Zeitung Heute : Musiktherapie

Der Tagesspiegel

Sechs Jahre lang sind Sie nicht aufgetreten. Wie ist es, wieder auf der Bühne zu stehen?

Es ist, als ob ich nach langer Zeit wieder nach Hause komme. Es fühlt sich instinktiv richtig an. Es ist eine künstliche Erfahrung – und doch gleichzeitig die natürlichste Sache der Welt. Gefühlsmäßig ist es natürlich sehr erschöpfend, körperlich auch. Finanziell hingegen ist es angenehm. Und psychologisch ist es eine Katharsis, ein befreiendes Erlebnis.

Spielen Sie auf den Tod Ihrer Frau an? War die Arbeit an der neuen Platte ein Weg, über den Verlust und den Schmerz hinwegzukommen?

Ich glaube nicht, dass die Musik mir wirklich Erleichterung verschafft hat, oder gar eine Befreiung. Wenn man Lieder schreibt, hat man einfach keine Wahl: Alle Platten sind zu einem gewissen Grad ein Tagebuch. Fünf, sechs Jahre habe ich weder über Musik nachgedacht, noch wollte ich überhaupt Musik hören. Nach dem Tod meiner Frau war mir alles egal. Meine Persönlichkeit fühlte sich so zersplittert an wie ein Puzzle. Dann kam langsam der Instinkt für die Musik wieder zurück. Irgendwann überkam mich der Drang zum Schreiben. Das fühlte sich an wie der Drang zu kotzen. Und was dabei herauskam, ist eben die neue Platte. Inzwischen passen die Puzzleteile meines Lebens wieder halbwegs zusammen.

Die Musik als Traumatherapie?

Nun ja, so ganz kann ich die Ereignisse der letzten Jahre immer noch nicht verstehen. Das Sprichwort „Die Zeit heilt alle Wunden“ stimmt nicht. Man lernt nur, mit dem Schmerz zu leben, sich darin einzurichten. Und dabei hat meine Platte mir geholfen.

Wie ist es, mit derartig privaten Liedern vor einem fremden Publikum aufzutreten?

Meine Musik ist einerseits wahnsinnig persönlich, gleichzeitig sind die Platte und jedes Konzert extrem öffentlich. Ich versuche, während der Konzerte viel zu erklären und dem Publikum zu vermitteln, worum es in den Songs geht. Deswegen spiele ich absichtlich in kleinen Sälen, damit ich mich während der Lieder, in denen es um die letzten Jahre geht, in mich zurückziehen kann.

Neben neuen Stücken steht auch Ihr Hit „I don’t like Mondays“ auf dem Programm. Haben Sie davon nicht die Nase voll?

Nein. Der Song bedeutet mir immer noch viel. Wenn ich ihn singe, passiert immer noch etwas ganz tief in mir drin, irgendein Gefühl wird da angesprochen.

Bleiben sie nach dem Konzert länger in Berlin?

Nein, leider nicht. Ich war ja neulich bei der Berlinale. Jetzt habe ich nur einen Tag Zeit. Das ist schade, weil ich hier ein paar Freunde habe, die ich gerne besuchen würde, wie Nina Hagen. Aber ich komme spätestens nächstes Jahr zurück: Ich werde in der Jury des Friedenspreises der Berlinale sitzen.

Auf Ihrer neuen Platte geht es neben Sex und Tod auch um das Alter. Beunruhigt es Sie, vor kurzem 50 Jahre alt geworden zu sein?

Nein, ich habe keine Angst vor dem Alter. Bisher berührt es mich fast gar nicht. Ich bin glücklich, in einer Band zu spielen, genauso wie ich es als junger Mann gemacht habe.

Immer noch verbindet man Ihren Namen automatisch mit dem Live-Aid-Konzert. Engagieren Sie sich weiterhin politisch?

Ja. Mit Bono von U2 und zwei anderen habe ich die Lobbygruppe „Data“ gegründet, die sich für den Schuldenerlass für die afrikanischen Staaten einsetzt. Aber so ein Konzert wie „Live-Aid“ wäre heute nicht mehr die richtige Form, um auf unser Anliegen aufmerksam zu machen.

Sehen Sie sich als Teil der Bewegung der Globalisierungskritiker à la „Attac“?

Nein, ich bin ja nicht gegen Globalisierung. Man muss nur dafür kämpfen, dass sie nicht auf dem Rücken der Ärmsten stattfindet. Aber von Aktionen wie den Genua-Protesten letztes Jahr halte ich gar nichts: Da bekämpfen Kinder reicher Eltern eine andere Gruppe von Kindern reicher Eltern. Lösen kann man so kein einziges Problem.

Das Gespräch führte Lars von Törne

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