Zeitung Heute : Musiker und Plattenlabel lassen im globalen Netz ihre Muskeln spielen

HELMUT MERSCHMANN

"Wir sind keine Cowboys, denen die Rechte egal sind".Wie im wilden Westen will Larry Miller, Chef der amerikanischen Kommunikationsgesellschaft AT&T, das Treiben im Internet erscheinen.Dort sind zigtausend Musikstücke im MP3-Format frei zugänglich.Viele von ihnen allerdings illegal.Auf der internationalen Musikmesse Midem in Cannes äußerte Miller sich besorgt über die MP3-Technologie.Besonders das Urheberrecht sieht er in Gefahr, aber auch die Tantiemen.Seine Firma arbeitet an Sicherheitskonzepten wie dem "a2b"-Format, bei dem der Anbieter bestimmen kann, wie oft der User eine Musikdatei hört, bevor sie sich selbst vernichtet.

Der Stellungskrieg um die Musik im Internet und ihre Lizensierung ist unterdessen voll entbrannt.Für Chuck D, Frontmann bei "Public Enemy", einer berühmt-berüchtigten amerikanischen Hip-Hop-Band, handelt es sich dabei eher um ein Scharmützel.Den Bohei um MP3 bewertet er als aufgebauschte Inszenierung der Musikindustrie, die ihre Pfründe schrumpfen sieht.In einem Interview mit der Zeitschrift "Wired" schildert er seine Sicht der Dinge: "Heute produziert ein Majorlabel eine CD für bloß 80 Cents, verkauft sie dann für 10,50 Dollar an die Händler, so daß die wieder 14 Dollar nehmen - das ist Diebstahl".Der aufgebrachte Rapper bläst zum Sturm gegen die nachgesagte Abzockerei.Für lediglich drei Dollar könnten Musiker ein komplettes Album im Internet anbieten, ohne darben zu müssen.Die Vorteile: "Angenommen ein unabhängiges Label will ein Album produzieren, muß es mindestens 10 000 CDs auf den Markt bringen, um Aufmerksamkeit zu erhalten.Das Internet macht das hinfällig.Also kann man einen Markt austesten, ohne jemals eine CD gepreßt zu haben."

Tatsächlich dürfte das Internet für kleine Musiklabel zunehmend von Interesse sein.Die bieten schon seit langem Audiomaterial zu Promotionszwecken auf ihren Homepages an, als WAV- oder Realaudio-Datei.Die Vorteile von MP3 mit seiner zwölffachen Komprimierung bei nicht wahrnehmbaren Klangverlusten liegen allerdings auf der Hand.Abermillionen Kilobyte von digitaler Musik fließen täglich aus dem Internet in die heimischen PCs und von dort aus weiter in die kleinen Abspielgeräte, wie den Rio Player oder dessen bayerisches Pendant von Pontis ( www.pontis.de ).Wegen des großen Zuspruchs plant die prominente Website " MP3.Com ", wo mehrere tausend dieser Musikstücke lagern, sogar einen Börsengang.

Warum also noch Plattenfirmen und Händler dazwischenschalten? Warum nicht gleich einen Direkthandel im Internet aufziehen? In diese Richtung zielen Chuck Ds Vorschläge, wenn er von "einer Millionen Künstler und 500 000 Label" spricht, wie letzte Woche auf der New Yorker "Music & Internet Expo".Eine Reihe weiterer namhafter Tonkünstler hat sich ihm angeschlossen haben.Erst Anfang März veröffentlichte Rockmusiker Tom Petty seinen wohl programmatisch zu verstehenden neuen Song "Free Girl Now" auf der MP3-Website (www.mp3.com).Ende vergangenen Jahres hatten die Beastie Boys und Billy Idol aus den Querelen mit ihren Plattenlabel die Konsequenz gezogen und einige Songs kurzerhand ins Netz gestellt.Public Enemy ging die Veröffentlichung ihrer CD "Bring the noise 2000" bei Polygram zu langsam - schwupps kamen sie ihrer Plattenfirma auf der eigenen Homepage zuvor und handelten sich massiven Ärger ein.Jetzt wollen sie mit der Homepage "Bring The Noise" ( www.bringthenoise.com ) die Fäden selbst in der Hand halten.

Ihr Schachzug ist unter Musikern umstritten.400 Künstler, darunter Die Fantastischen Vier und Robbie Williams, haben vom Europäischen Parlament Schutz vor der "Internet-Piraterie" gefordert.Genau gegen diesen Begriff wendet sich der Vorstoß von Public Enemy.Denn anzunehmen, jegliches MP3-Treiben wäre illegal, ist ein Trugschluß.Gewiß existieren Raubkopien im Internet zuhauf, wogegen sich die Künstler genauso zur Wehr setzen müssen wie die Plattenfirmen gegen Vertragsbrüche.Wer könnte aber einer Band verbieten, ihre eigene, lizenzfreie Musik im Netz direkt anzubieten und mittels E-Commerce abzukassieren? Was gegenwärtig von der Musikindustrie als Internet-Piraterie beklagt wird, ist wohl nur die eine Seite der Medaille, oder sagen wir besser Münze.Denn ums Geld dreht sich freilich alles - auch bei Public Enemy.

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