Zeitung Heute : Musikalische Humangenetik: Das Genom als Online-Sinfonie

Jochen Reinecke

Musik ist "die absichtliche Organisation von Schallereignissen" - sagt Meyers Großes Taschenlexikon. So hat der Leipziger Künstler Max Meyer vor zwei Jahren in seinem Werk "Hausmusik" in einem Gebäude Messpunkte verteilt, die Schwingungen aufzeichnen und an zentraler Stelle in Töne umwandeln. Mayer verstand seinerzeit jenes Kunstwerk als "mentale Tankstelle für Sitzungspausen". Eine zeitgemäße Form des Auftankens wollten jetzt auch die amerikanischen Musikwissenschaftler Todd Barton und Brent D. Hugh schaffen. Sie haben die erst kürzlich vollständig entschlüsselte Struktur des menschlichen Genoms in eine selbst entwickelte Software eingespeist und Teile dieser Struktur, welche ja eigentlich nur eine lange Liste von Daten ist, in musikalisch verwertbare Parameter wie Tonhöhe und -dauer umwandeln lassen. Diese Parameter werden von einem Computer als Töne wiedergegeben und später im Tonstudio abgemischt, fertig ist die humangenetische sinfonische Dichtung.

Das Ganze kann man sich online anhören. Ebenso findet sich auf dieser Webseite eine genauere Erklärung des Umwandlungsalgorithmus. Hört man das entstandene Werk an, ohne von seiner Entstehungsgeschichte zu wissen, assoziiert man in erster Linie eine auf einem Synthesizer eingeschlafene und wild träumende Katze. Weiß man hingegen, dass man sich seine ureigene Körpermusik anhört, dann durchfährt einen beim Hören vielleicht ein gelinder Schauer.

Einen ähnlichen Weg der Musikerzeugung, jedoch zu einem ganz anderen Motiv, geht der Franzose Dominique Fober mit seinem Internetradio, das willkürlich Dateien einer Computerfestplatte in Töne umwandelt und abspielt. Word-Dokumente, Excel-Tabellen oder Bilder erhalten einen neuen Sinn, sie werden in ihre Bestandteile zerlegt und auf ähnlichen Wegen wie die Genom-Musik in Töne und Melodien umgewandelt, derzeit leider nur mit einem Mac oder unter Linux. Die Windows-Version soll im Sommer folgen.

Das längste Stück auf der Festplatte ist übrigens die Netscape-Browsersuite "Communicator". Sie steht mit einer ununterbrochenen Spielzeit von 39 Stunden Richard Wagners Ring der Nibelungen in nichts nach. Den Grand Prix Eurovision de la Chanson kann man damit voraussichtlich jedoch nicht gewinnen.

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