Zeitung Heute : Mut zum Stühlerücken

Wer in seinem Job unglücklich ist, sollte über einen Wechsel nachdenken. Die richtige Weiterbildung kann dabei helfen

Ob der Ohrensessel wohl bequemer ist? Oder der Barhocker mehr Überblick bietet? Leichtfertig sollte man seinen Arbeitsplatz nicht aufgeben. Doch manchmal hilft tatsächlich nur ein Neuanfang, um das berufliche Glück wiederzufinden. Foto: Mauritius Images
Ob der Ohrensessel wohl bequemer ist? Oder der Barhocker mehr Überblick bietet? Leichtfertig sollte man seinen Arbeitsplatz nicht...Foto: mauritius images

Montags spielen Radiosender gerne den Evergreen-Popsong „I don’t like mondays“, bei dem der junge Bob Geldof so schön ins Mikro nölt. Denn irgendeinen dankbaren Hörer erwischen die Musikredakteure immer mit diesem Titel. Jeder kennt schließlich das Gefühl, nicht aus dem Bett zu wollen, weil die Arbeit gerade nervt. Aber deswegen gleich den Job wechseln?

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid, die vom Magazin Reader’s Digest in Auftrag gegeben wurde, würde jeder Vierte in Deutschland gerne seinen Job wechseln – wenn er dadurch keine Nachteile fürchten müsste; in der Altersgruppe der 30- bis 39-Jährigen sind es sogar 42 Prozent. Befragt wurden 1000 Bürger. Entscheidend ist bei diesen Ergebnissen aber wohl vor allem der einschränkende Nebensatz. Ohne Nachteile? Ab wann lohnt es sich tatsächlich, mögliche Unsicherheiten auf sich zu nehmen? Abzuspringen?

„Es gibt äußere und innere Faktoren für einen Jobwechsel“, sagt Eva Hönnecke, Personaltrainerin und Wirtschaftsberaterin in Berlin. Äußere könnten zum Beispiel sein, dass man sich im Unternehmen unsicher fühlt. „Wenn der eigene Verbleib gefährdet ist oder man sich durch Umstrukturierungen von seinen Arbeitszielen entfernt, ist es gut, sich umzuschauen“, erklärt sie. Innere Faktoren dagegen können die allsonntägliche Unlust vor dem Wochenstart sein – oder das unglückliche Gefühl, wenn man sich vorstellt, noch in fünf Jahren auf der selben Position zu sitzen. „Das sind natürlich keine zwingenden Gründe, nach einer neuen Arbeit zu suchen“, schiebt Hönnecke nach, „aber es können Impulse sein, einmal in sich hineinzuhören, ob eine Veränderung nicht gut täte.“

Grundsätzlich gilt: Wer wechseln will, sucht als erstes nicht nach Stellenanzeigen, sondern nach sich selbst. „Wenn ich es ernst meine, dann muss ich mir Fragen stellen und ehrlich zu mir sein“, sagt die Trainerin, die unter dem Titel „Wachstum und Wandel“ coacht. Etwa: Was bringe ich mit? Wo möchte ich hin? Was sind meine Interessen? Mit welchen Menschen möchte ich mich umgeben? Der zweite Schritt sei dann, zu schauen, was es auf dem Markt passendes gibt. Der dritte: Wie komme ich dorthin? Eine Strategie entwickeln.

Sinnvoll ist es, den Blick von Außen zuzulassen. „Fragen Sie Familie, Freunde und Kollegen: Wie nehmt Ihr mich wahr?“, rät die Expertin. „Sprechen Sie mit vielen Menschen.“ Auch Online- Tests können hilfreich sein, sich und seine Ziele einzuordnen. Eva Hönnecke empfiehlt zum Beispiel die Seite www.in-eigener-sache.de, eine Initiative des Geva-Instituts, Partnern aus der Wirtschaft und der Fachhochschule Ludwigshafen.

Außerdem sollte man sich nicht vor sogenannten „informellen Interviews“ scheuen. „Wenn man sich über seinen Wunschjob im Klaren ist, kann man Firmen, die zu einem passen, anrufen und fragen: Welche Anforderungen braucht es für diese Position?“, empfiehlt die Beraterin. „Die Leute reagieren meistens nett und erzählen.“ Ebenso lohne es, auf Karriereportalen im Internet, zum Beispiel „Xing“ oder „Linkedin“, nach Kontakten zu suchen und Mitglieder anzuschreiben, die bereits den eigenen Traumjob haben. „Das sind jede Menge wertvolle und kostenlose Infos“, weiß Hönnecke.

Helfen Weiterbildungen beim Jobwechsel? „Weiterbildungen sind immer gut“, findet die Personaltrainerin. Jedoch mit einer Einschränkung: Der Kurs muss eine Lücke füllen, eine Qualifikation vermitteln, die man für den Jobwechsel braucht. Sonst hält man ein hübsch aussehendes Zertifikat in der Hand, das aber der Karriere nicht unbedingt auf die Sprünge hilft. Eva Hönnecke gibt ein Beispiel: „Ein Geisteswissenschaftler, der bisher im universitären Bereich gearbeitet hat, entschließt sich, in die freie Wirtschaft zu wechseln. Ihm fehlen dann möglicherweise betriebswirtschaftliche Kenntnisse.“

Der Weiterbildungsmarkt ist riesig – und den passenden Lehrgang zu finden gar nicht so einfach. Doch Klaus Kapr, Berater der Weiterbildungsdatenbank Berlin beruhigt: „Es gibt für fast jeden das richtige Angebot.“ Im Internet kann man unter www.wdb-berlin.de eine Checkliste durchgehen: Wie viel Zeit bringe ich mit? Welcher Lerntyp bin ich, nehme ich mehr auf im Selbststudium oder liegt mir Gruppenunterricht? Welche finanziellen Förderungen kommen in Frage? Will ich einen Abschluss damit erzielen? So kann man seine Suche einkreisen. „Meist bleiben dann nur noch zwei bis drei Angebote übrig“, sagt Kapr.

Sinnvoll ist es, eine Weiterbildungsberatung aufzusuchen. Manche Beratungsstellen bieten kostenlose Gespräche an, es gibt aber auch kommerzielle Coachings. Hier entscheidet der persönliche Geschmack. Zu Kapr kämen 75 Prozent Frauen, schätzt er. Seine Erklärung: „Männer stellen sich wahrscheinlich weniger Fragen an sich selbst und glauben eher, alleine zurecht zu kommen.“

Weiterbildungen erfordern ein hohes Maß an Selbstdisziplin, an Engagement – und das häufig zusätzlich zur regulären Arbeitszeit. Außerdem sind die Kurse mit Kosten verbunden. Deshalb gilt grundsätzlich: „Weiterbildungen sind vor allem in Phasen sinnvoll, in denen es einem gut geht“, rät Klaus Kapr. „Sonst geht einem die Puste aus.“

Das gilt generell auch für einen Arbeitswechsel, findet Coach Eva Hönnecke. „Es schadet gar nichts, ab und zu nach Alternativen zu schauen.“ Selbst wenn einen dazu eigentlich noch nichts drängt. „Dann habe ich Zeit, und ein Jobwechsel wird nicht gleich zu einem Bedrohungsszenario.“

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