MUSICAL„Sweeney Todd – Der teuflische Barbier aus der Fleet Street“ : Der Rasiermesser-Rächer

Daniela Sannwald

Tim Burton hat wieder einmal eine seiner künstlich-bizarren Welten geschaffen: ein London im Charles-Dickens-Stil mit finsteren Spelunken, enge Gassen, wabernde Nebel, wo sich abgerissene und ausgebeutete Gestalten tummeln, und dagegen der Protz in den großzügigen Stadthäusern habgieriger, böser Reicher. Das Ganze wirkt stummfilmhaft, schwarz-weiß, obwohl viel knallrotes Blut fließt und wunderbar gesungen wird.

Johnny Depp ist wieder einmal in einer Rolle zu sehen, die ihm auf den Leib geschrieben ist. Er verkörpert einen ehemals unbescholtenen Bürger, der, unter falschen Anschuldigungen von einem fiesen Richter um Existenz und Familie gebracht und in die Verbannung geschickt wurde. Jetzt kehrt er unter falschem Namen als Rächer zurück. Seinen Beruf als Barbier nimmt er wieder auf, aber nur, um die Kehlen derer durchzuschneiden, die ihm Unrecht getan haben. Darunter fällt das gesamte Establishment, denn Sweeney Todd steigert sich in einen Blutrausch hinein. Seine Komplizin, verhuscht-zerzaust gespielt von Helena Bonham Carter, ist eine Pastetenbäckerin, die von den massenhaft anfallenden Leichen Gebrauch und ihre Kunden zu Kannibalen macht. Während aber Todd einzig besessen von seinem Rachefeldzug ist, rechnet seine Mitverschwörerin sich Chancen auf eine bessere Zukunft aus, denn heimlich ist sie in ihn verliebt.

Johnny Depps Sweeney Todd ist eine Mischung aus Graf Dracula und Frank N. Furter aus der „Rocky Horror Picture Show“, eine schaurige, aber auch romantisch-verlorene Figur, für die man, trotz ihrer grässlichen Taten Verständnis aufbringt. Und Depp singt, als ob er nie etwas anderes getan hätte: rauchig und rau trägt er seine Balladen vor, verfällt mitunter in eine Art Sprechgesang, und dazu agiert er mit seinen Messern, die ihm, gleich der Scheren in „Edward Scissorhands“ an die Hände gewachsen zu sein scheinen.

Mit weiteren herausragenden Darstellungen brillieren Sacha Baron Cohen als schmieriger Haarwuchsmittelpropagandist und härtester Konkurrent Sweeney Todds, und Alan Rickman als Kinderschänder hinter bürgerlicher Fassade. „Sweeney Todd“ ist eine Adaption des Broadway-Musicals von Stephen Sondheim und Hugh Wheeler und trotz der Blutfontänen ein visueller – und akustischer – Genuss. Schauer-Musical mit romantischem Einschlag. Daniela Sannwald

„Sweeney Todd“, USA/GB 2007, R: Tim Burton, D: Johnny Depp, Helena Bonham Carter

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