Zeitung Heute : Museum ohne Grenzen

Discoverislamicart.org zeigt islamische Kunst aus 17 koordinierenden Museen in Europa, der Türkei und arabischen Mittelmeeranrainern

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Grenzenlose Kommunikation hat uns das Internet beschert, das Beispiel des Karikaturenstreites zeigt auf eindringliche Weise, wie schnell heute eine Nachricht um die Welt geht und Reaktionen hervorruft, die niemand bedacht hat. Es gibt aber auch andere Orte der Begegnung, die Menschen weltweit zusammenbringen, und damit sind nicht die Chatrooms gemeint. Gerade wer sich zum Beispiel für islamische Kunst interessiert, findet ein wunderbares Forum im Netz, ein virtuelles Museum mit 850 Objekten aus 17 koordinierenden Museen aus 14 Ländern sowie 385 Bauwerken aus elf Mittelmeeranrainerstaaten, die jetzt in einer nie gekannten Weise zu besichtigen sind: Discoverislamicart.org zeigt Kunstwerke von der Omaijaden-Zeit (661-750) bis zum Untergang des Osmanischen Reiches (1281-1922) und bindet so Europäer, die Türkei und arabische Mittelmeeranrainer in einem Projekt zusammen. Für Deutschland steuert das Museum für Islamische Kunst im Pergamonmuseum – Staatliche Museen zu Berlin – 50 Objekte bei.

Jeder Partner beschreibt seine 50 Objekte, die er zur Verfügung stellt. Wichtig ist dabei, dass die beteiligten Wissenschaftler gleichberechtigt sind, sie begegnen einander auf Augenhöhe. Auch darin kommt der Respekt vor dem anderen zum Ausdruck. Und jeder Autor ist per E-mail zu erreichen. So begegnen einander im virtuellen „Museum ohne Grenzen“ – so heißt auch die Organisation in Brüssel – Deutsche, Marokkaner, Algerier, Palästinenser, Ägypter und wer auch immer sich für islamische Kunst interessiert. Das ist besonders wichtig für Studenten in der arabischen Welt, die nun erstmals die Möglichkeit haben, mit Wissenschaftlern anderer Länder in Kontakt zu treten und gezielt nach Fachliteratur zu suchen.

Zu jedem Objekt oder Bauwerk, das man aufruft, finden sich gleich Querverweise zu andern Objekten, die dazugehören. So finden ein Bauwerk und die entsprechenden Kunstwerke, auch wenn sie über viele Museen verstreut sind, wieder zueinander im virtuellen Museum. Die Website kann man auf Französisch, Englisch oder Arabisch besuchen, die nationalen Beiträge sind auch in der Landessprache zu lesen. Dank einer neuen Flashzoom-Technik kann sich der Besucher die Objekte auch im Detail auf einem hoch auflösenden Bild anschauen. Ja, er kann hier vielleicht Details betrachten, die er so im Museum gar nicht zu erkennen sind. Insofern ist das „Museum ohne Grenzen“ auch eine Ergänzung des Angebots der Partnermuseen. In Zukunft soll es Wechselausstellungen zu ausgewählten Themen im Netz geben.

Natürlich verfügt auch dieses Museum über einen Shop, in dem Bücher zu bestimmten Themen angeboten werden. In einem nächsten Schritt sollen hier auch darauf abgestimmte Reisen von Partnerveranstaltern im Internet eine Plattform finden, so dass dem virtuellen Dialog eine Reise in die entsprechende Region folgen kann. So erfährt man praktisch, wie die Kulturen Ländergrenzen überwunden haben.

Dass dieses Projekt realisiert werden konnte, ist ein Ergebnis des Dialogs der Europäischen Union mit den Mittelmeeranrainern. Auch wenn die Konferenz in Barcelona im vergangenen Jahr politisch kein Erfolg war, die Eröffnung des virtuellen islamischen Museums bietet ungeahnte Perspektiven des Dialogs, der, wie die aktuelle Entwicklung zeigt, nötiger denn je ist.

Das Museum erinnert daran, dass Europa und die arabische Welt ein gemeinsames kulturelles Erbe haben. Finanziert wird das Projekt aus Mitteln der Europäischen Union und der portugiesischen Goulbenkian-Stiftung. Aber damit nicht genug. Im „Museum ohne Grenzen“ bieten sich viele Möglichkeiten der Vertiefung. Ab 2007 soll die Kunst des Barock länderübergreifend einen Platz im Netz finden. R.B.

Weiteres im Internet:

www.discoverislamicart.org

www.museumwnf.org

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