Zeitung Heute : Musterland ist abgebrannt

„Niemals wieder wird in diesem Land eine Gruppe von Menschen eine andere unterdrücken“, sagte Nelson Mandela in seiner Antrittsrede als Südafrikas Präsident. Alle Welt verehrt ihn, nun wird er 90. Das Land will feiern – doch es verspielt gerade Mandelas Erbe

Alexander Göbel[Johannesburg]

Der Mann, den sie Madiba nennen, blickt wissend in die Ferne. Zigfach. Das Schaufenster bei „Exclusive Books“ in Johannesburgs RosebankMall ist voll von diesem Mann mit dem Blick des Visionärs. „Der lange Weg zur Freiheit”, es ist sein Wort, und er ist derjenige, der diesen Weg gesehen hat, all die Jahrzehnte, und der ihn noch immer sieht.

Das ist das Bild, das die Welt sich von Nelson Mandela gemacht hat, es ist festgehalten auf dem Umschlag seiner Autobiografie. Sie ist Südafrikas zweite Bibel, in nahezu jedem Haushalt, in jedem Buchladen ist sie zu finden.

In diesen Tagen werden wieder einmal Tausende Exemplare dieses Buches über die Ladentische gehen. Denn am kommenden Freitag wird der, der wie kein anderer für den Aufbruch Südafrikas steht und für Gerechtigkeit, einen runden Geburtstag feiern: Nelson Mandela wird 90. Mandela, Ikone des Freiheitskampfes. Marke. Kuschelsymbol, das an die Zeiten des überschaubaren Kampfes Schwarz-gegen-Weiß erinnert. Mit dem sich alle Welt gerne schmückt.

„Niemals, niemals wieder wird in diesem Land eine Gruppe von Menschen die andere unterdrücken“, schwor Mandela in seiner Antrittsrede als Präsident. Es war der 10. Mai 1994. Sein Land galt fortan als Wohlfühldemokratie, die die Apartheid überwunden und sich wie im Rausch mit sich selbst und mit der ganzen Welt versöhnt hatte: Durch eine Truth and Reconciliation Commission, die für viele Krisenherde Afrikas zum Modell werden sollte. Durch eine moderne Verfassung, die jede Form von Diskriminierung verbietet. Und durch einen charismatischen Helden, der zum Symbol, zum personifizierten guten Gewissen wurde.

Madiba also steht kurz vor einem Jubiläum, aber sein Land macht ihm kein Geschenk. Im Gegenteil. Es ist dabei, sein Erbe zu verspielen.

Denn irgendwann kamen aus kriegswunden Nachbarländern Flüchtlinge, es wurden immer mehr, und nun hat das einstige Musterland ein neues Rassismusproblem. Es eskaliert.

In den Zeitungen war Ernesto Nhamwavane nur noch der „flaming man“. Ein brennender Mann, am Boden kniend, schwankend. Ein wütender Mob von Schwarzen hatte den jungen Mosambikaner durch Ramaphosa gejagt, eine Armensiedlung im Osten Johannesburgs, hatte ihn mit Benzin übergossen und dann bei lebendigem Leib verbrannt. Das Foto des sterbenden Mannes ging um die Welt. Das war Ende Mai.

Aber es ist nicht zu Ende. Dominic Krieka zum Beispiel wird dieses Bild nicht mehr los, und Ernestos Todesschreie hört er nachts im Traum. Er war dabei an jenem Tag. „Die Polizei hat einfach nur zugesehen“, sagt Krieka mit seiner tonlosen Stimme, „anstatt dazwischenzugehen, schon als der Mann zusammengeschlagen wurde. Es waren schwarze Polizisten.“ Es hat nicht viel gefehlt und Krieka, ein schmächtiger Mann Ende zwanzig, wäre es neulich ähnlich ergangen. Es war Nachmittag, als die Männer kamen. „Sie jagten mich mit Macheten und Äxten. Ich bin um mein Leben gelaufen.“ Krieka war erst im Januar aus Kenia nach Südafrika geflohen, weil sich dort die Volksgruppen der Luo und der Kikuyu einen blutigen Kampf liefern. Jetzt lebt er im „Rifle Range“ von Glenvista, einem mit Stacheldraht gesicherten Flüchtlingslager im Süden Johannesburgs.

Krieka hat sich aufs Reparieren von Fernsehern und DVD-Geräten spezialisiert. Das Geschäft lief gut, bis vor drei Wochen hatte er südafrikanische Kunden. Dann kam jener Nachmittag, die Jagd auf ihn, Krieka erkannte ein paar seiner Kunden in den Angreifern. „Ich bekomme hier auf dem Handy dauernd Anrufe, wo die reparierten Geräte bleiben, sie schimpfen mich einen Dieb und einen dreckigen Ausländer“, sagt er. Dass die Sachen noch in seiner kleinen Wellblech- Werkstatt draußen in Ramaphosa stehen, daran glaubt er nicht. „Das ist doch alles geplündert.“ Er zieht seine schwarze Wollmütze tief ins Gesicht und schlägt den Kragen seines verschmierten Anoraks hoch. Es ist Winter am Kap, und er besitzt nur noch, was er am Leib trägt. Juli 2008. Im 15. Jahr des neuen Südafrika ist Dominic Kriekas Hoffnung so tief gesunken wie die Temperatur.

Rassismus, Gewalt, Verbrüderung mit Diktatoren. Das ist derzeit das Bild, das das Land abgibt. Die guten Wirtschaftsbeziehungen sind ein Grund, warum Präsident Thabo Mbeki noch immer sehr nachsichtig mit Simbabwes Despoten Robert Mugabe umgeht. Zum Beispiel gerade erst. Am Freitag scheiterten die USA und Großbritannien mit einem Resolutionsentwurf für Sanktionen der Vereinten Nationen gegen Mugabes Regime an der Ablehnung Chinas und Russlands. Simbabwes südafrikanischer Nachbar war zufrieden damit. „Sanktionen hätten den Friedensprozess zwischen Regierung und Opposition beeinträchtigt“, ließ das Außenministerium am Wochenende erklären.

Südafrikas Firmen verdienen gut in Simbabwe und wollen sich dieses Geschäft – unter anderem mit Platin – nicht vermiesen lassen. Ein anderer, wesentlicher Grund aber ist, dass die Regierung Mbeki Angst hat vor noch größeren Flüchtlingsströmen aus dem Nachbarland. Und dass sich die Probleme in den Townships potenzieren. Schon jetzt schlägt den Ausländern dort blanker Hass entgegen. Gleich, ob sie Flüchtlinge sind oder schon seit Jahrzehnten in Südafrika leben. Der Hass entlädt sich in Armenvierteln, wo viele Menschen unterschiedlichster Herkunft auf engstem Raum leben und ums Überleben kämpfen. Es werden Schuldige gebraucht. „Sie nehmen den Einheimischen die Arbeit weg, schleppen das Aids-Virus ein, vergewaltigen die Frauen und sind ohnehin nur kriminell!“, sagt ein Mann, der draußen vor dem Lager am Zaun steht. Kultivierte Opfermentalität in einem Land, in dem vier von zehn Menschen keine Arbeit haben.

Auf der anderen Seite des Zauns leben seit vier Wochen rund 2500 Menschen aus 14 Ländern. Aus Tansania, Kenia oder Äthiopien etwa, aus Simbabwe und der Demokratischen Republik Kongo. Es gibt dort keine Duschen, keinen Strom, die Frauen kochen in einem kleinen Eimer am offenen Feuer vor den Zelten. Die Stadtverwaltung hat sich mit dem Roten Kreuz überworfen, die Organisation läuft schlecht. Wegen des verdorbenen Essens laufen die Toiletten über. Der gesamte Hügel von Glenvista ist übersät mit weißen, tonnenförmigen Zelten. Die hat das UN-Flüchtlingshilfswerk geliefert, mehr auch nicht. Die schwarze Regierung in Pretoria verbittet sich jede Einmischung von außen, erst recht Kritik, die das Ansehen des Landes weiter ramponiert.

Grégory Toumba ist auf dem Weg zu seiner Unterkunft im Flüchtlings-Camp. „Congo – Sagesse, Force et Honneur“ hat er auf sein Zelt geschrieben. „Weisheit, Kraft und Ehre“. Der letzte Rest von Stolz. Im Zelt schläft Toumbas Frau. Ende 2007 ist der Buchhalter mit seiner Familie aus dem Ostkongo geflohen, vor den Kämpfen zwischen der Regierungsarmee und Rebellen. „Wenn Du kein Zulu sprichst oder kein Südafrikaner bist, dann ist das wie ein Verbrechen!“ Wer „Indololwane“ nicht buchstabieren kann oder „Amazinyo“, die Zulu-Wörter für „Ellenbogen“ und „Zähne“, der ist untendurch. Kwere Kwere, es sind zwei Worte, die alle im Camp lähmen. Kwere Kwere ist Zulu, es bedeutet „Ausländer“.

Als vor zwei Jahren in Kapstadt innerhalb weniger Wochen mehr als 50 Somalis ermordet wurden, wollte niemand wahrhaben, dass es auch im neuen Südafrika so etwas wie Rassismus geben könnte. Ebrahim Rasool, Provinzgouverneur, spielte die Übergriffe auf afrikanische Einwanderer und Flüchtlinge als Einzelfälle herunter. „Das ist vor allem ein Streit unter Geschäftsleuten – eine Art Business-Mafia.“

Davon reden Rasool und seine Partei, die schwarze, allein regierende ANC, nun nicht mehr. Die fremdenfeindlichen Hetzjagden vor wenigen Wochen haben mehr als 60 Menschen das Leben gekostet. In Johannesburg. In Durban. In Kapstadt. Zehntausende sind in Todesangst vor den Schlägerbanden geflohen. Zuflucht suchten sie auf der Straße, in den Kirchen, bei der Polizei. Weil auch die keinen Schutz bieten konnte, blieben nur noch die Lager. Für Beobachter ist es die ANC-Regierung, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat, obwohl seit dem offiziellen Ende der Apartheid viel passiert ist. Investoren kamen ins Land, es wurden Arbeitsplätze geschaffen, Wohnungen, Schulen und Hospitäler gebaut, die Infrastruktur verbessert.

Südafrika ist zu einem Land der Extreme geworden, das seinesgleichen sucht. Beispiel Johannesburg. Zwischen den amerikanisch anmutenden ShoppingMalls im Edel-Stadtteil Sandton und den Wellblechhütten in Alexandra liegt nur eine Straße. Die Abstände zwischen Arm und Reich, insbesondere unter den Schwarzen, werden immer größer. Ein Umstand, den Präsident Thabo Mbeki und eine korrupte und zerstrittene ANC-Clique ebenso beharrlich ignorieren wie andere dramatische Probleme: Aids, Kriminalität – die höchste Rate weltweit–, Gewalt. Inflation. Zugleich aber wächst die Wirtschaft, wegen der überforderten Stromnetze gehen immer öfter die Lichter aus. Seit Jahren fehlen Investoren und ausgebildete Fachkräfte. Trotz allem wird der ANC bei den Wahlen 2009 wieder den Präsidenten stellen. Den Frust der Südafrikaner über die Vogel-Strauß-Politik bekommt nicht die Partei zu spüren. Er trifft die Ausländer.

„Oh, mit den Weißen haben wir keine Probleme“, sagt Micheline Sakinda, eine Mittdreißigerin aus dem Kongo. Sie steht vor einem der Zelte im Lager von Glenvista, sie lebt mit ihren sieben Kindern und ihrem Mann hier. „Eigentlich sind sie so wie wir: dieses Land gehört ihnen nicht. Wir haben Angst vor den Schwarzen.“ Ihr Zeltnachbar mischt sich ein. Dabei, sagt er, hätten die Südafrikaner, zumal die Schwarzen, allen Grund, den Ausländern dankbar zu sein. Immerhin habe ganz Afrika damals den Kampf der unterdrückten Brüder und Schwestern gegen die Apartheid am Kap unterstützt. „Aber das haben sie in Südafrika vergessen.“

Selbst Mandela hat zur Gewalt in seinem Land bislang öffentlich nur einen Halbsatz geäußert. Er ist in einer komplizierten Lage. Es ist ihm peinlich, was in Südafrika passiert, es könnte das Bild gefährden, das die Welt sich von ihm gemacht hat. Andererseits will er seinen Ziehsohn Mbeki nicht öffentlich beschädigen. Bei einem Dinner Ende Juni, am Vorabend eines Konzerts zu seinen Ehren im Londoner Hyde Park, sprach er nebulös vom „Ausbruch der Gewalt gegen afrikanische Brüder und Schwestern in unserem eigenen Land“. Der mächtige Weltfußballverband Fifa nimmt die Entwicklungen sehr ernst. Er hat vor ein paar Tagen seine Drohung bekräftigt, dem Land die Fußballweltmeisterschaft 2010 noch wegzunehmen. Schon die Drohung beschädigt Südafrikas Image, doch bewirkt hat sie bisher nichts.

Am Freitag wird das Land Mandela feiern, die Menschen kaufen Mandela-Poster, Handtücher und Kochschürzen, Schlüsselanhänger oder CDs mit historischen Aufnahmen. Sie lieben ihn, sie verehren ihn, die politisch Verantwortlichen verspielen sein Erbe. Und mancher wird in diesen Tagen an Mandelas Worte aus dem Jahr 2001 erinnert: „Rassismus wird oft als eine Krankheit bezeichnet. Die Tragödie ist, dass wir noch keine Therapie dafür gefunden haben.“ Bis heute nicht.

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