Musikstadt Berlin : Lichtgestalt und Sonnenkönig

Frederik Hanssen

Noch nie in ihrer langen, ruhmreichen Geschichte sind die Berliner Philharmoniker so frei gewesen: Vor 125 Jahren hatte eine Gruppe von Musikern die erste deutsche „Orchesterrepublik“ gegründet, um unabhängig von Dirigentenwillkür Kunst machen zu können. Ein bis heute einmaliges Modell. Wer in dem Spitzenensemble mitspielen darf, entscheiden die Orchestermitglieder seitdem ganz autonom. Bei der Wahl der Chefdirigenten hingegen redeten immer andere mit, in den ersten Jahrzehnten die Konzertdirektion Wolff, später dann der Staat. Wilhelm Furtwängler und Herbert von Karajan blieben mit den Philharmonikern verbunden, bis der Tod sie schied. Claudio Abbado war 1989 der erste allein von den Musikern bestimmte Chef. Doch der Italiener entschied sich, das Amt 2002 abzugeben. Sein Nachfolger Simon Rattle erhielt nur einen befristeten Vertrag. Laufzeit: bis 2012.

Weil im Musikgeschäft aber heute mindestens drei Jahre im Voraus geplant wird, sollte 2009 der historische Moment kommen, an dem die Berliner Philharmoniker erstmalig über einen Chef den Daumen heben oder senken. Die brutalstmögliche Prüfung für einen Weltstar wie Simon Rattle, der jeden Dirigentenposten auf diesem Globus haben könnte. Doch der Brite war bereit, sich den Regeln zu unterwerfen. Weil er ein Verfechter der gelebten Demokratie ist, weil er genau so seinen Job versteht, als Partner und nicht als Pultdiktator, ein Künstler, der Klassik für alle macht, auf Augenhöhe und im Dialog mit Instrumentalisten wie Publikum. Die Demut wurde belohnt: Am späten Freitagnachmittag fand in der Philharmonie ein interner Volksentscheid statt. Und die Mehrheit der Orchesterrepublikaner sprach sich für eine Verlängerung der Zusammenarbeit mit Rattle aus. Der Flugbetrieb geht weiter: Auch nach 2012 wollen die Philharmoniker immer wieder abheben, beflügelt von Sir Simon. So klingt das 21. Jahrhundert.

Oder auch nicht: Das Kontrastprogramm zur philharmonischen Zukunftsmusik kann man derzeit an der Staatsoper Unter den Linden erleben. Hier regiert Daniel Barenboim, der andere Global Player der Klassikhauptstadt, wie ein Monarch. Wenn er Lust hat, ein Stück zu dirigieren, wird das angesetzt, auch wenn er das Werk hier schon x-Mal gemacht hat. Wenn ihm eine sündhaft teure Produktion nicht gefällt, wird sie nach wenigen Vorstellungen einfach weggeschmissen. Obwohl er einer städtischen Institution vorsteht, geht er lieber gleich ins Bundeskanzleramt, um über Geld zu reden. Bei Gerhard Schröder holte er sich eine Gehaltserhöhung für seine Staatskapelle ab, Angela Merkel erwirkte eine Etataufstockung für die Oper um unvorstellbare zehn Millionen Euro jährlich. Beides brachte den auf Gleichbehandlung der hauptstädtischen Kulturszene bemühten Senat in arge Bedrängnis, der jüngste Geldsegen entfachte Unter den Linden einen erbitterten Verteilungskampf. Barenboim nahm es billigend in Kauf. Denn jetzt herrscht der Maestro endgültig mit absoluter Macht.

Klassik lebt vom Aufeinanderprallen der Gegensätze, von Dur und Moll. Partituren ohne Dissonanzen sind langweilig. Darum kann Berlin das Nebeneinander der zwei so unterschiedlich denkenden Dirigenten aushalten, die übrigens Freunde sind und auch schon mal ihre Orchester tauschen. Darum braucht diese Stadt Rattle und Barenboim. Die Lichtgestalt und den Sonnenkönig.

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