Zeitung Heute : Mut, Tapferkeit und Chaos

Pannen am 11. September kosteten Helfern das Leben

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Von Malte Lehming

Die Helden sind sauer. Der Times Square in New York ist überfüllt. Tausende sind gekommen, Polizisten und Feuerwehrmänner, allerdings in Zivil. Viele haben ihre Familien mitgebracht. Die Stimmung ist aggressiv. „Ich habe es satt, die Politiker auf unseren Beerdigungen zu sehen, wie sie den Witwen ihr Beileid aussprechen“, sagt Stephen Cassidy, der Präsident der Feuerwehr-Gewerkschaft. „Ich habe es satt, wenn sie im gleichen Atemzug sagen, dass die Stadt leider pleite ist.“ Die Menge johlt. „Strike! Strike!“, wird skandiert. Eine der Witwen, deren Mann am 11.September in den Trümmern des World Trade Centers ums Leben kam, trägt stumm ein Schild vor sich her. „My husband risked and lost his life for only 550 US-Dollars a week!“

Kurz vor dem Jahrestag des Terrorangriffs ist die Wut der Helden von einst kaum zu zügeln. Ums Gehalt geht es ihnen nur vordergründig. Das Geld fehlt vor allem in der Ausbildung und Ausrüstung. Vollends in Rage gebracht hat sie jedoch ein 80-seitiger Bericht, erstellt im Auftrag der Stadt New York von den Unternehmensprüfern der Firma „McKinsey & Company“. Deren Analyse ist niederschmetternd. Mehr als hundert Helfer könnten noch am Leben sein, wenn es am 11.September bessere Kommunikationsgeräte gegeben hätte. Überhaupt herrschten an diesem Tag Chaos, Disziplinlosigkeit, Überforderung und komplette Verwirrung vor. Die Rivalität zwischen Feuerwehr und Polizei verschärfte das Debakel.

Die Unternehmensprüfer haben sorgfältig recherchiert. Fünf Monate lang haben sie Dutzende von Interviews geführt, Hunderte von Bändern abgehört und auf diese Weise den gesamten Horrortag genau rekonstruiert. Am Mut und Heroismus der Helfer wird nicht gekratzt. Aber offenbar hat es den Einsatzkräften an jeglicher Art der Koordinierung gefehlt. Der Chef der Polizei und der Chef der Feuerwehr etwa haben an jenem Vormittag nicht ein einziges Mal miteinander gesprochen. Erschütternder noch sind andere Informationen: Um 9 Uhr 37 ging in der Notrufzentrale ein Anruf ein. Eine Stimme sagte aufgeregt, dass kurz zuvor die obersten Stockwerke im Südturm des World Trade Centers in sich zusammengesackt seien. Diese Warnung wurde zwar aufgenommen, aber an die Einsatzleitung der Feuerwehr nicht weitergeleitet. Um 10 Uhr 05 stürzte der Südturm ein, und keiner war gewarnt worden.

Am verheerendsten war allerdings, dass die Walkie-Talkies der New Yorker Feuerwehr komplett veraltet sind. Die Signale können Beton nicht durchdringen. Von Tunnelsystemen, der U-Bahn und Hochhäusern können die Helfer nach außen nicht kommunizieren. Der Nordturm stürzte um 10 Uhr 28 ein. Eine gute Stunde vorher hatte der am Ort befindliche Einsatzleiter der Feuerwehr die sofortige Evakuierung des Gebäudes angeordnet. Doch mehr als hundert seiner Kollegen konnten ihn nicht hören. Die Polizisten dagegen, die im selben Gebäude waren, wurden von Hubschraubern aus gewarnt und brachten sich rechtzeitig in Sicherheit. 343 Feuerwehrleute starben am 11. September und 23 Polizisten.

Fast alle Entscheidungen, die an diesem Tag getroffen wurden, fielen in ein Informationsvakuum. Wer gerade was und wo machte, wusste keiner. Die Bänder belegen, wie jemand minutenlang verzweifelt versuchte, eine Feuerwehreinheit zu erreichen, die man am Boden vermutete, die sich aber längst im 35. Stockwerk des Südturms befand. „Wie die Lämmer zur Schlachtbank sind sie gelaufen“, sagt ein deprimierter Feuerwehrmann. „Wir hatten keine Kontrolle mehr über unsere eigenen Leute.“

Nur in einem Fall hatte das Kommunikationsdebakel ein relativ glückliches Ende. Donald Burns, der Einsatzleiter der Feuerwehr im Südturm, versuchte an jenem Morgen inständig, zusätzliche Einheiten in das Gebäude zu befehligen. Doch nur ein Teil seiner Botschaften kam an. Ein zweiter Zug, der sich schließlich auf den Weg machte, blieb erst im Stau stecken und lief dann aus Orientierungslosigkeit statt in den Süd- in den Nordturm. Das rettete den Männern das Leben.

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