Zeitung Heute : Mußestunden abfedern

Von Elisabeth Binder

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WAS MACHEN WIR AM SONNTAG?

Foto: Pavel Sticha

Vielleicht sollte man doch mal ein Loblied auf den freien Montag singen. Immer mal wieder geht es ja um die Abschaffung eines Feiertags, damit wir alle fleißiger das Bruttosozialprodukt steigern. Der Pfingstmontag stand als Opfer schon öfter im Visier. Nicht mal im Vatikan, so ein beliebtes Argument seiner Gegner, sei das ein Feiertag. Aber in Deutschland, wo bald mehr Leute aus der Kirche austreten als Autos kaufen! (Oder jedenfalls beinahe.)

Andererseits. Wenn man den Inhalt des Pfingstmontags einmal ein wenig vom engeren kirchlichen Sinn wegrückt, bleibt immer noch etwas sehr Praktisches übrig. Ein Tag, welcher der Erleuchtung gewidmet ist, also auch den Visionen und allem, was nötig ist, um in einer Krise wieder auf die Beine zu kommen, ist unter Umständen besser verbracht als ein paar unkonzentriert vertrödelte Arbeitsstunden. Wo schließlich findet man Erleuchtung? Im alltäglichen Hamsterrad? An einem flüchtigen Sonntag, der, kaum angebrochen, auch schon wieder verflogen ist? Der sich in seiner Aussicht auf den ernüchternden Montagmorgen oft bereits schon am Vorabend in einer Art prophylaktischen Schlechtlaunigkeit verabschiedet?

Ein freier Tag, der eingebettet ist zwischen Seinesgleichen, kann nur die allererfreulichsten Folgen haben: Da hat man einen Tag zum Auslaufen, einen zum vollkommenen Abschalten und einen schließlich, um sich wieder an den Alltag heranzurobben. Eigentlich müssten alle Feiertage Montage sein, vernünftig wäre das.

Im Vatikan haben die Leute gut lachen, da gehört bei einem größeren Prozentteil der Bevölkerung das Nachdenken oder Meditieren ja gewissermaßen zum Alltagsgeschäft. Die ewigen Montagsgeschädigten können dagegen ein Lied singen von der Flüchtigkeit der Muße, die sich aus den Gedanken verabschiedet, sobald der Stress auch nur in Sichtweite rückt.

In einer dieser klugen Frauenzeitschriften war mal zu lesen, dass sonntagabends zwischen sechs und sieben für viele eine echte Leidensphase anbricht. Das sei die Zeit, in der in vielen Telefongesprächen die Fetzen fliegen, die Zeit, die büßen muss dafür, dass der kommende Morgen seine Schatten schon drohend ausfährt. Da ist der Frust über ein verkorkstes Wochenende am größten. Da bricht sich Einsamkeit die Bahn. Da hat der Ärger sich genug gestaut, um nun zur Explosion zu kommen. Wenn bei Ihnen sonntagabends das Telefon klingelt, wappnen Sie sich lieber gleich innerlich für ein schwieriges Gespräch.

Ein freier Montag hingegen steht da lächelnd wie eine Tag gewordene Chance, dass doch noch alles gut werden kann. Vielleicht ist der Ärger nicht so gerechtfertigt, vielleicht kann man sich für morgen verabreden, um die Einsamkeit in ihre Schranken zu weisen, vielleicht lässt sich alles, was man mit anderen verkorkst hat, soweit entkorken, dass die Bilanz mindestens am kommenden Abend positiv ausfällt.

Je länger man drüber nachdenkt, desto eindeutiger ist der Schluss: Ein freier Montag sollte eigentlich die Regel sein, einmal im Monat, ach, wenigstens siebenmal im Jahr. Insofern haben wir es heute mal mit einem Sonntag zu tun, der wirklich stolz auf sich sein kann. Machen wir ihn doch auch stolz auf uns.

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