Zeitung Heute : Musikindustrie: Software-Hilfen für die kleinen Labels

Gregor Wildermann

Wer als Fachbesucher ab Donnerstag in Köln die 1989 ins Leben gerufene Popkomm besucht, wird eine gewisse Ratlosigkeit bemerken, die sich vor allem in den großen Firmen der Musikbranche breit gemacht hat. Wurden kurz vor der Jahrtausendwende noch die Segnungen des digitalen Zeitalters beschworen, beherrschen jetzt grimmige Minuszahlen oder Perspektivenmangel die Expertengesichter, nicht zuletzt wegen des schleppenden CD-Absatzes.

Spricht man mit Rudolf Chelbea von der Münchner Softwarefirma Officer, liegt der Hauptgrund für die Schwierigkeiten der Majorfirmen in ihren Motiven und Zielsetzungen. "Ob Techno- oder Volksmusiklabel, alle Kleinlabel verkaufen ihre Platten, weil sie davon überzeugt sind und weil sie damit ihr Geld verdienen. Jede Art von Zusatzeinkommen durch Verkäufe via Internet sind für solche Firmen sehr wichtig. Aber insgesamt machen das kleine Label nicht, weil sie Millionen verdienen wollen. Damit rechnen sie gar nicht und sind damit realistischer als viele Majorfirmen."

Wenn in den heutigen Hitparaden Platten von Künstlern wie Jan Delay, Thomas Schuhmacher oder 5 Sterne Deluxe zu finden sind, heißt das noch lange nicht, das diese Dank einer so oft beschworenen Aufbauarbeit der Majorfirmen dort gelandet sind. Viele dieser jetzigen Stars sind Musiker, Labelmanager und Musikverleger gleichzeitig und nutzen die Vertriebswege von Majorfirmen erst, wenn ihr eigenes Label dies nicht mehr schafft. Weltweit schätzt man die Zahl solcher Plattenfirmen auf 60 000 Firmen, wovon 6000 allein in Deutschland beheimatet sind. Genau für deren Belange entwickelte Rudolf Chelbea und sein damaliger Partner Tobias Hagen die Software "Officer". Basierend auf der Adressdatenbank FileMaker und inhaltlicher Hilfe von erfahrenen Labelbesitzern wie Michael Reinboth (Compost Records) programmierten beide ab dem Frühjahr 1997 und konnten ein Jahr später für die erste Version schon den Multimediapreis des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie gewinnen.

Doch was macht das Programm, dessen Namen in Anlehnung an das Schweizer Offizierstaschenmesser auf seine Vielfältigkeit anspielet, so revolutionär? Für Rudolf Chelbea liegt die Tragweite seiner Firma weit jenseits eines reinen Softwareverkaufs und eher im Sinne von David gegen Goliath. "Unser Vorteil ist, dass branchentypisches Know-How der realen User direkt im Endprodukt steckt und alle davon profitieren." Während Musiker noch vor 15 Jahren teure Studiozeit kaufen mussten, hat der technische Fortschritt die Produktion im eigenen Schlafzimmer möglich gemacht. Dabei sind besonders die Vertriebswege junger Plattenlabels immer im Wechsel: Werden am Anfang die verheißungsvollen Werke noch per Mailorder verschickt, kommt wenig später vielleicht schon der erste deutschlandweite Vertrieb dazu. Genau an diese wechselnde Herausforderung angepasst ist Software wie Officer für bisher 120 deutschsprachige Labels so etwas wie die Steinschleuder für David. Auch technisch gesehen verhalten sich große Plattenfirmen eher wie der unbewegliche Goliath, denn in der Darstellung nach Außen praktizieren kleinere Labels schon längst mehr, als die Majors anbieten wollen. So gehört es für viele dieser Firmen zum guten Ton, auf der eigenen Website kostenlose MP3-Files, Webstreams von Live-Gigs und die kompletten Daten aller eigenen Künstler anzubieten.

Chelbea und sein Team haben in der neuen Version 2.5 nicht nur alle Vorschläge der bisherigen Endkunden und spezielle Lösungen für Labelneugründer, Promotion- und Bookingagenturen sowie Musiker implementiert, sondern auch an den E-Commerce dieser Labels gedacht. "Ein zentraler Server bietet via Webshop die Möglichkeit, den Content der Officer-User am eigenen Desktop zu bewältigen. Dabei wird der Musikfan gar nicht merken, das er die Lieblingsplatte nicht direkt vom Label, sondern über den Webshop erhält. Damit bleibt kleineren Labels ihre eigene Identität, die sie sonst bei Kooperationen mit den bisherigen Netzmusikbetreibern immer zu deren Gunsten abgaben."

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar