Zeitung Heute : Muslimischer Junge darf in der Schule beten

Jost Müller-Neuhof

Berlin - Ein 16 Jahre alter Berliner Schüler darf weiterhin in den Räumen seiner Schule während der Pause nach muslimischem Ritus beten. Das Berliner Verwaltungsgericht hat am Dienstag entschieden, die staatliche Neutralitätspflicht gebiete es nicht, gegen religiöse Betätigungen Einzelner vorzugehen. Es sei nicht erkennbar, dass der Schüler durch sein Verhalten die von der Schulverwaltung befürchteten Konflikte verursache oder vertiefe. Auch gebe es keine „aktuelle Gefahr“, dass jetzt vielfach Gebetsräume eingefordert würden.

Der Schüler an einem Weddinger Gymnasium hatte bereits in einem Eilverfahren im vergangenen Frühjahr sein Recht durchgesetzt, beten zu dürfen. Seine Schule stellt ihm seitdem einen Raum zur Verfügung, den er in den Wintermonaten nutzt, wenn einige der zeitlich wechselnden Gebetszeiten in die Schulzeit fallen. In der Verhandlung hatten die Vertreter der Schulverwaltung deutlich gemacht, dass mit einer Erlaubnis „die Schleusen geöffnet werden“. Es werde ein Präzedenzfall geschaffen, auf den sich andere Muslime berufen könnten. Bislang hätten die Schüler die von den Direktionen ausgesprochenen Betverbote akzeptiert. Jetzt müsse mit einem Andrang gerechnet werden, der die Kapazitäten der Schulen erschöpfe. „Wir können nicht für jede Religion einen Gebetsraum einrichten.“

Das Verwaltungsgericht verwies darauf, dass es nie eigene Räume gefordert habe. Das Grundgesetz schütze jedoch das Recht, den Glauben durch Gebete zu bekunden. Die Gebetszeiten hätten für gläubige Muslime einen hohen Stellenwert, weshalb der Junge auch während der Schulzeiten beten dürfe, wenn er dafür die Pausen nutze und den Schulbetrieb nicht beeinträchtige. Wegen „grundsätzlicher Bedeutung“ wurde die Berufung zugelassen. Jost Müller-Neuhof

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