Zeitung Heute : Multimedia über das Handy: Das Technik-Karussell kommt in Fahrt

Gerhard Trey

Kaum sind die ersten Handys mit Internetzugang auf dem Markt, da kündigt T-Mobil (D1) mit GPRS bereits ein neues Übertragungssystem an und damit auch eine neue Handy-Generation. Das Technik-Karussell bei Mobiltelefonen dreht sicht immer schneller. Mit WAP (Wireless Application Protocol) begann vor kurzem das mobile Internet-Zeitalter. WAP verwendet zum Datentransfer die bisherigen Sprachkanäle und entsprechend langsam und umständlich spielt sich auch alles ab.

Bewegt man sich zu Hause mit 56 Kilobit pro Sekunde (kbit/s), bei ISDN gar mit 64 kbit/s im Internet, bringt es ein WAP-Handy gerade mal auf 9,6 kbit/s, aus diesem Grund werden nur Texte und, wenn überhaupt, kleine Miniaturgrafiken übertragen. Ein Notbehelf also, der mit dem multimedialen und darum so erfolgreichen Internet nicht zu vergleichen ist. Deshalb drängen die Netzbetreiber auf eine bessere Lösung.

Das neue Universal Mobile Telecommunications System - kurz UMTS -, das eigentliche mobile Multimedia-Spektakel, von dem derzeit wegen der Lizenzvergabe viel die Rede ist, kann aber erst 2003 duchstarten. Also mussten Provisorien her, die allerdings auch nach Einführung von UMTS weiter laufen werden.

Präsentiert wurde jetzt GPRS, das Kürzel steht für General Packet Radio Service. GPRS ist so etwas wie das Ei des Kolumbus: Trotz schmaler Bandbreite und trotz rarer Frequenzen - sie werden beim derzeitigen Handy-Boom immer knapper - schafft GPRS eine Datenrate von 40 Kilobit pro Sekunde und zukünftig sogar über 100 Kilobit, also mehr als ISDN heute im Festnetz.

Der Trick dabei ist, dass ähnlich wie im Internet der Datenstrom in einzelne Pakete zerlegt wird und diese auf verschiedenen Wegen versandt werden: Aus vielen engen Gassen wird so eine breite Schnellstraße. Dabei werden Lücken in den Datenkanälen optimal genutzt. Denn dort ist immer noch etwas Platz. Damit die einzelnen Datenhappen ihr Ziel sicher erreichen, erhält jedes Paket einen elektronischen Aufkleber mit der Zieladresse. Aufgabe des empfangenden Handys ist es nun, die einzelnen Pakete an der Adresse zu erkennen, sie zu sortieren und dann in der richtigen Reihenfolge wieder zusammenzusetzen.

Der Empfänger merkt von diesen Prozeduren nichts, da sie sich in Millsekunden abspielen. Allerdings tut sich das System mit umfangreichen Downloads schwer. Da aber voraussichtlich vor allem nach der übertragenen Datenmenge abgerechnet wird, dürfte der mobile Empfang solcher Riesenpakete auch wenig attraktiv sein. Andererseits kann man bei dieser Methode ohne große Kosten ständig online sein.

Natürlich muss das Handy mit dieser Technik umgehen können, und das Mobiltelefonnetz muss entsprechend umgerüstet werden. Schließlich soll das neue System auch Bilder und Grafiken übertragen können. Ganz nebenbei beschleunigt es den Aufbau der Telefonverbindungen. Auch das bisherige WAP wird von GPRS profitieren. Alle Netzbetreiber melden, dass sie für GPRS gerüstet seien, T-Mobil startete auf 60 Prozent der Funkfläche bereits jetzt mit Tests, allerdings fehlen noch die Geräte. Bis zum Herbst und damit zum Weihnachtsgeschäft sollen jedoch geeignete Handys auf dem Markt sein.

Damit alles noch ein bisschen komplizierter wird, haben E-Plus und D2 für die Übergangszeit zu UMTS noch eine weitere Technik angekündigt, die parallel zu GPRS eingesetzt werden soll. Sie trägt den schlichten Namen HSCSD (High Speed Circuit Switched Data). E-Plus ist damit sogar schon im Netz und es gibt auch zumindest ein Handy, das diese Technik beherrscht (Nokia Card Phone 2.0 und Notebook oder Endgerät mit PC-Card Slot Typ 2). Bei HSCSD verschickt man keine Pakete, sondern schaltet mehrere Kanäle zu einem schnellen Daten-Highway zusammen und nutzt damit einen konstanten Datenstrom, der auch Live-Übertragungen erlaubt. Mehr Geschwindigkeit (38,4 später 57,6 kbit/s) also durch mehr Bandbreite.

Das ist aber auch der Pferdefuß, denn Frequenzen sind knapp. Doch D2 und E-Plus versichern, mit dem neuen 1800-Megahertz-Netz genügend Kapazität zur Verfügung zu haben. Soll man trotz GPRS und HSCSD auf UMTS mit bis zu 2 Mbit/s warten? Die Anwort muss eigentlich nein lauten, denn UMTS wird den breiten Markt wahrscheinlich erst in vier Jahren erreichen. Doch wäre es nicht das erste Mal, dass man sich in der Geschwindigkeit technischer Innovationen getäuscht hätte.

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