Museumsinsel : Das neue Meisterwerk

Von Christina Tilmann

Hier schlägt Deutschlands kulturelles Herz. Was Kanzleramt und Parlamentsbauten für die politische Nation sind, ist die Museumsinsel für die Kulturnation. Eine Verpflichtung, die der Bund sich rund 1,5 Milliarden Euro an Baugeldern kosten lässt. Aber auch eine Attraktion, die schon jetzt jährlich über zwei Millionen Besucher auf die Insel zieht – in Zukunft werden vier Millionen erwartet. Wenn es um das kulturelle Prestigeprojekt der Republik geht, wird zu Recht um Millionenbeträge nicht gerungen. Eine Haltung, die man sich auch für das Berliner Stadtschloss mit den Plänen für ein Forum außereuropäischer Kulturen wünscht. Ein großer Wurf entsteht nun mal nicht zu Discountpreisen.

Wenn heute das Neue Museum sein Richtfest feiert, wird das vielschichtigste Haus der Insel für drei Tage als Baustelle zugänglich – eröffnet wird es erst 2009. Ein Haus, um das gekämpft und gestritten wurde wie um kein anderes. In der hochemotionalen Debatte über David Chipperfields Sanierungspläne ringt Berlin um das Bild, das es von sich zeigen will: ein beschädigtes, bescheidenes, die Vergangenheit nicht negierendes Bild – oder eine strahlende, in alten Formen makellos wiedererstandene Fassade? Die Lösung, die beim Neuen Museum gefunden wurde, hat Folgen – auch für die Entscheidungen, die am Schlossplatz anstehen.

Das Neue Museum war ein Haus der Geschichte, schon immer. Der „Vaterländische Saal“ im Erdgeschoss, die Antiken und Gipsabgüsse im ersten Stock, Kaulbachs im Krieg leider restlos zerstörte Fresken im Treppenhaus – anders als das von Schinkel erbaute Alte Museum ist Stülers Neues Museum kein Haus der Kunst, sondern der Wissenschaftsgeschichte. Eines, das uns zeigt, wo wir herkommen und wie wir wurden, was wir sind.

Es zeigt auch die Verluste: brandgeschwärzte Säulen, halb zerstörte Wandbilder, eingestürzte Decken, die in Beton nachgegossen wurden. Risse, Narben, Wunden, Fehlstellen, unübersehbare Spuren von Krieg und Zerstörung, die der britische Architekt David Chipperfield keineswegs übertüncht hat, sondern im Gegenteil als eigentliches Exponat bewahrt, ja in den Vordergrund gestellt hat.

Das hat viele gestört, die das Neue Museum, das Meisterwerk von Friedrich August Stüler, in seiner ganzen Schönheit wiedererstehen sehen wollten. Mit dem reichen Bildprogramm im Inneren. Mit den eleganten, damals so ungemein fortschrittlichen Eisenkonstruktionen, die den Bau als selbstbewusstes Produkt eines aufblühenden Industriezeitalters auswiesen. Das Museum als Sinnbild eines anderen Preußen, das nicht säbelklirrend, sondern weltoffen daherkam: das sich im Herzen Berlins ein Spree-Athen, eine Insel der Kunst und Wissenschaft baute, eine „Freistätte des Geistes“, wie es Friedrich Wilhelm IV. nannte.

Das Neue Museum verkörpert nationale Bildungswerte, die unlängst auch zum 50. Jubiläum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz beschworen wurden. Aber es ist eben auch das Haus, das vierzig Jahre als Ruine, als Mahnung auf der Museumsinsel stand. Auch das ist Teil der Identität: der Zweite Weltkrieg, der von diesem Land ausging. Auch diese Geschichte dokumentiert das Neue Museum – und klug der Architekt, der nicht versucht, sie ungeschehen zu machen.

Diese Botschaft gilt es auf der Baustelle zu entdecken, und sie wird verstanden. Suchen die Besucher, die nach Berlin strömen, nicht im Stadtbild immer noch die Spuren von Teilung und DDRMauer, strömen sie nicht zu Tausenden zur Topographie des Terrors oder zum Holocaust-Mahnmal? Berlin, so hip es gegenwärtig erscheint, ist vor allem auch die Stadt, in der die Geschichte des 20. Jahrhunderts so spürbar ist wie nirgendwo sonst. Auch deshalb kommt man hierher.

Die Schlossdebatte hat sich in dieser Woche neu entzündet an der Frage der historischen Fassaden. David Chipperfield ist beim Neuen Museum etwas Besonders gelungen: ein Bogenschlag zwischen Alt und Neu, Zerstörung und Wiederaufbau. Keine reine Fassaden- oder Stadtbildreparatur, sondern geschichtsbewusstes Bauen an herausragender Stelle. Ähnliche Sensibilität, ähnlichen Mut wünscht man sich am Schlossplatz. Weil Schloss und Museumsinsel zusammengehören.

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