Zeitung Heute : Musik muss eine Brücke sein

In seiner dritten Saison als Intendant der Dresdner Musikfestspiele blickt Jan Vogler nach Fernost – und zeigt gleichzeitig, was unsere europäische Kultur im Innersten zusammenhält

Vielseitig begabt. Parallel zu seinen weltweiten Aktivitäten als Cellist trägt Jan Vogler, 1964 in Berlin geboren, seit 2007 die Verantwortung für die Dresdner Musikfestspiele. Foto: Mat Hennek
Vielseitig begabt. Parallel zu seinen weltweiten Aktivitäten als Cellist trägt Jan Vogler, 1964 in Berlin geboren, seit 2007 die...

Jan Vogler ist ein weit gereister Mann, der die Kulturen dieser Welt kennt. Darum hat die Stadt Dresden den 1964 in Berlin geborenen Cellisten auch zum Intendanten ihrer Musikfestspiele berufen. Zwar konnte die Stadt im vergangenen Jahr einen Rekord bei den Besucherzahlen verbuchen – mit 3,5 Millionen Übernachtungen wurde der bisherige Spitzenwert von 2006, dem Jahr der Frauenkirchen-Wiedereröffnung, noch übertroffen –, aber die Tourismusmanager träumen von mehr: Derzeit belegt Dresden Platz sieben in der Hitliste der meistbesuchten deutschen Städte, mittelfristig wollen die Sachsen aber traditionelle Messestädte wie Düsseldorf und Köln überholen. Dabei kann ein renommiertes Klassikfestival helfen. Vor allem wenn es internationale Namen aufbietet, die wiederum überregionales Publikum anziehen. „In der Tat können wir anhand unserer Buchungen im Internet sehen, dass für bestimmte Künstler Leute von sehr weit her anreisen“, sagt Jan Vogler.

So wichtig die Lockvogelfunktion der Stars ist – Vogler will aus den Dresdner Musikfestspielen auf keinen Fall einen austauschbaren Eventzirkus machen. Viel wichtiger ist ihm die inhaltliche Profilierung: „Bei der Planung klären wir im Team immer zuerst die Frage, warum wir diesen oder jenen Gast unbedingt dabei haben wollen.“ So entstehen die Spielpläne als „dreidimensionales Puzzle“ – Programmatik, Künstler, Spielstätten.

Jan Vogler kennt Dresden und die Mentalität seiner Bewohner sehr gut – denn er war in jungen Jahren hier Solo-Cellist bei der berühmten Staatskapelle. Als 20-Jähriger kam er nach Elbflorenz. 1997 entschloss er sich, die Solistenkarriere einzuschlagen, heute lebt er mit Frau und Kindern in New York und Dresden. Seine Aufgabe ist es, als Intendant der Musikfestspiele den Blick in die Ferne zu richten, den Duft der großen weiten Welt ins liebliche Elbtal zu lenken – ohne dabei dem stolzen Kulturbürgertum der Stadt das Gefühl zu vermitteln, in der kalten Zugluft zu sitzen. Vogler weiß nicht nur aus der Orchesterarbeit, wie sehr hier das Hiesige geschätzt wird, wie liebevoll man an Traditionen festhält. „In den Musennestern wohnt die süße Krankheit Gestern“, hat der Schriftsteller Uwe Tellkamp in seinem Dresden-Roman „Der Turm“ den Geist der Stadt umschrieben.

Das Trauma der Zerstörung sitzt tief, der Gedenktag für die Opfer der Bombennächte gehört zu den wichtigsten Daten im Dresdner Kulturkalender. Genau an diesem Punkt setzt Jan Vogler an: „Für mich ist es die stärkste Botschaft, wenn wir zeigen können, wie eine zerstörte Stadt, die sich wieder aufgebaut hat, nun das Prinzip des friedlichen Miteinanders pflegt.“ Dann zitiert er sein großes Idol, den Cellisten Pablo Casals, der einst postulierte: „Musik wird die Welt retten.“

Von der zivilisatorischen Wirkung instrumentaler und vokaler Klänge war auch der chinesische Philosoph Konfutse vor 2500 Jahren schon überzeugt. Asiatische Lebensphilosophie spielt eine wichtige Rolle beim diesjährigen Festival. Hatte Jan Vogler 2009 nach Amerika geblickt und im vergangenen Jahr den Fokus auf Russland gelegt, so schien es folgerichtig, 2011 Asien in den Mittelpunkt zu stellen: Wie bei den vorangegangenen Festivals auch wollte sich der Intendant mit der Wahl eines Mottos allerdings keine programmatischen Fesseln anlegen, indem er ausschließlich asiatische Künstler oder ausschließlich asiatische Musik präsentiert. „Wir möchten vielmehr den Dialog zwischen Orient und Okzident betonen, den Austausch der Lebensphilosophie und Kulturen.“ Blickt man allein auf die rasant wachsenden Volkswirtschaften in Fernost, wie sie in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen beschrieben werden, kann der Prozess des wirtschaftlichen Erstarkens von China und Co. durchaus bedrohlich wirken. Kulturell gesehen kann die Möglichkeit, andere Kulturen zu entdecken und neue geistige Welten zu erschließen, nur bereichernd sein. Weil die Begegnung mit dem Fremden ja immer auch dazu auffordert, sich mit den eigenen Wurzeln, der eigenen Identität auseinanderzusetzen.

Im Alltag praktiziert Jan Vogler diesen Kulturaustausch täglich: Denn seine Frau, die Geigerin Mira Wang, wurde in China geboren und kam erst im Alter von 18 Jahren in die USA. Ihre Kinder erziehen sie mehrsprachig. Der Cellist weiß also, wovon er spricht, wenn er fordert, wir sollten uns künftig verstärkt um ein Verständnis der kulturell-philosophischen Wurzeln der asiatischen Völker bemühen. Wobei er genauso gerne den Cicerone auf dem eigenen Kontinent spielt, wie beispielsweise im vergangenen Jahr, als er bei einer gemeinsamen Europa-Tournee mit dem Singapore Symphony Orchestra den Musikern die heiligen Hallen der Klassik vom Gewandhaus bis zur Berliner Philharmonie gezeigt hat.

Zu einem Gipfeltreffen zwischen europäischer und asiatischer Musik kommt es auch zum Festivalauftakt: Nur einen Tag nach dem offiziellen Eröffnungskonzert der Sächsischen Staatskapelle unter Esa-Pekka Salonen, trifft Jan Vogler auf einen jungen Mann, der sich „Rain“ nennt. „In Asien hat dieser außergewöhnliche Tänzer und Sänger Millionen Fans“, erzählt Vogler. „Als ich ihn in Schanghai getroffen habe, wurden die Straßen abgesperrt, damit wir in seinem Auto zum Restaurant fahren konnten – durch ein endloses Spalier jubelnder Teenager.“ In Dresden wird der „Michael Jackson Asiens“ ganz ernsthaft in einen künstlerischen Dialog mit Jan Vogler treten – und zwar in der noblen Semperoper.

Dass die Klassiksolisten der kommenden Generation zu einem großen Teil fernöstliche Wurzeln haben wird, zeigt die Konzertreihe „Asiens Stars von morgen“. Das Sächsische Staatsweingut im Schloss Wackerbarth bietet den aufstrebenden Newcomern aus Korea und China, Taiwan und Japan eine attraktive Kulisse (siehe Artikel auf Seite 8).

Nicht jede der über 40 Veranstaltungen, die an 14 verschiedenen Spielorten stattfinden, haben einen Asien-Bezug. Unter dem roten Papierschirm, der diesmal das optische Festival-Leitmotiv ist, haben auch jede Menge europäische Künstler Platz. So ist es Jan Vogler wichtig, die städtischen Institutionen ins Programm einzubinden, von der weltberühmten Staatskapelle bis zur Musikhochschule: „Wir wollen der Kulminationspunkt für die Dresdner Kulturszene sein.“ So spielt die Dresdner Philharmonie unter der Leitung von Kurt Masur Bruckners 7. Sinfonie, das 25-jährige Jubiläum des Dresdner Kammerchores wird gefeiert. Die glorreiche barocke Blütezeit des Dresdner Kulturlebens, als August der Starken mit Vivaldi, Verracini, Pisendel und Bach die begehrtesten Musiker des Kontinents an die Elbe lockte, lassen Fabio Biondi mit Europa Galante, der Geiger John Holloway, der Cellist Jaap ter Linden und der Cembalist Lars Ulrik Mortensen wieder aufleben. Aus Leipzig, der ewigen Konkurrentin Dresdens, kommen das MDR Sinfonieorchester sowie das Gewandhausorchester.

Jedes Jahr ein außergewöhnliches Streichquartett einzuladen, gehört zu den Herzensangelegenheiten Voglers. Dieses Mal ist das amerikanische St. Lawrence String Quartet zu Gast. Zudem wird der Berliner Theatermacher David Marton als Koproduktion mit dem Dresdner Schauspiel seine ganz eigene Sicht auf Richard Wagners „Rheingold“ inszenieren.

Für ganz großen Glamour sorgen die New Yorker Philharmoniker, die für zwei Konzerte mit ihrem Chefdirigenten Alan Gilbert anreisen, sowie die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle. Außerdem hat Jan Vogler einige seiner Lieblingskünstler wie den Cellisten Heinrich Schiff, den Flötisten Maurice Steger und die Viola da Gamba-Virtuosin Hille Perl sowie den Pianisten Arcadi Volodos eingeladen.

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