Zeitung Heute : Muss ich mich anstarren lassen?

Elisabeth Binder

Immer wieder sonntags fragen Sie

Wie signalisiert man deutlich, aber elegant hartnäckigen Verehrern, dass man kein Interesse hat, ohne dabei aber mehr als nötig vor den Kopf zu stoßen? Damit meine ich sowohl dümmliches Anbaggern auf der Straße wie auch Avancen am Arbeitsplatz, wo man so schnell keine räumliche Distanz schaffen kann. Zum Beispiel empfinde ich starrende Blicke als sehr aufdringlich. Manchmal wird es auch gerade nicht als Nein-Signal verstanden, wenn man sich deutlich abwendet.

Einen anderen Menschen anzustarren, ist sicher kein Zeichen von Verehrung, sondern allenfalls ein Hinweis darauf, dass sich jemand bestenfalls unbeholfen, eigentlich aber ausgesprochen rüde verhält. So was muss man nicht erdulden, man muss auch keine Angst haben, jemanden vor den Kopf zu stoßen. Derjenige stößt Sie doch zuerst – mit seinen unerwünschten Blicken. Fragen Sie freundlich, ob irgendwas nicht in Ordnung sei an Ihnen und, wird das verneint, fragen Sie weiter, wozu dann die langen Blicke dienen sollen. Wählen Sie eine betont höfliche und sachliche Tonlage, besonders am Arbeitsplatz. Falls Sie das Anstrengungen kostet, können Sie sich davon mit extrafrechen Bemerkungen erholen, wenn Sie auf der Straße angebaggert werden.

Ärgern Sie sich vor allem nicht. Eigentlich sollte es sich herumgesprochen haben, dass man Gefühle nicht erzwingen kann, dass echte Liebe schon deshalb meistens gegenseitig ist, weil sie in erster Linie das Wohl des jeweils anderen im Auge hat. Also gerade nicht nervt. Beim Baggern geht es eher darum, erotische Beute zu machen. Falls Sie sich also durch solche Blicke als rasch konsumierbares potenzielles Lustobjekt herabgewürdigt fühlen, verschwenden Sie nicht unnötig Zeit mit der Suche nach eleganten Reaktionen. Reißen Sie sich nur soweit zusammen, dass Sie sich bei der Arbeit keine unangenehmen Komplikationen schaffen. Wenn Sie den Verehrer in sachlicher Tonlage immer wieder darauf hinweisen, dass sein Verhalten unpassend ist, dann wird es ihm hoffentlich irgendwann zu langweilig mit Ihnen. Stummes Leiden würde ihn hingegen wahrscheinlich eher noch anstacheln.

Bitte schicken Sie Ihre Fragen mit der Post oder mailen Sie an meinefrage@tagesspiegel.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben