Zeitung Heute : Multimedia-Infrastruktur: Das Kabel soll es richten

Peter Dehn

Gleich zwei Veranstaltungen widmete das "Projekt Zukunft", Berlins Leitprojekt für den Weg in die Informationsgesellschaft, in dieser Woche der Zukunft des Kabelfernsehens. Vor dem Hintergrund der fortschreitenden Digitalisierung und immer mehr multimedialer, interaktiver Inhalte soll das Fernsehkabel zum Träger neuer kommerzieller Möglichkeiten werden. Berlin hat dabei beste Voraussetzungen, erläutert Ingrid Walther von der Senatsverwaltung für Wirtschaft und Technologie. Sie prognostiziert "kostengünstige Spartenkanäle, Multimediadienste und E-Commerce", die über den Fernsehapparat ins Haus kommen und nimmt medienwirtschaftlichen Miesepetern gleich den Wind aus den Segeln: "Wir erwarten eine kostengünstige Flatrate".

Bevor der geneigte Medienkonsument die Billigpauschale abschließt, müsste freilich zunächst der Zugang zu den neuen Angeboten gewährleistet werden. Hier ist die Telekom nach Jahren der Verweigerung in die Vorleistung gegangen. Sieben Vermittlungsstellen und 200 Verstärkerpunkte wurden umgestellt, 400 Kilometer Glasfaser verlegt und eine Technikzentrale gebaut, berichtet Rüttger Keienburg, Geschäftsführer der Telekomtochter Kabel Berlin Brandenburg GmbH. Damit seien 713 000 Haushalte in der Stadt nicht nur empfangsbereit, sondern auch voll rückkanalfähig ausgestattet.

Das ist allerdings ein Theoriewert, denn die Telekom bringt die Technik nur bis zum "Übergabepunkt" im Hauskeller. Von da an muss die Wohnungswirtschaft dafür sorgen, die neue Fernsehprogramm- und Diensteinvasion in jede Wohnung zu bringen. Die Kosten dafür schätzt eine dem Abgeordnetenhaus vorliegende Studie auf mindestens 420 Millionen Mark, berichtete Grünen-Medienpolitikerin Alice Ströver. Ingrid Walther pauschalisiert die Summe vorsichtig auf "eher 500 Millionen", wohl wissend, dass in einem Großteil der Mietshäuser und Wohnanlagen die TV-Verkabelung komplett erneuert werden muss.

Finanzieren kann das die öffentliche Hand ebensowenig wie die Endkunden, die neue Settopboxen kaufen müssten. Wird die Debatte um die digitale Spaltung der Gesellschaft also nun auf die TV-Nutzung verlängert? Ferdinand Kayser von Premiere World verspricht Abhilfe. Er will Settopboxen über Zweijahresverträge vermarkten: "Zum Nulltarif oder für eine Mark - wie bei den Handys". Und die nächste Generation der Geräte soll mehr können, als nur Fußball und Spielfilme ins Haus zu bringen.

Nun fehlt uns nur noch eine Kleinigkeit: Die neuartigen Angebote, die die neue Technik erst attraktiv machen werden. An dieser Stelle verliert jede Veranstaltung zum Thema Breitband deutlich an Substanz. Lediglich Hermann Rotermund kann mit einem Projekt dienen: Seine Berliner Medienberatungsfirma Goldmedia arbeitet derzeit am Konzept eines interaktiven Berlinkanals, dessen "Fernsehanteil" einen Informations- und einen Eventkanal umfasst und der durch stadtspezifische Internetdienste ergänzt und durch überregionale Digitalangebote ausgebaut werden kann.

Andere Verlockungen der Kabelzukunft existieren heute nur in Form von Ideen und Schlagworten: Das ultraschnelle Internet ist übertragungstechnisch kaum ein Problem, die Aufbereitung für den Fernseher aber nicht befriedigend gelöst. Fernsehdienste auf Abruf stecken im Pilotstadium. Onlinespiele ins Kabel zu bringen, ist sicher machbar. Die von Rotermund vorgeschlagenen "interventiven" Applikationen - etwa die Steuerung von Livesendungen durch die Zuschauer - sind aber derzeit noch absolute Zukunftsmusik.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!