Zeitung Heute : Multimedia-Messe: Die Zukunft des Internet

Henry Steinhau

Die Multimedia-Branche muss durcharbeiten. Zumindest gilt das für die 7000 Teilnehmer aus über 50 Ländern, die sich zur Milia im südfranzösischen Badeort Cannes einfinden. Während ein Teil das Wochenende in der Fachkonferenz "ThinkTankSummit" verbringt, um über die internationale Vermarktung interaktiver Inhalte zu diskutieren, bauen die anderen ihre 800 Messestände auf, die ab Sonntag das internationale Publikum aus 2500 Unternehmen zu Information und Handel einladen.

Handel? Einen echten Marktplatz für interaktive Inhalte, wie ihn der französisch-amerikanische Veranstalter Reed Midem den Multimedia-Unternehmen der Welt mit der Milia aufbauen wollte, gibt es immer noch nicht. Es mangelt an originären Inhalten, wie sie die erfolgreichen Schwestermessen der Milia, Midem (Musik) und Mipcom/MipTV (Film/Fernsehen) seit Jahren bieten: Distributionsrechte, Übersetzungslizenzen, Senderechte, Vermarktungsrechte. Das ist die Art von nachwachsendem Gut, das immer wieder verlockende Gewinnaussichten bietet, wenn ein echter Hit dabei ist.

Derlei Phänomene aber kennt die Multimedia-Branche nur bedingt; sie lebt von diesen medialen stammenden "Zutaten" und dient bisher lediglich als moderne Vermarktungsplattform für Markennamen. Immerhin, die mit der Milia gewachsenen Multimedia-CD-ROM-Publisher haben Knüller im Programm, die auch international ziehen, wie beispielsweise "Der kleine Prinz".

Die auf ein gutes Dutzend geschrumpfte deutsche CD-ROM-Publisher-Familie, zu der unter anderem United Soft Media (Ullstein), Digital Publishing, Terzio oder Ravensburger gehören, nutzt die Milia für ihr Frühjahrs-Geschäft mit alten und neuen internationalen Partnern. Doch bei Lichte besehen ist dies eine kleine Teilbranche mit überschaubaren Umsätzen. Eine kaum verzichtbare Säule des Markplatzes, aber für eine Großmesse wie die Milia zu wenig. Kein Wunder, dass die Milia vor zwei Jahren den Schulterschluss mit der Computerspiel-Industrie suchte. Schließlich werden mit den interaktiven Games weltweit Milliarden-Umsätze erzielt, sind erfolgreiche Titel und Markennamen - von Lara Croft über Moorhuhn bis Myst - stets begehrte Objekte der Lizenz-Begierde.

Doch die Branche hat mit den etablierten internationalen Spielemessen E3 (USA) und ECTS (England) ihren Platz für Handel und Neuankündigungen. Ergo erntete die Huckepackmesse "Milia Games" nur mäßige Resonanz. In diesem Jahr positioniert die Milia daher, trotz Sony, Microsoft, Sega und Electronic Arts als Aussteller, den Spielesektor als integrierten Messebereich um. Durch die bewusste Auswahl erfolgversprechender Spiele-Entwicklungs-Firmen sieht sie sich allerdings als eine in der Spiele-Branche noch fehlende Schmiede für Talente: Man darf auf Newcomer gespannt sein. Sie sollen zeigen, wie das interaktive Entertainment in Zukunft aussieht und funktioniert.

Und da gibt es nur einen dominierenden Trend: Online-Nutzung via breitbandiger Internet-Zugänge. Spielen, Unterhaltung, Lernen, Weiterbilden - wo multimediale, interaktive Inhalte gefordert sind, werden in Zukunft Kabelanschluss, Glasfaserleitung, Satelitenverbindung oder ähnliches die Basis sein, sein müssen. Hatten im Jahr 2000 gerade einmal rund eine Millionen europäischer Haushalte eine Breitbandverbindung zum Internet, sollen es, einer Untersuchung des Marktforschungsunternehmens Forrester Research zufolge, im Jahre 2005 bereits knapp 29 Millionen sein.

Das entspräche rund 18 Prozent aller Haushalte und 38 Prozent aller am Internet angeschlossenen Haushalte Europas, wobei in Deutschland dann jeder vierte Haushalt breitbandig surfen würde.

Diesen Aussichten entsprechend formieren sich auf der Milia die Anbieter von Technologien, Plattformen oder eben Inhalten, die sie für interaktive Nutzung produzieren und lizensieren wollen. Beispielsweise das britisch-amerikanische OpenTV, das mit seinem interaktiven Fernsehen bereits 30 Millionen Nutzer in sieben Ländern erreicht, in Deutschland von München aus. Auch hier, beim interaktiven Fernsehen, sehen die Marktforscher von Forrester eine massive Verbreitungs-Steigerung für Europa voraus, auf etwa 80 Millionen Haushalte im Jahr 2005. Hierbei sollen immer mehr Angebote frei und ohne Verschlüsselungsgrenzen empfangbar sein würden, also nicht, wie es heute beim noch nicht wirklich interaktiven Kirch-Sender Premiere der Fall ist.

Diesen Prognosen stehen jedoch die anhaltenden Probleme der Branche gegenüber, international gültige Standards, für interaktives Fernsehen, breitbandige Internet-Zugänge und -Empfangsgeräte, wie etwa Set-Top-Boxen oder ähnlich spezialisierte Computer zu etablieren. So gesehen ist die Frage, welche Kommerzialisierungs-Erkenntnisse die Milia der Branche diesmal zuzurufen vermag. Allein der Blick auf interessante Projekte im Versuchs-Stadium, wie ihn letztes Jahr die Bertelsmann Broadband Group bot, wird nicht reichen. Jedenfalls nicht, um die Multimedia-Experten für ihr in Cannes geopfertes Wochenende zu entschädigen.

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