Zeitung Heute : Muskelspiel um Mitternacht

Wenn die Stadt schläft, streifen sich Sportler in Schöneberg den Fitnessdress über / An den Kraftmaschinen trainieren Gastronomen, Polizisten, Taxifahrer und Studenten

Viola Volland

23.50 Uhr, Schlafenszeit. Nach und nach werden die Lichter ausgeknipst. Die einen ziehen den Pyjama über, die anderen das Trainingsshirt. Im Schöneberger Fitnessstudio Axxel City Fitness herrscht 24 Stunden lang Hochbetrieb.

In der Bülowstraße 57 steht auch Nachtschwärmern wie Thomas Geiger ein 2000 Quadratmeter großer Fitnessparcour zur Verfügung. Den Blick starr auf einen der Bildschirme an der Decke gerichtet, bewegt der 34-Jährige die Beine auf und ab. Seit 36 Minuten trainiert er sein Herz-Kreislaufsystem auf dem Cross-Trainer. Um die Brust hat er ein Pulsmessgerät gebunden, ein Molkedrink steht griffbereit. „Ich bin Koch und arbeite von 9 bis 23 Uhr“, sagt Geiger. Da ist nur nachts Zeit zum Trainieren. Seit Anfang September kommt er drei mal die Woche in die Bülowstraße, anderthalb bis zwei Stunden. So hat er zwar kaum noch Schlaf, aber auch elf Kilo weniger auf den Rippen. Axxel City Fitness ist das erste Studio in Berlin, das vor rund drei Jahren durchgängige Öffnungszeiten eingeführt hat. Nachts geht bis auf die Kurse alles: Geräte, Sauna, Laufbänder, Stepper, Ruderergometer. Die meisten seiner nächtlichen Kunden sind Gastronomen, Taxifahrer, Polizisten oder Schichtarbeiter, sagt Frank Bromber, Leiter von Axxel City Fitness. Und es sind fast nur Männer.

0.35 Uhr. Die letzte U2 ab Bülowstraße ist gerade abgefahren. Marco Pogundke schiebt zwei 30 Kilo schwere Eisenscheiben auf die 20-Kilo-Freihantelstange. Dann legt sich der 35-Jährige auf die Schrägbank und stemmt das Eisen in die Luft. Zehn Mal. Aus dem Lautsprecher tönt „You are always on my mind“, ein wenig gedämpft, sonst gibt es Ärger mit den Nachbarn. Pogundke ist stellvertretender Empfangschef in einem Hotel und kennt das nächtliche Training aus Amerika. „Ich habe mal in New York gelebt, da gehen sogar die Hausfrauen nachts um halb drei ins Studio.“ Sein Schicht-Job, das ist „der Hauptgrund, warum ich komme“. Eher weniger, weil er Leute kennen lernen möchte. „Der Sport ist etwas für Individualisten.“ Das sieht Trainingskollege Geiger genau so: „Nachts macht jeder sein Ding“, sagt der 34-Jährige an der Kraftmaschine. Er sieht müde aus.

Axxel ist nicht das einzige Studio in Berlin, in dem man des Nachts trainieren kann. Seit August geht das auch in den vier neu eröffneten Filialen der Fitness-Kette McFit. Sauna, Solarium oder Aerobic-Kurse gibt es nicht, dafür liegt der monatliche Mitgliedsbeitrag auch nur bei knapp 16 Euro. Im Axxel zahlen die Mitglieder 396 Euro im Jahr – monatlich also rund 33 Euro. Eine Aufnahmegebühr entfällt, Kinderbetreuung ist gratis.

Jetzt schlägt’s 2 Uhr. Während andere in ihren Träumen Berge erklimmen, macht sich Francisco Alvaro bereit für ganz reale Klimmzüge. „Ich habe versucht zu lernen und konnte mich nicht konzentrieren“, sagt der Diplom-Ingenieur und Mathematikstudent. Im Center bekommt er den Kopf wieder frei. Auf Alvaros T-Shirt steht in bunten Lettern: „World Champion“. Schon bald ist es Schweiß getränkt – vom Muskeltraining an Butterfly-Geräten und Fahrradfahren. Während im ARD-Programm die Bahnstrecken Deutschlands laufen, strampelt der 29-Jährige seine nächtlichen Kilometer. Ziemlich einsam, denn um drei Uhr nachts ist am wenigsten los. Im Gegensatz zu Alvaro ist für den 42-Jährigen Axxel-Mitarbeiter Ralf noch lange nicht Feierabend. Bis acht Uhr morgens muss er hinterm Empfangstresen ausharren: Nachtschwärmer und Frühaufsteher einchecken, mal einen Fitnessdrink reichen. „Wenn ich danach noch halbwegs fit bin, stelle ich mich selbst noch aufs Laufband.“

Axxel City Fitness, Bülowstraße 57, Schöneberg. Tel.: 21753000 ( www.axxel24.de )

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