Zeitung Heute : Musterväter, Mustersöhne

Heute stehen in Beirut vier Männer vor Gericht. Sie sollen Bomben in deutsche Züge gelegt haben. Für die Eltern ist das unvorstellbar: Ihre Söhne seien doch völlig unpolitisch gewesen, sagen sie

Andrea Nüsse[Tripoli]

Der Strom kommt im Qebeh, einem Viertel der libanesischen Stadt Tripoli, täglich erst um 18 Uhr wieder. Der Fahrstuhl steht still im zehnstöckigen Wohnhaus der Familie Hamad. Wer zu ihr will, muss sich zu Fuß in den siebten Stock bemühen. An der Tür der sunnitischen Familie hängt ein Foto des ermordeten Ex-Ministerpräsidenten Rafiq Hariri und seines Sohnes Saed. Dann öffnet ein kleiner Mann mit zerfurchtem Gesicht, hinter ihm steht seine Frau in einem rosafarbenen Hauskleid mit Kopftuch, deren Gesicht ausdruckslos und blass wirkt. Es sind die Eltern des als „Kofferbomber“ bezeichneten Dschihad Hamad, der im vergangenen Jahr in Nordrhein-Westfalen zwei Sprengstoffanschläge geplant haben soll und jetzt, nach einem Geständnis, im Libanon in Haft sitzt.

Der ehemalige Unteroffizier der libanesischen Armee, Shahid Hamad, führt in das Wohnzimmer. Weitere Fotos von Hariri auf dem Tisch, im Schrank gerahmte Bilder der sechs Kinder, an der Wand die Auszeichnung, die Shahid Hamad für 30 Jahre Armeezugehörigkeit erhalten hat. Auch die gerahmte Koransure über der Sitzecke weist nicht auf einen besonders frommen Hintergrund hin – sie hängt in fast jedem Wohnzimmer muslimischer Familien. Auch dass sie ihrem Sohn den namen Dschihad – Heiliger Krieg – gegeben haben, ist in der islamischen Welt nichts Ungewöhnliches.

Der 53-jährige Shahid Hamad übernimmt unter den aufmerksamen Augen seines Anwalts Fawaz Zakariya das Gespräch. „Das Geständnis von Dschihad ist falsch. Er wurde wahrscheinlich gefoltert“, sagt der Vater des heute 21-Jährigen. Er selbst sei lange genug bei der Armee gewesen, um zu wissen, wie man aus Menschen das herausholt, was man hören will. Ihm habe sein Sohn, als er am dritten Tag des Libanonskriegs überraschend zu Hause auftauchte, erzählt, er habe für seinen Bekannten Jussef al Hajj Dib eine Tasche in den Libanon mitnehmen sollen, die er dann aber im Bahnhof stehen gelassen habe. Die 39-jährige Mutter Bushra Jaber holt eine Mappe mit Fotos und Zeugnissen ihres Sohnes, die untermauern sollen, das Dschihad ein unauffälliger, braver junger Mann ist. Ein Bild zeigt den etwa Zehnjährigen im traditionellen Kostüm mit Pluderhosen beim Dabke-Tanz, der fest die Hand seiner Tanzpartnerin hält. Ihr Sohn, sagt die Mutter, sei sehr schüchtern gewesen, selbst im Aufzug habe er die Augen niedergeschlagen und die Nachbarn nicht angesehen. Ihr kommen die Tränen, sie holt ein Taschentuch.

Der Anwalt Zakariya weist die Besucher jetzt ausdrücklich darauf hin, dass die Mutter weint. Es passt in seine Verteidigungsstrategie, in der Dschihad ein Verführter ist: „Dschihad war unpolitisch, naiv und keine starke Persönlichkeit“, sagt er über seinen Mandanten, den er vor dessen Verhaftung nur einmal gesehen hat. Er schiebt alle Schuld auf den in Deutschland einsitzenden Verdächtigen Jussef (22), mit dem sich sein Mandant in Deutschland angefreundet habe und der bisher zu der Tat schweigt. „Jussef kommt aus einer sehr islamistischen Familie.“

Vielleicht gibt der nächste Termin mehr Aufschluss: Im Café Hallab in der Innenstadt von Tripoli wartet das Oberhaupt der angeblichen Islamisten-Familie al Hajj Dib, der Vater von Jussef, sowie der ebenfalls verdächtigten älteren Brüder Saddam und Khaled. Die Überraschung ist groß, als ein klobiger, ungepflegt wirkender Mann aufsteht, dem das dunkelrote Hemd aus der Hose rutscht. Die Hände sind grob, die Stimme ist so laut, dass alle Gäste an Nachbartischen sich umdrehen. „Ich kann nicht leiser sprechen“, sagt der Mann, der wie ein Bauer und nicht wie ein Islamist wirkt, der etwas zu verheimlichen hat. Der 54-Jährige Mohammed Ali Ibrahim al Hajj Dib kommt in der Tat vom Land, und von islamistischem Gedankengut in seinem Haus will der Vater von 13 Kindern nichts wissen. „Jussef, mein jüngster Sohn, ging nur freitags zum Gebet in die Moschee, zu Hause hat er nicht gebetet“, erzählt er. Bis heute zahle er die 10 000 Dollar Schulden ab, die er aufgenommen habe, um Jussef vor dreieinhalb Jahren zum Ingenieursstudium nach Deutschland zu schicken. Als Jussef überraschend zu Beginn des Libanonskriegs in Tripoli aufgetaucht sei, habe er ihm den Kopf gewaschen und ihn sofort nach Deutschland zurückgeschickt. Seit Jussef in Deutschland in Haft sitzt, hat der Vater nichts von ihm gehört. Er verflucht den mutmaßlichen Komplizen Dschihad Hamad, der an allem Schuld sei.

Al Hajj Dib wirkt nicht wie ein Schauspieler. So nimmt man ihm auch sein spontanes, abwehrendes Lachen ab, als er auf seinen Sohn Khaled angesprochen wird, der in Schweden lebt und angeblich als militanter Islamist in den Irak gehen wollte. „Khaled sitzt seit seinem 17. Lebensjahr im Rollstuhl“, lautet seine Antwort, und er zeigt Fotos, auf denen ein junger Mann im Rollstuhl zu sehen ist. Auch wenn er auf seinen anderen Sohn Saddam angesprochen wird, der in Libanon als Mitwisser des gescheiterten Anschlags angeklagt und gesucht wird, winkt er ab. Es scheint, dass der Vater von seinen 13 Kindern insgesamt wenig weiß. Trotz längerer Überlegung kann er sich nicht einmal auf das genaue Alter der Söhne festlegen. Was er zu diesem Zeitpunkt wirklich nicht wissen kann: Zwei Tage nach dem Gespräch im Café wird sein Sohn Saddam von der libanesischen Armee in Tripoli getötet. Bei den schwersten Kämpfen mit militanten islamistischen Gruppen seit Jahrzehnten im Libanon. Er soll die Nummer vier der obskuren Gruppe Fatah Islam gewesen sein, eines Ablegers einer pro-syrischen Gruppe, die sich in den 80er Jahren von der palästinensischen Fatah abgespalten hat und in den Palästinenserlagern in Tripoli aktiv ist.

Vielleicht wollen die Eltern das Engagement ihrer Söhne auch nur nicht wahrhaben. Wenn nicht unbedingt in ihrem Elternhaus, so konnten die beiden Verdächtigen Jussef und Dschihad doch in ihrer Heimatstadt leicht mit islamistischem Gedankengut in Kontakt kommen. Die 85 Kilometer nördlich von Beirut gelegene Stadt Tripoli und deren Umgebung werden zu etwa 90 Prozent von Sunniten bewohnt, eine außergewöhnlich homogene konfessionelle Struktur im Libanon. Traditionell eine Hochburg militanter islamistischer Gruppen wie Tawhid al Islami, die bereits im Bürgerkrieg aktiv war, konzentrieren sich heute diverse kleine Splittergruppen in den beiden palästinensischen Flüchtlingslagern, welche außerhalb der Kontrolle der libanesischen Behörden stehen. Und in Bergdörfern wie Duniye, einem bekannten Treffpunkt militanter Islamisten.

Selbst der Mitbegründer der extrem konservativen Salafitengruppe „Islamische Bewegung für Erleuchtung und Soziale Werke“ in Tripoli, Dawa al Islam, räumt dies ein. „Viele Imame hier rufen die Jugend dazu auf, ihre Religion zu schützen“, sagt der ganz in Weiß gekleidete Geistliche mit dem langen grauen Bart. In der angespannten politischen Lage in der Region, wo die Wut über die westliche Politik im Irak oder in Palästina ständig steige, sei das Ergebnis oft eine Radikalisierung. „Wenn ich die Leute nicht bremsen würde, gäbe es hier eine Armee von Leuten wie Jussef und Dschihad“, sagt Dawa al Islam.

Es bleiben Puzzlestücke. Familien, in denen der Kontakt zwischen Eltern und Söhnen sich darauf beschränkt, den Vater äußerlich und der Tradition entsprechend zu respektieren und ansonsten nichts Persönliches mitzuteilen. Militantes islamistisches Denken vor der Haustür. Die Schwierigkeiten, sich in einer so fremden kulturellen Umgebung wie Deutschland zurechtzufinden. Wovon die Eltern wohl auch keine Vorstellung haben. Fast tragisch mutet es an, wenn der Vater von Dschihad Hamad versichert, sein Sohn wolle noch immer eine deutsche Frau heiraten und Deutscher werden. „Ich hoffe, dass die Deutschen ihm vergeben können. So wie Papst Johannes Paul II. seinem Attentäter vergeben hat.“

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