Zeitung Heute : Mumien im Keller

Seit Jahrhunderten stehen die Häuser des Dorfes Gurna auf Gräbern aus der Pharaonenzeit. Bis März sollen die Bewohner nun verschwinden. Statt ihnen sollen Millionen Touristen kommen

Andrea Nüsse[Gurna]

Samiha Ahmed Mohammed geht durch den Hof ihres Lehmhauses und öffnet die Tür zum Entenstall. Die alte Frau mit dem zerfurchten Gesicht, ganz in schwarz gekleidet, scheucht die Enten weg und zieht zwei Wellblechstücke, die auf dem Lehmboden liegen, zur Seite. Darunter klafft ein Loch, eine Gittertür liegt darüber, gesichert mit einem Vorhängeschloss. „Dies ist ein Grab aus der Pharaonenzeit, mit bunt bemalten Wänden“, sagt sie. Sie klingt nicht begeistert, eher resigniert. Denn dieses Grab ist der Grund, warum Samiha mitsamt ihrer 20-köpfigen Großfamilie ihr Haus verlassen muss. Es steht in Gurna, einem Dorf auf der Westseite des Nils bei Luxor, an einigen Ecken ist es pittoresk, aber doch größtenteils armselig. Die Gurnawis sollen Platz machen für weitere Ausgrabungen. Denn unter Gurna, dem Dorf, liegt Gurna, die Nekropole, und die gehört zum Weltkulturerbe der Unesco. Sie umfasst historische Gräber von Adligen und Arbeitern, die Antikenbehörde spricht von 950, aber nur wenige konnten bisher besichtigt werden.

10 000 Menschen sollen umgesiedelt werden – es ist die größte Umsetzung seit der Vertreibung tausender Nubier beim Bau des Assuanstaudamms. Bulldozer haben seit Anfang Dezember bereits einige hundert Lehmhäuser zerstört. Jetzt zieren Schuttberge, aus denen zerbrochene Palmenstämme ragen, die Hügel von Gurna.

„Mein Mann will hier nicht weg, er ist in diesem Haus geboren“, sagt Samiha. „Ich bin ja eigentlich bereit umzuziehen, denn wir haben hier kein fließendes Wasser. Aber man hat uns kein Haus, sondern nur ein Stück Land in der Wüste angeboten.“

Anders als Samiha, deren Söhne als Elektriker arbeiten, lebt Sayyed Hassan Arabi von den Touristen, die die Pharaonengräber und Tempel auf der Westseite des Nils besuchen. Hassan Arabi trägt einen weißen Turban und eine bodenlange Galabija , er besitzt eine Werkstatt mit 14 Angestellten und ein Geschäft, in dem er Alabastervasen, Basaltfiguren und Halbreliefs aus Gips verkauft. Sie liegt direkt an der Straße, die zum Hatschepsut-Tempel führt. „Wenn ich diesen Standort für meinen Laden verliere, kann ich mein Geschäft aufgeben“, sagt Hassan Arabi. Sein Haus ist nicht so alt, wie die Anlage der ägyptischen Herrscherin Hatschepsut. Aber die gelb gestrichene Fassade mit ihren bunten Malereien über die Pilgerfahrten Arabis nach Mekka ist mittlerweile eine Touristenattraktion für sich. Ein Angestellter bringt den Reiseführer Ägypten aus der Reihe „Rough Guide“ von 2003, ein Foto des Hauses ziert den Titel.

Für diese Art des Kulturerbes hat die ägyptische Regierung wenig Verständnis. Sie will endlich durchsetzen, was sie seit 1940 erfolglos versucht: die Bewohner zu vertreiben. Ihr Argument: Die etwa 350 Großfamilien verhindern Ausgrabungen und plündern die Gräber; die Gurnawis gelten seit Jahrhunderten als findige und geschickte Grabräuber.

Schon 1945 hatte der Stararchitekt Hassan Fathi an der Straße vom Nil nach Gurna ein Modelldorf aus Lehm, mit historischen Belüftungssystemen und Kuppeln gebaut. Doch das architektonisch wertvolle Ensemble entsprach nicht den Bedürfnissen der Menschen, die große Höfe und Ställe für ihr Vieh brauchen, und Kuppeln nur von Grabstätten kennen. Bei späteren Versuchen der Umsiedlung gab es gewaltsamen Widerstand und Tote. Seither gelte das Motto „Aushungern“, wie ein Bewohner sagt. Es gibt zwar Elektrizität, aber keine Wasserleitungen in Gurna. Das Wasser wird per Esel in Plastikfässern in die Häuser gebracht. Jegliche Anbauten oder Reparaturen werden bestraft. Bei einem Haus kann man von der Straße direkt ins Bad schauen. Die weggebrochene Wand durfte nicht ersetzt werden. Viele der jungen Leute wollen weg.

Ihre neue Heimat liegt etwa drei Kilometer weiter nördlich, wenn man geradeaus weiterfährt, statt wie die Touristen links in das Tal der Könige einzubiegen. Hier auf einer Anhöhe baut die Regierung „Neu-Gurna“ oder Al Taref, 600 gesichtslose, beigefarbene Reihenhäuser. Die Straßen werden geteert, zwei Schulen, ein Jugendzentrum und ein riesiges Polizeirevier sind im Bau. Angeblich soll auch ein Kino gebaut werden. Doch Hossan hat Zweifel. Der 19 Jahre alte Jurastudent ist mit seinen Eltern, die in Gurna einen kleinen Laden hatten, vor einer Woche in ein Haus in Al Taref gezogen. „Ein großer Kinderspielplatz war schon fertig, aber gleich nachdem uns Präsident Mubarak Anfang Januar besucht hat, sind alle Spielgeräte sofort wieder abgebaut worden.“ Und Wasser habe er auch nur eine Stunde am Tag. Hinzu kommt: Im Sommer, bei Temperaturen von 45 Grad und mehr, wird es in den Zementhäusern deutlich heißer als in den alten Lehmbauten.

Doch das sind Details, die den tatkräftigen Gouverneur von Luxor, Samir Farag, nicht von seiner Vision abbringen können. Er ist der Organisator der massiven Umgestaltung Luxors und der Westseite des Nils, sein Masterplan reicht bis ins Jahr 2030. Er soll dazu beitragen, die Zahl der Ägyptenreisenden von etwa neun Millionen jährlich auf 16 Millionen im Jahr 2014 zu steigern. Breite Schneisen werden durch die Stadt Luxor geschlagen, damit Besucher vom Bahnhof den Luxor-Tempel sehen können und eines Tages auf einer Prozessionsstraße vom Luxor- bis zum Karnak-Tempel pilgern können. Die PR-Abteilung hat eine Diashow vorbereitet. Dass 335 Häuser, zwei Kirchen und drei Moscheen abgerissen werden, wird nur auf Nachfrage erwähnt.

Und auch auf der Westseite des Nils soll die moderne Armut der Ägypter nicht den antiken Reichtum beeinträchtigen. Die Einheimischen stören da. „Bis Ende Februar ist die Räumung Gurnas abgeschlossen“, sagt Gouverneur Farag.

Mohammed al Seneq ist der Besitzer des Hotels Senefer in Gurna, von dessen zwölf Zimmern die Gäste einen Blick auf das Ramesseum und grüne Zuckerrohrfelder haben. Al Seneq, ein kräftiger Mann in blauer Galabija, schaut ins Tal, auf das Dorf seiner Vorfahren. „Ich will mein Land doch auch voranbringen“, versichert er. „Ich treffe täglich Touristen, ich bin wie ein Botschafter meines Landes.“ Wie zum Beweis wechselt er von Englisch zu Französisch, springt auf und holt seine Gästebücher. Vier sind schon voll. „Ich bin Teil dieser Nekropole.“

Offiziell weiß er noch nicht, was mit dem Hotel geschieht. Samir Farag hat es im Gespräch mit der Reporterin schon angekündigt: Das Haus kommt weg.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar