Zeitung Heute : „Mut zum Handeln“

Hans Georg Näder, Geschäftsführer des Medtech-Unternehmens, Otto Bock im Gespräch

Das "C-Leg" ermöglicht dem Patienten kontrolliertes Gehen. Foto: Kai-Uwe Knoth/ddp
Das "C-Leg" ermöglicht dem Patienten kontrolliertes Gehen. Foto: Kai-Uwe Knoth/ddp

Herr Professor Näder, Athleten mit nur einem Bein laufen inzwischen fast so schnell wie Olympiasieger. Brauchen wir überhaupt noch Rollstühle?

Rollstühle sollen Menschen mit eingeschränkter Mobilität den Alltag erleichtern. Die von Ihnen genannten Spitzenathleten sind Menschen, die Amputationen erlitten haben. Die Formen der Behinderung sind sehr unterschiedlich. Aber unabhängig davon, ob prothetische oder orthetische Versorgungen, Neurostimulation oder ein individuell an den Patienten angepasster Rollstuhl angesagt sind, gilt ein Grundsatz immer: Jedes Hilfsmittel muss seine Funktion bestmöglich erfüllen. Technische Innovation zielt dabei vor allem auf Produkte für den Gebrauch im Alltag. Die alternde Gesellschaft und der Wunsch nach lebenlanger Mobilität stehen dabei im Fokus. Wir investieren in die Forschung und Entwicklung in den vier Produktbereichen jährlich mehr als 30 Millionen Euro, um die optimalen Lösungen zu entwickeln.

Sie konkurrieren mit einem Unternehmen aus Island um die Weltmarktführerschaft?

In der Prothetik stehen wir im Wettbewerb mit den Isländern, haben aber auch in Deutschland und in den USA ausgezeichnete Unternehmen, die uns immer wieder herausfordern. In der Orthetik und dem Bereich Rollstuhl sind wir erst seit rund 20 Jahren unterwegs. Hier gibt es starke Wettbewerber in den USA und hier und da auch aus neuen Industrienationen wie China. Unsere Positionierung im Weltmarkt ist in unserer langen Tradition und der damit verbundenen Kompetenz im Unternehmen begründet. Bei Qualität, Design, Funktion und Patientennutzen haben wir die Nase vorn.

Das von Ihrem Unternehmen erfundene C-Leg ermöglicht kontrolliertes und sicheres Gehen für Amputierte. Welche Produkte der Zukunft sind in der Pipeline?

Das C-Leg, dass 1997 Weltpremiere feierte, hat den Bereich der Prothetik durch die Integration von Miroprozessortechnologie und Sensorik revolutioniert. Bis heute ist es in den Funktionen für den Nutzer unerreicht. Wir arbeiten immer an der Zukunft: Gedankengesteuerte Prothetik wird bereits von Patienten genutzt, sensorgesteuerte Bewegungsorthesen sind in entscheidenden Testphasen und Rollstühle werden intelligenter. Insgesamt sind wir auf dem Pfad, bestehende Technologien wie Mechatronik, Adaptronik, Sensorik intelligent zu kombinieren. Großartige Chancen sehen wir bei Neuroimplantaten, z.B. für Schlaganfallpatienten mit Fußheberschwäche.

Die Gesamtversorgung mit einem C-Leg kostet über 20 000 Euro. Nicht alle Kassen übernehmen die Kosten. Sollten sie es tun?

Einem Menschen aktiv zu helfen, um sein Trauma zu überwinden und in die Alltagsnormalität zurückzufinden, ist nicht nur ein ethischer Anspruch. C-Leg- Nutzer stehen voll im Leben, als Arbeitnehmer, als Familienmitglied oder bei Freizeitaktivitäten. Das hat auch gesundheitsökonomische Aspekte, da Folgekrankheiten oft vermieden werden. Volkswirtschaftlich muss man doch auch sehen, dass maximale Selbstständigkeit die bessere Alternative in der Bilanz von Kosten und Nutzen ist.

Zivilisationskrankheiten wie Diabetes werden zunehmen, und sie führen oft zu Amputationen. Was können die Betroffenen für die Erhaltung ihrer Mobilität tun?

Ursache für Diabetes ist oft das Thema falsche Ernährung und Bewegungsmangel. Nach der Amputation ist es wichtig, schnell wieder auf die Beine zu kommen. Wir suchen den engen Dialog mit unseren Partnern wie Ärzten, Orthopädie-Technikern und Therapeuten, die den wichtigen Kontakt zu den Menschen haben. Integrierte Versorgung und Therapiekonzepte werden in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Wir wollen mit unseren Partnern gemeinsame Ansätze definieren.

Unser Bild vom Alter wird sich wandeln. Was müssen Politik und Wirtschaft jetzt tun, um die Chancen des langen Lebens zu realisieren?

Wir müssen gemeinsam Mut zum konkreten Handeln beweisen und investieren. Das Know-how in der deutschen Medizintechnik ist weltweit einmalig. In Deutschland zu beweisen, dass diese Zukunft sinnvoll gestaltet werden kann, das ist das beste Exportmodell. Denn alternde Gesellschaften finden wir von China bis in die USA. Es ist ein globales neues Wirkungsfeld für Lösungen „made in Germany“.

Das Gespräch führte Margaret Heckel

Professor Hans Georg Näder (49) ist

Geschäftsführender Gesellschafter der

Firmengruppe Otto Bock

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