Zeitung Heute : Musik aus, Licht an

Der Tagesspiegel

Von Annekatrin Looss

Marzahn. Ohne Worte stürmen die Polizisten an den Einlassern der Diskothek „M“ in der ersten Etage des Marzahner Einkaufszentrums Lé Prom vorbei. Zum DJ-Pult. Es ist Freitagnacht, kurz vor eins. Der Einsatzleiter, Gewerbehauptkommissar Stefan Wegener macht die Musik aus und greift zum Mikrofon. „Das ist eine Durchsage der Polizei. Es folgt eine Überprüfung der Einhaltung des Jugendschutzgesetzes. Bitte halten Sie Ihre Ausweise bereit und bleiben Sie ruhig.“

Die Disko ist der Polizei einschlägig bekannt. Im vergangenen Sommer wurde sie schon einmal überprüft. Damals stießen die Beamten auf 48 Jugendliche, die sich dort mitten in der Nacht – teilweise betrunken – amüsierten. Zwei 16-jährige Mädchen arbeiteten sogar hinter der Bar. 35 000 Mark Bußgeld mussten die Betreiber damals bezahlen. Nach Ansicht der zuständigen Jugendamtsleiterin hat sich die Situation nicht gebessert. Sie ersuchte die Polizei um Amtshilfe. Aber auch mehrere anonyme Anrufer hatten sich über Lärm und Sachbeschädigungen beschwert.

Die Lagebesprechung findet im Polizeirevier Mitte in der Keibelstraße statt. Im Kinosaal. 58 Damen und Herren mittleren Alters, bis auf 13 alle in Zivil, werden auf ihren Auftritt vorbereitet. Lageeinweisung: Der Reiz des Verbotenen locke die Kinder und Jugendlichen nachts in die Diskotheken, erklärt Wegener seinen Kollegen. Dort sind sie unter sich und genießen ihre Freiheit. Dennoch sei es nicht Menschenfreundlichkeit, die die Veranstalter motiviere, sondern Profitgier. Das „M“ locke die Jugendlichen mit freiem Eintritt und unkontrolliertem Alkoholausschank. Unter Tagesordnungspunkt zehn erhalten die Polizisten Verhaltensmaßregeln. Dieser Einsatz sei keine Razzia, sondern lediglich eine Untersuchung der Einhaltung des Jugendschutzgesetzes. Die Maßnahmen richten sich gegen den Betreiber, nicht gegen die Jugendlichen. Sie seien lediglich Zeugen und entsprechend zu behandeln.

Der Eingang des „M“ ist abgeriegelt. Systematisch kontrollieren die Beamten den Ausweis jedes Jugendlichen in der seltsamen Atmosphäre plötzlicher Musiklosigkeit im diffusen Partylicht der Spiegelbälle. Wer keinen Ausweis dabei hat wird von zwei Beamten zu einem der sechs „Besprechungswagen“ auf dem Parkplatz begleitet und auf seine Personalien überprüft. Die 15-jährige Janine ist schwer genervt. Dreimal muss sie ihren Namen im Besprechungswagen buchstabieren und immer wieder beteuert sie, ihr Vater sei nur Geld holen gegangen und komme gleich wieder. Die Beamten lässt das ungerührt. „Sie sind doch auch alkoholisiert“, stellt einer fest. Ja, mit ihrem Papa zu Hause habe sie getrunken, meint Janine. Und tatsächlich, als Papa endlich kommt, nimmt er seine Tochter in die Arme. „Nicht wenigen Eltern rutscht in solchen Situationen schon mal die Hand aus“, weiß Gewerbekommissar Norbert Prizybilla, der sich irgendwie auch wie ein Spielverderber fühlt. „Andere Eltern dagegen beschimpfen uns.“ Nicht so der Vater von Janine. Er hat Verständnis. Für die Beamten. „Es ist schon in Ordnung, dass die Polizei auf den Jugendschutz achtet“, findet er. Aber auch für seine Tochter. „Die Kids wollen doch bloß ein bisschen Spaß. Es ist doch besser, wenn sie tanzen , anstatt in der Zeit Mist zu bauen.“ Alle zwei Wochen kommt der 37-Jährige mit seiner Tochter und ihrer Freundin ins „M“. Meist kommen sie gegen halb zehn und bleiben bis um zwei oder drei. Am Eingang muss der Vater immer seinen Ausweis abgeben. Den bekommt er erst wieder, wenn er mit beiden Mädchen die Disko verlässt. Vorher wird in der Wohnung noch etwas getrunken. Am liebsten Wodka mit Redbull. Das macht wach und lustig. Weniger Glück hat Juliane. Sie wird in 23 Tagen 18. Sie sei gleich zur Polizei gegangen und habe zugegeben, dass sie erst 17 ist. Aber so, dass es der Türsteher nicht mitbekommt. „Sonst bekomme ich ja Hausverbot.“ Inzwischen ist es zwei Uhr und im M. macht sich Langeweile breit. „Schade ums Geld“, findet die 19-jährige Anke. Seit einer guten Stunde sitzt sie rum. Aber als dann endlich die Musik wieder angeht und noch dazu Getränkegutscheine verteilt werden, ist sie versöhnt. Nur die Beamten sind enttäuscht. Zehn Jugendliche haben sie heute aufgegriffen, einer davon betrunken. „Wir haben mehr erwartet“, sagt Einsatzleiter Wegener. Es war der fünfte Einsatz in diesem Jahr. 318 Verstöße gegen das Jugendschutzgesetz haben sie 2002 bislang festgestellt. 178 Kinder und Jugendliche fanden sie allein bei einer Durchsuchung des „Jeton“ an der Frankfurter Allee, darunter 12- und 13-Jährige. Die Disko wurde sofort geschlossen. Das „M“ wird glimpflicher davonkommen. „Mehr als 5000 Euro Bußgeld werden es heute nicht“, schätzt Wegener. Ein Ermittlungsverfahren wurde eingeleitet.

Das Jugendschutzgesetz
Laut Jugendschutzgesetz ist Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren der Aufenthalt in Diskotheken verboten. 16- und 17-Jährige dürfen bis Mitternacht bleiben. Ausnahmen macht das Gesetz, wenn die Minderjährigen in Begleitung eines Personensorgeberechtigten sind. Außerdem darf Jugendlichen unter 16 Jahren kein Alkohol ausgeschenkt werden. 16- und 17-Jährigen dürfen nur Getränke wie Wein oder Bier, jedoch keine spirituosenhaltigen (Mix-)Getränke verkauft werden.Verstöße gegen das Jugendschutzgesetz werden als Ordnungswidrigkeit geahndet, übermäßiger Alkoholkonsum von Jugendlichen in der Diskothek gilt als Straftat.akl

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