Zeitung Heute : Musik und Bewegung

Wie eine Berlinerin, Ost, die Stadt erleben kann

Britta Wauer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Anni Sauer war eine Frau, vor der Kinder Angst hatten. Sie war klein und zierlich, aber ihre Worte waren so befehlsartig und ihre Stimme donnerte so laut, dass man schon erschrak, bevor man sie überhaupt sah. Wenn man sie erspäht hatte, zwischen den vielen Kindern, die sie stets um sich hatte, war das nicht gerade ein sonniger Anblick: Sie trug schwarze Kleider, die ihr bis zur Wade reichten und unten staksten zwei dünne Beinchen hervor. Am imponierendsten war ihr runzliges Gesicht, das ihr den Ausdruck einer hundertjährigen Greisin gab. Es gab genügend Kinder, die bei ihrem Anblick laut geschrieen haben und nie wieder zu ihr wollten. Dadurch ist ihnen einiges erspart geblieben, aber noch mehr ist ihnen entgangen.

Anni Sauer leitete seit den 60er Jahren ein Ensemble mit etwa hundertfünfzig Kindern jeden Alters, das sie „Musik und Bewegung“ nannte und das bekannt war in der DDR für seine Außergewöhnlichkeit. Viermal in der Woche probte sie im „Haus der Jungen Talente“, dem heutigen „Podewil“ in der Klosterstraße in Mitte. Die Kinder, die zu ihr kamen, waren keine besonderen Begabungen. Sie lernten bei „Frau Sauer“ Purzelbäume im Takt der Musik zu schlagen, auf dem Glockenspiel Staccato zu spielen, und später, als sie in die Schule gingen, Wasserflaschen Töne zu entlocken und arabische Lieder zu singen.

Das Ensemble war ein Erfolg. Die Kinder traten in der Staatsoper Unter den Linden auf und tourten durch die sozialistischen Bruderländer. Anni Sauer hatte in der DDR etwas Ungewöhnliches geschaffen. Sie scherte sich nicht um Regeln und Dienstwege. Sie rief in den Botschaften an und lud Diplomaten zu sich ein. Die weit gereisten Herren kamen, setzten sich vor die Kinderschar und erzählten, wie es aussieht, da wo sie herkommen, was man dort isst und wie man lebt. Die Diplomaten mussten ein Lied aus der Heimat mitbringen und Zettel verteilen, auf denen der Text stand, nicht wie er geschrieben wird, sondern so, wie man ihn spricht. Die Kinder übten die Aussprache und manchmal dauerte es lange, bis es verständlich klang. Immer wieder kamen japanische Diplomaten oder chilenische Freiheitskämpfer und irgendwann sangen die Kinder in 20 Sprachen.

Doch die alte Dame war so unberechenbar wie ein Gewitter. Anni Sauer konnte brüllen, dass man es hörte, wenn man fünf Stockwerke tiefer das Haus betrat. Als einmal die Gruppe der pubertierenden Mädchen beim Einstudieren eines Tanzes nicht genügend Elan bewies, donnerte die knapp 80-Jährige: „Nun bewegt mal eure Ärsche!“, schürzte ihren Rock und zeigte, wie sie die Hüften schwingen sollten. Anni Sauer ist seit 15 Jahren tot, aber ihr Ensemble hat sich gehalten. In diesen Tagen feiert es sein 40-jähriges Bestehen. Das Jubiläumskonzert findet am kommenden Wochenende im FEZ in der Wuhlheide statt. Besonders willkommen sind all jene, deren Kindheit zum großen Teil vom „Ensemble“ geprägt wurde und die noch im Ohr haben, wie Anni Sauer rief: „Alle mal herhören!“

„Jubiläumskonzert des Kinder- und Jugendensembles Musik & Bewegung Sadako“ am kommenden Sonntag, 19 Uhr, im Theatersaal des FEZ in der Wuhlheide, Karten unter (030) 53071146

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