Zeitung Heute : Multimediawohnung: Nur der Kühlschrank schweigt

Dietrich Kluge

Es ist kräftig gebaut worden am östlichen Stadtrand Berlins. Neben alten Schrebergarten-Kolonien wurden hier in Treptow - Alt-Glienicke mehrere Neubaugebiete aus dem Boden gestampft. Eines der auffälligsten Bauten längst der S-Bahn-Trasse ist das mit elf Stockwerken die Vorortlandschaft überragende Hochhaus Campanile. Nicht nur die äußere Hülle mutet modern an, auch das Innenleben bietet einen Blick in die Zukunft des Wohnens. Denn von der Berliner Wohnbaugesellschaft "Stadt und Land" wird hier mit einer Versuchsinstallation das multimediale Wohnen getestet.

Zarte Pastellfarben bestimmen das Ambiente der Testwohnung. Der kargen Einrichtung ist die Omnipräsenz der Technik kaum anzumerken. Soll sie auch nicht. Im Wohnzimmer ist die alte "Glotze" einem an der Wand befestigten Flachbildschirm gewichen. Neben interaktivem Fernsehen ermöglicht das High-End-Gerät außerdem den Zugriff auf alle üblichen Internetdienste, komfortabel durch eine kabellose Infrarot-Tastatur. In der Küche weist ein unauffällig angebrachter Touch-Screen auf die Annehmlichkeiten des modernen Lebens hin: Durch leichtes Berühren von entsprechenden Symbolen auf dem Bildschirm können verschiedenste Aktionen ausgelöst werden: Herd vorheizen, Geschirrspüler programmgesteuert anwerfen, Heizungseinstellung je nach Raumtemperatur kontrollieren. "Nur den sprechenden Kühlschrank wollen und können wir nicht realisieren" meint Jean-Philippe Laville, Gruppenleiter der "Stadt und Land" eigenen EDV-Gruppe. Der wäre ohnhin noch viel zu teuer. Und es geht in erster Linie um die Realisierung des technisch und finanziell Machbaren, zumindest in nächster Zukunft. Die Grundlage dafür war die Installation eines günstigen Verkabelungssystems. Die Schwierigkeit dabei: Jeder Anbieter von vernetzter Wohntechnik benutzt eigene Systeme. Aus diesem Grund hat "Stadt und Land" in fünfjähriger Versuchszeit ein eigenes Leitungssystem entwickelt und damit die Hersteller zu einem eigenen Standard gezwungen. Und der wird für die Installation in zukünftigen Wohnungen genutzt. Durch die Installation einer kompletten Verkabelung soll der wichtigste Teil der Multimediawohnung schon beim Bau bereitstehen. Wie die Leitungen dann genutzt werden, hängt vom Mieter ab.

Dass multimediales Wohnen auch in Zukunft nicht gerade im Sozialbau verwirklicht wird, steht für "Stadt und Land" schon heute fest. Der zukünftige Mieter wird schon von Berufs wegen mit neuen Medien zu tun haben und entsprechendes Equipment auch in seinem Wohnumfeld nutzen wollen. Die Nachteile einer Wohnung am Stadtrand könnten durch den Einsatz der Kommunikationstechnik ausgeglichen werden. "Man wird sich die Welt einfach nach Hause holen und die Wohnung eigentlich nicht mehr verlassen müssen." spekuliert Günter Adam, Geschäftsführer von "Stadt und Land" über die Gewohnheiten des zukünftigen Nutzers.

In naher Zukunft wird der Vermieter Dienstleistungen in Verbindung mit der Multimediawohnung anbieten: Services zum Mietkontomanagement, Energie- und Heizkostenkontrolle oder auch Sicherheitsdienstleistungen. Schon heute ist die Fernüberwachung von entsprechend ausgestatteten Wohnungen kein Problem. Die Treptower Multimedia-Wohnung verfügt bereits über Infrarot- und Fenstersensoren, deren Wartung und Überwachung in Zukunft spezielle Sicherheitsunternehmen übernehmen könnten.

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