Muslime in Deutschland : Innenminister provoziert mit Islamstudie

FDP und Opposition werfen Friedrich Populismus und Stigmatisierung von Muslimen vor.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hat mit Äußerungen über Muslime erneut Aufsehen erregt. Eine im Auftrag seines Ministeriums erstellte Studie über „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ kommentierte Friedrich in der „Bild“-Zeitung mit den Worten, man werde keinen „Import autoritärer, antidemokratischer und religiös-fanatischer Ansichten“ akzeptieren. „Wer Freiheit und Demokratie bekämpft, wird hier keine Zukunft haben.“ Vor einem Jahr, am Tag seines Amtsantritts, hatte Friedrich die Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland in Zweifel gezogen.

Die Studie, in der Psychologen und Kommunikationswissenschaftler aus Bremen, Jena und Linz Internetäußerungen junger Muslime zwischen 14 und 32 Jahren und Interviews mit ihnen und ihren Familien auswerten, stellt bei knapp der Hälfte der Muslime ohne deutschen Pass eine starke Neigung zur Abkapselung fest. Bei den deutschen Muslimen sind es demnach 22 Prozent, die „eine zurückhaltende, die eigene Herkunftskultur betonende Haltung einnehmen“. Die Autoren betonen allerdings, dass in beiden Gruppen lediglich 2,5 und 2,6 Prozent in extremer Form Gewalt akzeptierten und den Westen und die eigene Integration ablehnten. Sie schreiben außerdem: „Muslimische Identität kann als eine Form der sozialen Identität betrachtet werden.“ Sehe man die eigene Gruppe durch Diskriminierung bedroht, könne eine negative soziale Identität die Folge sein.

In einem Kapitel gehen die Autoren auch auf die Sarrazin-Debatte ein: Nach der Veröffentlichung von Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ hätten die danach befragten jungen Muslime „signifikant stärker ausgeprägte Vorurteile“ sowohl gegen den Westen wie Juden gegenüber gezeigt und stärker religiösem Fundamentalismus zugeneigt. Die Autoren empfehlen am Schluss ihrer Arbeit („Praktische Anregungen“) entsprechend, vor allem bei der Mehrheitsgesellschaft anzusetzen: Sie solle differenzierter mit Religiosität umgehen, zwischen Terrorismus und religiös motivierter Gewalt unterscheiden und selbst Fundamentalisten nicht verteufeln, sie aber auch nicht darstellen, als seien sie Vertreter „des“ Islams. Restriktive Maßnahmen wie Kopftuch- oder Minarettverbote stärkten vor allem Extremisten.

Die Berliner Politikwissenschaftlerin Naika Foroutan, deren Team an der HU gemischte Identitäten erforscht, wies darauf hin, dass Bindung an die Herkunftskultur kein geeigneter Gradmesser für Integration oder deren Verweigerung sei. Die Opposition, aber auch Vertreter der FDP warfen dem Innenminister seinen Umgang mit der Studie vor: Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) sagte, es bestehe die Gefahr, mit ihr lediglich Schlagzeilen zu produzieren. Die migrationspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Sevim Dagdelen, erklärte, Friedrich arbeite nur eine Woche nach der Gedenkfeier für die Opfer der Nazi-Mordserie „schon wieder kräftig an der Stigmatisierung von Migranten und besonders Muslimen“. In einer späteren Stellungnahme warnte Friedrich davor, junge Muslime unter einen Generalverdacht des Terrorismus zu stellen.

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