale meinen, wenn sie von „Moralbewusstsein“ als Obergrenze kultureller Unterschiede sprechen.

Liberale Formen des Multikulturalismus dienen dazu, einen Sicherheitswall um den Liberalismus zu errichten, wie dazu, diesen Wall zu erklimmen, um seine Städte zu plündern.Rechte Fanatiker missverstehen diesen Aspekt der liberalen Unterschiede – oder sie hören zu sehr auf seine Selbstdarstellung. Das metaethische Gebot mag sein, ethisch andere Lebenswandel nicht irrational und unnötig zu diskriminieren.

Liberale Formen des Multikulturalismus haben jedoch selten irgendeinem ethischen System erlaubt, das Fundament des Liberalismus infrage zu stellen. Und wenn man, grob gesprochen, ein Liberaler ist, leuchtet einem diese Funktion des Sicherheitsdiskurses völlig ein. Schließlich definierte doch Spinoza vor langer Zeit, dass alles Endliche – vom menschlichen Geist bis zu bestimmten politischen Gebilden – nach Selbsterhaltung strebt. Der liberale Multikulturalismus war gerissen genug, diese Selbsterhaltungsstrategie als Wandel zu tarnen.

Die Nachwirkungen des 11. Septembers und des 7. Julis – der Aufstieg der Sicherheit zum obersten Gebot der zivilisierten Welt, die selbstbewusste Behauptung der liberalen Unterschiede sowie die Verteufelung von Unterschieden – haben also nicht den Multikulturalismus gestürzt, sondern uns einen Aspekt des liberalen Multikulturalismus gezeigt, der schon immer ein Bestandteil seiner Politik war. Das andere ist für den Liberalismus gut, solange es ihn nicht wirklich in Frage stellt. Seit dem 11. September und dem 7. Juli ist diese „andere Seite“ liberaler Politik in den Vordergrund gestürmt.

Der Neoliberalismus löst sein Versprechen eines besseren Lebens gegenüber immer mehr Amerikanern und Europäern nicht ein, und so wird das Versprechen anderer allumfassender Wahrheiten immer verlockender.

Aus dem Englischen von Stephan Rothschuh. Elizabeth Povinelli ist Professor of Anthropology und Gender Studies an der Columbia University.

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