Zeitung Heute : Mutig die Stärken des Standortes entwickeln

Mit der Aufnahme osteuropäischer Nachbarn in die EU kann die Hauptstadt zum Knotenpunkt werden. Dafür müssen jedoch die Rahmenbedingungen stimmen

Werner Gegenbauer

Jeder hat gute Ideen. Eine Großstadt wie Berlin ist geradezu ein Sammelbecken für gute Ideen. Die Stadt überrascht Berliner wie Zugereiste täglich neu, sie regt an, sie eröffnet Perspektiven und verführt dazu, Dinge anders zu machen. Nicht nur in Berlin heißt „anders“ schließlich oft „besser“. Und nicht nur in Berlin sind es oft Unternehmer, die gute Ideen nicht nur haben, sondern daraus auch etwas machen. Oft scheint es mir aber, dass wir in Berlin weniger darüber reden als anderswo, irgendwie erscheinen die Pleiten in Berlin immer größer als die schönsten Erfolgsgeschichten. Es ist daher gut, mit dieser Beilage auch einmal erfolgreichen Unternehmern – Frauen wie Männern – nachzuspüren und deren Geschichten zu erzählen. Erfolg ist spannender als Misserfolg.

Berlin hat Tradition als Stadt der Ideen. Schon Anfang des letzten Jahrhunderts führten Erfindungsreichtum und Tatendrang hier zu einem Aufblühen der Industrie. Maschinenbau, Textil- und Chemieindustrie, vor allem aber die Elektroindustrie prägten die Wirtschaft der Stadt, die Heimat und Stammsitz von Siemens und AEG war. Schon immer wurde die Großstadt dabei als Umschlagplatz von Ideen angesehen, die man als Unternehmer gar nicht unbedingt selber haben musste, aber aufgriff, weiterdachte und vor allem umsetzte. Aber auch damals – ein Trost für alle, die heute beklagen, dass zu wenig Unternehmenszentralen in Berlin ihren Sitz haben – wurde schon beobachtet, dass in Deutschland nur jeder siebte „Director und Aufsichtsrath“ seinen Sitz in der Hauptstadt habe.

Blickt man heute mit etwas Distanz auf die Stadt, dann ist es längst nicht mehr die Industrie, die das Bild Berlins prägt. Was verbindet heute ein Unternehmer aus Düsseldorf, Hamburg oder London mit Berlin? Was sind die spontanen Assoziationen mit Berlin? Die Bundespolitik – das Brandenburger Tor, die Philharmonie, die Museumsinsel und die Kreativen vom Prenzlauer Berg – vielleicht auch die Humboldt Universität mit ihrer Charité oder Hertha BSC kommen in den Sinn. Erst später denkt der auswärtige Unternehmer an Berliner Unternehmen wie Schering, den Axel Springer Verlag oder Siemens, die Messe Berlin oder auch einen der weltweit agierenden Mittelständler wie Otis oder Alba.

Das alles ist kein Nachteil, umschreibt es doch ziemlich genau die Alleinstellungsmerkmale unseres Standorts. Berlin ist als Hauptstadt politisches Entscheidungszentrum, bietet Kultur in herausragender Qualität und Vielfalt, ist weltbekanntes Zentrum von Wissenschaft und Grundlagenforschung und ein Veranstaltungsort von Rang. Vor allem Politik, Kultur und Wissenschaft prägen auch international das Bild der Stadt.

Nun hat jeder dieser Faktoren nicht zu unterschätzende Auswirkungen auf die Wirtschaftskraft der Stadt. Die Hauptstadtentscheidung für Berlin verlagerte das politische Machtzentrum der größten Industrienation Europas an die Spree. Damit verbunden war eine Vielzahl politiknaher Bereiche mit ihrer Kaufkraft, aber auch eine sichtbare Belebung des städtischen Lebens. Bedeutender als die in nüchternen Zahlen fassbaren Auswirkungen des Umzugs sind jedoch die psychologischen Folgen und daraus resultierende Investitionsimpulse.

Wie wichtig ein Standortfaktor wie die Kultur neben aller Strahlkraft auch als Wirtschaftsfaktor für Berlin ist, hat eine von der IHK Berlin in Auftrag gegebene Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung gezeigt: Im Jahre 2000 erwirtschafteten rund 40 000 Personen in Berlins Kultur die erstaunliche Summe von 1,1 Milliarden Euro. Und diese Zahl erfasst nur die reine „Produktion“ von Kultur.

Auch der ökonomische Mehrwert der Wissenschaft lässt sich in Zahlen ausdrücken. Ausgründungen aus der TU Berlin zusammengenommen mit Firmen, die von TU-Absolventen in Berlin gegründet wurden, erwirtschaften pro Jahr rund eine Milliarde Euro Umsatz. Wirtschaftskraft, die keiner in der Stadt missen möchte. Oder eine andere Zahl: Für jeden Euro, den der Senat in die außeruniversitäre Forschung investiert, fließen aus Bundes- und Drittmitteln zusätzliche 3,6 Euro nach Berlin. Eine gute Investition auch in die Wirtschaftsstruktur der Stadt, unterstützt die Wissenschaft doch in besonderer Weise den Wandel hin zu hochwertigen, wissensintensiven Dienstleistungen.

Hauptstadt, Kultur und Wissenschaft sind Pluspunkte für Berlin. Doch die stets präsenten kulturellen Leuchttürme sollen nicht verdecken, dass es auch „wirtschaftliche Leuchttürme“ gibt. In den letzten Jahren haben sich mehrere Kompetenzfelder herauskristallisiert, die Berlin eine Perspektive als Standort von Zukunftsbranchen geben. Geht es beispielsweise um Investitionsentscheidungen bei einem Unternehmen der Verkehrstechnik, wird Berlin im Standortwettbewerb immer mit vorne liegen. Andere Kompetenzfelder sind die Medizin- und Biotechnologie, die Medien- und Kommunikationswirtschaft oder Berlins Rolle als Tourismus- und Messestandort. Hier ist es jeweils gelungen, große Teile der Wertschöpfungskette in Berlin zu verankern.

Nehmen wir das Beispiel der Verkehrstechnik: Marktführer wie Daimler-Chrysler, BMW, Bombardier oder Siemens sichern dem Standort internationale Aufmerksamkeit. Dazu kommen knapp 400 mittelständische Unternehmen, darunter so traditionsreiche wie beispielsweise Knorr-Bremse mit seinen in Berlin erfundenen und seit 100 Jahren weltweit eingesetzten Eisenbahnbremsen. Daneben stehen Verkehrsdienstleister wie die Deutsche Bahn, die vor wenigen Jahren aus Frankfurt in die gläserne Konzernzentrale am Potsdamer Platz umgezogen ist. Aufgrund ihrer Größe ist die Deutsche Bahn einer der weltweit wichtigsten Nutzer von Verkehrstechnik. Eine Profilierung der TU Berlin auf diesem Feld und Institute der außeruniversitären Spitzenforschung runden Berlins Ruf als einem weltweit wettbewerbsfähigen Standort für Verkehrstechnik ab.

Gleiches gilt für die Medizin- und Biotechnologie. Eine leistungsstarke Universitätsmedizin unter dem weltweit bekannten „Markennamen“ Charité ist eng verwoben mit rund 600 mittelständischen Unternehmen. Über 8000 Unternehmen formen das Kompetenznetzwerk der Medien- und Kommunikationswirtschaft. Ansiedlungsentscheidungen wie die von Universal Music oder MTV haben die Bedeutung eines agilen, großstädtischen Umfeldes für diese Branche deutlich gemacht, mit seiner Hoch- wie Subkultur, seinen Trends und Innovationen. Dass Berlin schließlich im europäischen Städtetourismus mit Rom um den dritten Platz konkurriert, macht deutlich, wie wettbewerbsfähig der Standort Berlin als Ziel und Zentrum von Tourismus und beim Messegeschäft ist.

Doch die Stärke solcher Kompetenzfelder muss sich täglich im Wettbewerb neu beweisen. Rückschläge wie Erfolge haben das immer wieder deutlich vor Augen geführt. Mit der bevorstehenden Aufnahme unserer Nachbarn im Osten in die Europäische Union verschieben sich die Koordinaten des Wirtschaftsstandorts. Es ist erneut eine grundlegende Veränderung, die Herausforderungen und Chancen für die Unternehmen gleichermaßen bereit hält. Berlin ist der traditionelle Knotenpunkt zwischen West und Ost, zwischen Paris und Moskau. Dass die Exportquote der Berliner Wirtschaft nach Mittel- und Osteuropa heute aber deutlich unter der westdeutscher Ballungszentren wie München oder Hamburg liegt, verdeutlicht Handlungsbedarf wie Chancen.

Handeln muss vor allem der Unternehmer selbst. Und der wird handeln, wenn er die Chance sieht, mit seiner Idee und Investition in absehbarer Zeit Geld zu verdienen. Hierfür die nötigen Freiräume und Rahmenbedingungen zu schaffen, gehört in das Pflichtenheft der Politik. In Zeiten knapper Kassen bedeutet das vor allem, die Steuer- und Abgabenlast im Griff zu behalten. Zugleich muss sich Berlin einer konsequenten Staatsaufgabenkritik stellen, zu der Deregulierung und ein konsequenter Abbau von Berlins ausufernder Bürokratie gehört. Hierzu hat die Berliner IHK eine lange Liste mit konkreten Vorschlägen vorgelegt.

Gute Rahmenbedingungen zu schaffen heißt auch, zielstrebig die Stärken des Standorts zu entwickeln. Grundlage dafür ist vor allem Mut zur Priorität. Schule, Wissenschaft, Kultur, alle diese Politikfelder gehören konsequent entrümpelt und modernisiert, aber nicht finanziell beschnitten. Der Verzicht auf öffentliche Investitionen in die Infrastruktur der Stadt wirft Berlin schon heute im Standortwettbewerb zurück und schwächt die Berliner Unternehmen.

Neben der Herkulesaufgabe der Sanierung des Landeshaushalts steht die Herausforderung, die Berliner von den besonderen Zukunftschancen ihrer Stadt zu überzeugen. Die Chancen für eine Modernisierung Berlins, für das Aufbrechen überholter Strukturen, sind heute so günstig wie lange nicht mehr. Dem Senat aber möchte man mit dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch zurufen: „Die Krise ist ein produktiver Zustand, man muß ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen“.

Werner Gegenbauer ist Präsident der Industrie- und Handelskammer Berlin .

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