Zeitung Heute : "Music": Am Mischpult mit Madonna

Kurt Sagatz

Spätestens mit der Veröffentlichung ihres neuen Albums "Music" steht fest, Madonna ist ein Superstar der ganz besonderen Art. Und dies bezieht sich nicht allein auf die musikalische Seite ihres Albums, das bereits als neuer Madonna-Sound des modernen und urbanen Club-Feelings gewürdigt wird. Neue Wege geht Madonna auch bei der Vermarktung. Denn wer erwartet hat, das sie sich anläßlich der offiziellen Veröffentlichung nun verärgert darüber äußert, dass der Titelsong und auch das Video schon seit Monaten über Internet-Musiktauschbörsen wie Napster oder Gnutella zu beziehen sind, sieht sich auf eindrucksvolle Weise widerlegt. An die Stelle der Technologieschelte, die sich nicht damit abfinden kann, dass die weltweite Vernetzung auch ihre urheberrechtlichen Schattenseiten hat, setzt sie einen Kontrapunkt und geht in die Offensive. Parallel zum Verkauf des Albums über die herkömmliche Distributionsstrecke des Plattenhandels wurde "Music" komplett ins Netz gestellt.

Unter www.madonnamusic.com können die zehn Titel des Albums in voller Länge angehört werden, ein entsprechendes QuickTime-Zusatzprogramm zum Internet-Browser vorausgesetzt, das bei Bedarf kostenlos zum Download bereitliegt. Von der CD ist der Musikgenuss beim Online-Hören allerdings weit entfernt. Eher erinnern die Knackser und Aussetzer bei schlechter Verbindung an alte Mittelwellenzeiten. Ganz davon abgesehen, dass das Laden der Stücke über eine analoge Einwahlverbindung kaum als Vergnügen betrachtet werden kann, denn unter ISDN oder besser noch einem DSL-Anschluss sind solche Multimedia-Ausblicke in die Zukunft nicht zu empfehlen. Wer "Music", "Amazing" oder "What It Feels Like For A Girl" richtig hören will, soll sich die CD kaufen, diese Botschaft der Website kommt sicherlich an.

Angekommen ist aber auf der anderen Seite auch die Message an die Unterhaltungsbranche, dass stures Herumreiten auf Paragraphen die abtrünnigen Online-User nicht zurückbringt. Jüngst hatte das US-Marktforschungsinstitut Forrester Research den Plattenlabels und Buchverlagen vorgerechnet, dass der Kampf gegen Napster und Co. allein juristisch nicht zu gewinnen ist, wie der Online-Dienst von Heise berichtete. Die Lösung könne nur darin bestehen, attraktive Dienste mit den Inhalten, in den Formaten und mit den Geschäftsmodellen anzubieten, die von den Kunden gewünscht werden.

Die Alternative liegt nach Meinung von Forrester auf der Hand. Da technischer Schutz nicht möglich sei, reiche ein einziger User aus, der die Sicherheitsmaßnahmen durchbricht und die Inhalte im Netz weitergibt. Ist dies erst geschehen, könnten auch die Gerichte nicht weiterhelfen, da dann die Netizens nur zu Untergrund-Diensten wie Gnutella und Freenet getrieben würden.

Diesem Trend entgegenzuwirken ist die große Chance von madonnamusic.com. Denn anders als bei Napster mit seiner rein technikgetriebenen Oberfläche bietet die Site mit ihren multimedialen Flashelementen auch optisch einiges, wie zum Beispiel zwei Video-Remixes von "Music". Gleichzeitig fordert Madonna ihre Fans dazu auf, aus der Rolle des Konsumenten in die des Produzenten zu schlüpfen. Wiederum mit der Technologie von Macromedia wurde auf der Site ein Bereich geschaffen, in dem selbst zum Online-Mischpult gegriffen werden kann, um die Videosequenzen neu zusammenzusetzen. Etwas gewöhnungsbedürftig in der Handhabung lassen sich so Music und Video "personalisieren". Das Ganze kann am Ende auf der eigenen Festplatte gespeichert oder als Mail versendet werden.

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