Zeitung Heute : Muskelspiel mit Eleganz

Die südliche Steiermark profiliert sich mit Spitzenweinen, die internationalen Anklang finden, ohne ihre regionalen Wurzeln zu verstecken

Bernd Matthies

Die Steiermark ist im Kommen. Einerseits ganz allgemein, andererseits aber besonders durch das Wirken des prominentesten Steirers weltweit: Die Wandlung Arnold Schwarzeneggers vom Haudrauf zum Beinahe-Staatsmann als kalifornischer Gouverneur hat seine Landsleute mit Stolz erfüllt. Kein Wunder, dass auch die Winzer der Region auf die geänderte Tonlage einschwenken: „See me" fordert der Steirer Winzer Gerhard Wohlmuth schon frech auf dem Etikett eines seiner Weine, kauf me, trink me...

Sie sind ein besonderer Menschenschlag, die Südsteirer. Da sie drunten südlich von Graz in Ermangelung richtiger Berge kaum vom alpinen Tourismus profitieren, musste ein eigenes Profil gefunden werden, und das beruht im Wesentlichen auf zwei Säulen: Kultur und Wein. Graz, die Landeshauptstadt, hat sich im Schatten der überlaufenen österreichische Touristenmagnete Wien, Salzburg und Innsbruck fernab von Mozartkugeln und Schmäh zur etwas intellektuelleren, etwas jüngeren und weniger überlaufenen Alternative entwickelt, und dabei war der enorme Qualitätssprung der österreichischen Weine eine große Hilfe. Knapp eine halbe Autostunde in Richtung Slowenien – und man steht mitten in den Weinbergen, die in ihrer oft dramatischen Topographie an die Toskana erinnern, nur dass hier statt der Zypressen Pappeln das Landschaftsbild prägen. In wenigen Jahren hat sich die verschlafene Idylle, in der es kaum Hotels und nur wenige Privatzimmer gab, in ein verlockendes Ziel für anspruchsvolle Einzelreisende verwandelt, fast dem Elsass vergleichbar.

Die Weinbauregion um Graz besteht aus drei gegensätzlichen Teilen: In der Weststeiermark bestimmt der meist als Rosé ausgebaute Schilcherwein das Bild, die Südsteiermark hat sich seit dem Neubeginn um 1985 zum Land der großen Weißweine entwickelt, und die Südoststeiermark zieht jetzt mit einer großen Vielfalt weißer und, zunehmend, roter Weine nach. Genossenschaften mit ihrer oft nur auf Masse gerichteten Geschäftsstrategie spielen hier kaum eine Rolle, und so sind es die perfektionistischen Weinmacher, die die Rolle der Lokomotive für die gesamte Region unangefochten übernommen haben: Von den Erfolgen von Manfred Tement, Alois Gross oder Albert Neumeister – um nur einige von ihnen zu nennen – profitiert die gesamte Gegend.

Die Weinberge der Steiermark legen sich wie ein Fleckenteppich über die zum Teil sehr steilen Hänge der Alpenausläufer. Gneis- und Schieferböden gehen gen Süden über in Schiefer, Sand und Mergel, und im Osten mengt sich sandiger und schwerer Lehm unter Basalt- und vulkanische Böden. Das ergibt eine mineralische Mischung, auf der vor allem Sauvignon Blanc, Morillon (Chardonnay), Muskateller oder Traminer zu körperreicher, aber dennoch eleganter Form heranwachsen. Die Winzer lassen diesen Weinen überwiegend die sortentypische Art; Barriqueausbau wird nur bei ausgesuchten Lagenweinen praktiziert, die ausreichend Frucht und Alkohol mitbringen. Diese Spezialitäten sind in der Jugend oft abweisend holzlastig, blühen aber nach Jahren zu enormer Komplexität auf und machen dann auf internationalen Vergleichsproben die ersten Plätze auch gegen stärkste Konkurrenz unter sich aus.

Als Muskat-Silvaner hat der Sauvignon blanc vor allem in der Südsteiermark Heimrecht; er tritt allerdings heute fast nur noch unter seinem geläufigen französischen Namen auf. Doch anders als in Frankreich, wo die recht strengen, betont mineralischen Sauvignons dominieren, bieten ihre steirischen Kontrahenten einen attraktiven Mix aus Frucht und überbordenden Aromen - gewissermaßen auf halbem Weg zu den exaltierten Sauvignons aus Neuseeland. Da mischt sich Cassis unter die Stachelbeer- und Grapefruitaromen, grasige und Paprikanoten steuern eine sanfte Herbheit bei. Die Böden und das milde Klima, das die Trauben auf den südwärts gerichteten Hängen voll ausnutzen können, bringen regionaltypische Weine aber auch bei den anderen Rebsorten hervor.

Die Südsteiermark ist das geographisch kleinste, von der Anbaufläche aber größte Anbaugebiet der Region. Auf 1839 Hektar wachsen neben Sauvignon blanc und Welschriesling zumeist Chardonnay, der hier nach einer alten französischen Bezeichnung gern Morillon genannt wird, vor allem dann, wenn er im Stahltank ausgebaut wurde. Diese Stilrichtung betrifft die große Mehrheit der Weine, denn sie entspricht einem erfolgreichen Marketing-Konzept: Zusammen mit Albert Neumeister und Georg Winker-Hermaden aus dem Südosten hatten führende Winzer aus dem Süden – Manfred Tement, Alois Gross, die Brüder Erich und Walter Polz, Willi Sattler, Klaus Prünte und Fritz Lackner-Tinnacher – Anfang der Neunziger Jahre die Initiative „Steirische Klassik" ins Leben gerufen. Ihr Ziel: gebiets- und sortentypische Weine. Heute fahren die Top-Winzer meist dreigleisig. Über den Klassik-Weinen aus dem Stahltank gibt es ein gehobenes Sortiment von Lagenweinen, die gern im großen, nur dezent aromatisierenden Holzfass ausgebaut werden, und darüber die muskulösen, hochreif geernteten Lagen- oder Selektionsweine.

Die alles geschieht mit dem Wohlgefallen der EU, die den Aufbau ihrer alten Grenzregion im Südosten massiv unterstützt hat. Viele Winzer haben sich aufwändige neue Kellereien bauen können, haben da und dort fast einen Hauch von Napa Valley in die vermeintliche Provinz gebracht. Vor allem bei Manfred Tement, dem international bekanntesten Wein-Botschafter der Region, hat der Fortschritt sichtbare und schmeckbare Spuren hinterlassen. Sein architektonisch wie technisch spektakuläres Weingut thront hoch oben über seiner besten Lage Zieregg mit umwerfendem Blick auf Slowenien. Die Tanks im weitläufigen Keller werden beispielsweise über einen Touch-Screen gesteuert. Gibt es Probleme mit der Temperatur oder anderen wichtigen Faktoren der Weinbereitung, leuchten Warnlampen – und Tements Handy gibt Alarm, auch wenn er gerade über die Weinmesse in London flaniert.

So beherrschen die steirischen Winzer inzwischen die ganze Klaviatur der Stilarten bis hin. Bei den Barriques arbeiten Natur und Instinkt des Weinmachers freilich noch ganz ohne Telefon. Diese Weine haben einigen steilen Weinbergen zu Weltruhm verholfen: Zieregg und Hochgraßnitzberg, Kranachberg und Obegg müssen sich hinter den berühmten Steilhängen der Mosel oder den großen Loire-Lagen nicht mehr verstecken. Und es kommen immer neue dazu: Unter den Händen des Südoststeirers Albert Neumeister ist beispielsweise die bislang nahezu unbekannte Lage Klausen mit perfekten, relativ schnell trinkreifen Sauvignons auf dem Weg nach ganz oben. Denn der Markt giert nach Spitzenweinen, die internationale Stilistik und Verständlichkeit mit regionalem Charakter verbinden.

Vor allem die junge Generation der Steirer Winzer hat sich Tement zum Vorbild genommen und experimentiert ebenfalls gern mit Eiche: Erwin Sabathi oder Eduard und Stefan Tscheppe machen mit lagerfähigen Barrique-Weinen zunehmend von sich reden. Ein geradezu filigranes Kontrast-Programm dazu bietet Fritz Tinnacher vom Weingut Lackner-Tinnacher, ein konsequenter Verfechter der steirischen Eigenständigkeit. Er lässt kein neues Eichenholz an seine Weine aus Sauvignon blanc, Weißburgunder oder Muskateller, sondern erlaubt sich allenfalls große Holzfässer, in der Steiermark meist ovale mit 1500 Liter Fassungsvermögen. Sie vereinigen Alkohol und Aromatik, geben ein höheres Maß an aromatischer Komplexität, beeinflussen die Weine aber nicht so stark wie die kleinen Barriques. In Tinnachers Sauvignon blanc vom Ried Welles zeigt sich die Sorte so von ganz schlanker Statur: mit unaufdringlicher Frucht und so mineralisch, dass eine leichte Salzigkeit am Gaumen zurückbleibt. Auch bei der Weingutsarchitektur hebt sich Tinnacher von den avantgardistisch gestimmten Nachbarn wie Tement, Polz und Neumeister ab: Als Verkaufsraum hat er ein jahrhundertealtes Kellergewölbe saniert.

Dass es kein Holz braucht, um auch einen kraftvollen, voluminösen Sauvignon hervorzubringen, demonstriert Willi Sattler ganz eindruckvoll mit seinem 97er Kranachberg. „Den haben die Kritiker am Anfang verrissen", sagt Sattler. Jetzt erst zeigt er sich von seiner ganz starken Seite – und Sattler versucht jetzt sogar, gelagerte Flaschen von seiner eigenen Kundschaft zurückzukaufen. Er bietet 22 Euro, 15 hat die Flasche damals gekostet. Ein Verlustgeschäft, das sich für ihn dennoch lohnt.

Im Schatten des international erfolgreichen Sauvignon blanc kultivieren vor allem die Südoststeirer noch zwei weiße Traubensorten, die besondere Beachtung verdient haben: Den gelben Muskateller mit seinem unnachahmlichen Muskatbukett, der auch ein erfrischender Aperitif sein kann, und den Traminer, der nach Rosen und exotischen Gewürzen wie Ingwer duftet. Der kleine Ort Klöch am Rande der südoststeirischen Weinstraße gilt sogar als bedeutende „Traminer-Exklave“. Da diese Weine überwiegend trocken ausgebaut werden, gelten sie als wunderbare Essensbegleiter zu würziger asiatischer Küche, durchaus zu Fisch- und Fleischgerichten.

Einen eigenwilligen Ausreißer im österreichischen Wein-Spektrum bietet die Weststeiermark. Etwa zwei Drittel der 760 Hektar Rebfläche beansprucht dort die Blaue Wildbacher-Traube, die eigentlich recht säuerliche Moste erbringt. Als stiller Roséwein ist der so genannte Schilcher auch nur für eingeschworen Liebhaber das Richtige. Doch als prickelnder Frizzante oder Rosé-Schaumwein aus den Händen von Christian Reiterer, Johannes Resch oder Franz Strohmeier steigt er in andere Dimensionen auf. Fast erinnert er dann an die Karriere des Steirer Bubs Arnold Schwarzenegger, der es draußen in der weiten Welt zu Ruhm und Reichtum brachte.

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