Zeitung Heute : Muslimbrüder wollen die Macht zurück

Anhänger des abgesetzten Präsidenten demonstrieren gegen Militärputsch / Straßenschlachten eskalieren.

In Ägypten hat sich die Lage am Freitag dramatisch zugespitzt. In Kairo, Alexandria sowie zahlreichen Städten im Nildelta und in Oberägypten gab es blutige Auseinandersetzungen zwischen Gegnern und Befürwortern des abgesetzten Präsidenten Mohammed Mursi. In der Nähe des Tahrir-Platzes in Kairo kam es am Abend zu schweren Krawallen und Schießereien, an denen sich tausende Menschen beteiligten, bevor die Armee einschritt. Nach Angaben des Staatsfernsehens wurden bei den Krawallen zwei Demonstranten getötet; insgesamt wurden am Freitag nach amtlichen Angaben in Ägypten 17 Menschen getötet.

Vor dem Hauptquartier der Republikanischen Garden in Kairo, die für den Schutz Mursis zuständig waren, feuerten Elitesoldaten nach Angaben von Sicherheitskreisen auf die Anhänger des gestürzten Präsidenten. Drei Menschen starben, zahlreiche wurden nach Augenzeugenberichten verletzt. Die Armee bestritt, scharfe Munition eingesetzt zu haben. Den ganzen Tag über waren Hunderttausende Islamisten in zahlreichen Städten unter dem Motto „Freitag der Ablehnung“ auf die Straße gegangen.

Im Kairoer Stadtteil Nasr City, wo die Islamisten weiterhin zu Tausenden campieren, erschien überraschend der Chef der Muslimbruderschaft, Mohammed Badie. „Millionen werden auf den Plätzen ausharren, bis wir Präsident Mohammed Mursi auf unseren Schultern ins Amt zurücktragen“, rief er der jubelnden Menge zu und forderte die Armee auf, in ihre Kasernen zurückzukehren. Unklar ist, wie Badie zu dem Versammlungsort gelangen konnte, nachdem die Militärführung am Vortag behauptet hatte, man habe ihn in seinem Privathaus festgenommen.

Die Führung der „Nationalen Rettungsfront“, der Dachverband der Opposition, trommelte ihre Anhänger erneut zu Zehntausenden auf den Tahrir-Platz zusammen unter dem Motto „Rettet die Revolution vom 30. Juni“. Die Armeeführung ließ den ganzen Abend Hubschrauber über der ägyptischen Hauptstadt kreisen.

Schwere Zwischenfälle ereigneten sich auch auf der Sinai-Halbinsel. Nach Angaben aus Ärztekreisen wurden in der Stadt Al Arisch bei mehreren Angriffen insgesamt fünf Polizisten getötet.

Derweil löste Interims-Präsident Adli Mansur das Oberhaus des Parlaments auf, in dem Muslimbrüder und Salafisten eine Zweidrittel-Mehrheit hatten. Nach Angaben aus Justizkreisen soll der unter Arrest gestellte Mursi bereits nächste Woche vor einem Untersuchungsrichter erscheinen. Ihm wird „Beleidigung der Justiz“ vorgeworfen. Die Vereinigten Staaten und die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay, forderten die Armee zur Zurückhaltung auf.

Friedensnobelpreisträger Mohammed al Baradei, der als künftiger Übergangspremier gehandelt wird, rechtfertigte gegenüber dem Sender BBC das Eingreifen des Militärs. Die Alternative wäre Bürgerkrieg gewesen, sagte er. Unterdessen schloss die Afrikanische Union (AU) Ägypten vorerst als Mitglied aus. Der Machtwechsel in Kairo „entspreche nicht der Verfassung Ägyptens“, lautete die Begründung des AU-Sicherheitsrates in Addis Abeba.

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