Zeitung Heute : Muße und Meer

Wissenschaftler der Freien Universität rekonstruieren das künstlerische Schaffen auf dem Darß und Umgebung der vergangenen 120 Jahre / Kunstmuseum Ahrenshoop eröffnet Ende August.

Christine Boldt
Der liegende Akt des Expressionisten César Klein entstand um 1910. Von den Nazis wurde der Maler als „entartet“ diffamiert. Foto: KMA/ VG Bild-Kunst 2013
Der liegende Akt des Expressionisten César Klein entstand um 1910. Von den Nazis wurde der Maler als „entartet“ diffamiert....

„Der Darß und seine Umgebung haben mich restlos gefangen. Ganz großartig, urwüchsig, dass es innerlich sehr aufregend war. Endlich geht mir ein Licht auf: das elementare Meer.“ So schwärmte der Maler und Grafiker Ernst Wilhelm Nay in einem Brief an den Kunsthistoriker Carl Georg Heise im Januar 1935. Ihn ließ die Schönheit der pommerschen Küstenlandschaft nicht mehr los, wie zahlreiche Künstlerinnen und Künstler vor und nach ihm: Max Pechstein, Karl SchmidtRottluff, Erich Heckel, Marianne Werefkin oder George Grosz – sie alle zog es in das 1760 von Seefahrern gegründete Ahrenshoop, malerisch gelegen auf einer schmalen Landzunge zwischen Ostsee und Saaler Bodden.

Neben diesen berühmten Künstlern hielten sich in Ahrenshoop und der angrenzenden Küstenregion, die sich über Hiddensee und Rügen bis nach Usedom erstreckt, zahlreiche und heute weniger bekannte oder in Vergessenheit geratene Maler, Grafiker und Bildhauer auf. Mehr als 750 Künstler waren zwischen der Koloniegründung im Jahr 1892 bis zum Fall der Mauer 1989 in Ahrenshoop und der angrenzenden Küstenregion tätig. Das können die Kunsthistorikerinnen Anna-Carola Krausse und ihre Kollegin Katharina Heise von der Freien Universität Berlin nachweisen. Im Rahmen eines von der Volkswagen-Stiftung geförderten Forschungsprojekts mit dem Titel „Die Künstlerkolonie und der Künstlerort Ahrenshoop als Teil der europäischen Moderne vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart“ rekonstruieren sie das künstlerische Schaffen der vergangenen 120 Jahre in und um Ahrenshoop. Die Forschungsergebnisse bilden eine Basis für den weiteren Ausbau der Sammlung und die Konzeption späterer Sonderausstellungen im Kunstmuseum Ahrenshoop, das Ende August eröffnet wird.

Wer war wann in Ahrenshoop? Was inspirierte die Künstler? Welche Bilder sind entstanden? Wo wurden sie ausgestellt – oder auch nicht? Antworten auf diese Fragen haben die Berliner Wissenschaftlerinnen in Biografien und Briefen, in Archiv-Unterlagen und Künstlernachlässen, in Museumsbeständen, in Auktionskatalogen und Ahrenshooper Gemeindeprotokollen gefunden. Auch Gespräche mit Zeitzeugen waren wertvoll und aufschlussreich: So etwa mit der hundertjährigen Marianne Clemens, deren Mutter Ottilie Kaysel einst Schülerin bei Koloniegründer Paul Müller-Kaempff war und die als Kind die Künstler der ersten Stunde erlebt hat.

„Eichhörnchenphase“ nennt die promovierte Kunsthistorikerin Krausse das Zusammentragen der Fakten. Alle biografischen Daten und Angaben zu den ermittelten Werken werden in einer digitalen Datenbank erfasst. Sie bildet das Herzstück des Künstlerarchivs, das die Wissenschaftlerinnen derzeit aufbauen und das später in den Bestand des Kunstmuseums Ahrenshoop übergehen wird. Die enge Kooperation zwischen der Freien Universität und der Stiftung Kunstmuseum Ahrenshoop – die Verknüpfung von wissenschaftlicher und kuratorischer Arbeit lange vor der Eröffnung des Hauses – ist in der Museumswelt außergewöhnlich und wird von beiden Seiten als Gewinn betrachtet.

„Sich mit universitären Forschungskapazitäten zu vernetzen, ist ein idealer Weg für Museen, ihre inhaltlichen Profile zu schärfen und dadurch auf Dauer attraktiver zu werden“, sagt Katrin Arrieta, Künstlerische Direktorin des Kunstmuseums Ahrenshoop. „Dass dieser Weg in Ahrenshoop schon in der Gründungsphase des Museums eingeschlagen werden konnte, ist ein Glücksfall und bringt das Projekt essenziell voran.“

Entdeckt hatten Ahrenshoop die sogenannten Malweiber: Die Berliner Liebermann-Schülerin Eva Stort hielt sich vermutlich schon während der 1880er Jahre auf dem Fischland auf, die Landschaftsmalerin Anna Gerresheim baute hier 1891 – und damit ein Jahr vor der offiziellen Gründung der Künstlerkolonie – ein Haus. Als „Malweiber“ wurden Frauen bezeichnet, die in privaten Malschulen ausgebildet wurden, weil sie keinen Zutritt zu staatlichen Kunstakademien hatten. Eine solche Malschule – mit angegliederter Pension – eröffnete der Landschaftsmaler Paul Müller-Kaempff 1895 in Ahrenshoop: das auch heute noch bestehende „Haus St. Lukas“. Damit schuf er den Mittelpunkt der 1892 von ihm begründeten Künstlerkolonie.

Der Erste Weltkrieg markierte das Ende der Kolonie, aber nicht des Künstlerorts. Die Anziehungskraft Ahrenshoops blieb ungebrochen, durch alle Zeitläufte hindurch und allen politischen Systemen zum Trotz. Fern der Großstadt und befreit von akademischen Zwängen fanden Künstler hier Inspiration und Muße. Zuweilen wirkte die ländliche Abgeschiedenheit stilbildend, eröffnete neue Wege. Der Spätkubist Hans Kinder etwa, der sich seit Mitte der Fünzigerjahre regelmäßig in Ahrenshoop aufhielt, malte an der See abstrakt, während er in seinem Dresdner Atelier Auftragskunst für den sozialistischen Staat schuf.

Auf zwei Zeiträume und thematische Schwerpunkte konzentrieren sich die Wissenschaftlerinnen: Zum einen interessiert sie die „Andere Moderne“ der 1920er bis 1940er Jahre. Hier sind es vornehmlich die Vertreterinnen und Vertreter der sogenannten verschollenen Generation, deren künstlerische Laufbahnen durch den Nationalsozialismus einen einschneidenden Bruch oder Abbruch erlebten und die deshalb in Vergessenheit gerieten. Der zweite Schwerpunkt liegt auf dem Kunstschaffen in der DDR der 1950er und 1960er Jahre, in dem Werke abseits des staatlich verordneten Sozialistischen Realismus entstanden.

In beiden Fällen sind es vor allem die „aus dem Kanon gefallenen Künstler“, die Anna-Carola Krausse im Blick hat: „Es geht auch um das Sichtbarmachen von Bildern, die offiziell nicht ausgestellt worden sind. Entweder weil sie während des Nationalsozialismus in der sogenannten inneren Emigration der Künstler entstanden sind oder weil sie in der DDR aufgrund der herrschenden Kunstdoktrin keine breite Öffentlichkeit fanden.“

Die Wissenschaftlerinnen untersuchen nicht nur die Werke, sondern auch die Beziehungsgeflechte der Künstler untereinander sowie deren Vermarktungsstrategien: Welche persönlichen Verbindungen gab es? Wie funktionierte der Austausch zwischen der Ostseeregion und der Metropole Berlin? Wer lancierte wen in welcher Galerie? Mit ihrer Arbeit wollen die Wissenschaftlerinnen auch dazu beitragen, die „immer noch bestehenden weißen Flecken auf der kunsthistorischen Landkarte“ zu tilgen, sagt Krausse.

Studierende sind in allen Phasen ihres Studiums in das Forschungsprojekt eingebunden. Sie können sich mit eigenen Recherchen beteiligen oder an geplanten Veröffentlichungen mitwirken. In Lehrveranstaltungen zur kuratorischen Praxis sollen sie künftig Sonderausstellungen in Ahrenshoop mitplanen und umsetzen können.

Für den Museumsneubau, der an der Ahrenshooper Dorfstraße entsteht, hat sich das Berliner Architekturbüro „staab“ mit der Geschichte der Künstlerkolonie auseinandergesetzt. So wie an den Bildern der Künstler und an deren Häusern die enge Verbundenheit mit Landschaft und Tradition abzulesen ist, so orientiert sich auch der Bau an einem norddeutschen, in die Naturlandschaft eingebundenen Gehöft: Fünf zusammenhängende Häuser, um ein Foyer gruppiert, bieten eine Ausstellungs- und Depotfläche von 1300 Quadratmetern. Dass das Museum nach achtjähriger Planungszeit nun vor der Eröffnung steht, ist außer der Förderung durch den Bund und das Land Mecklenburg-Vorpommern erheblichem bürgerschaftlichem Engagement zu verdanken: 100 Stifter tragen das Kunstmuseum, mehr als 350 Vereinsmitglieder unterstützen die Privatinitiative, die von passionierten Kunstsammlern und Freunden der Ostseeküste angeregt worden ist.

Wenn das Haus mit der Ausstellung „Um uns ist ein Schöpfungstag – Von der Künstlerkolonie bis heute“ Ende des Monats seine Türen öffnet, werden auch Werke von Marianne Werefkin und Alexej von Jawlensky zu sehen sein. In seinen Erinnerungen an einen Aufenthalt auf dem Darß im Jahr 1911 schreibt der russisch-deutsche Expressionist: „Dieser Sommer bedeutete für mich eine große Entwicklung in meiner Kunst. Ich malte dort meine besten Landschaften.“

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