Zeitung Heute : Mutmaßungen über Mladic

Er ist gefasst. Nein, ist er nicht. Ein Balkankriegsverbrecher kehrt zurück in die Nachrichten

Caroline Fetscher

Verhandelt er die Bedingungen seiner Festnahme? In einem Kloster, in einer Jagdhütte oder einem Dorf mit einer unterirdischen Raketenabschusseinrichtung, wie serbische Zeitungen schreiben? Oder versteckt er sich noch? Seit fast zwei Tagen überschlagen sich die Meldungen von Nachrichtenagenturen, Fernsehsendern und Zeitungen. Sie preschten vor mit Behauptungen, der seit 1995 flüchtige Serbengeneral Ratko Mladic sei festgenommen, sie wichen wieder zurück, als die Regierung in Belgrad sowie die Chefanklägerin des Den Haager Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien (ICTY), Carla del Ponte, die Nachricht vehement dementierten. Sie sagte: „Die Gerüchte über eine Festnahme Mladics haben absolut keine Basis. Und es gibt auch keine Anzeichen dafür, dass Verhandlungen geführt werden.“

Sind die Dementis vielleicht nur dazu da, um zu verwirren, um eine Überstellung Mladics ins Den Haager Gefängnis nicht zu gefährden? Was derzeit wirklich los ist, wissen wohl nur wenige.

In Den Haag vor Gericht jedenfalls klagt am Mittwochmorgen der Angeklagte Slobodan Milosevic, 64, Ex-Präsident des damaligen Jugoslawien, über gesundheitliche Beschwerden. „Ich höre Geräusche in meinem Kopf, das wird immer schlimmer.“ Vielleicht fürchtet er das Nahen eines Mannes, der ihn schwer belasten könnte, seinen Versuch vereiteln könnte, den Kopf ein paar Millimeter aus der Schlinge zu ziehen. Er wolle, sagt Milosevic, nach Moskau, zu Ärzten seines Vertrauens. Richter Patrick Robinson versichert ihm: „Wir werden das im Lauf dieser Woche entscheiden.“ Gewissheit darüber, ob Mladic tatsächlich aufgespürt worden ist, wird wohl auch Milosevic erst das Knattern eines Nato-Helikopters über dem Innenhof der Haftanstalt Scheveningen bringen. Am 28. Juni 2001 war er auf dieselbe Weise dort gelandet.

Mit einer Festnahme Mladics verbinden zahlreiche serbische Nationalisten einen Albtraum, gefürchtet wird sie angeblich aber auch von westlichen Spitzenpolitikern, die während der Ära des Krieges im Amt waren. Den Massenmord in Srebrenica im Juli 1995 – von Mladic angeordnet und seinen Leuten ausgeführt – zugelassen zu haben, sagte der US-Sonderbotschafter Richard Holbrooke einmal, „das war der Tiefpunkt westlicher Politik“. Dem Architekten des Daytoner Friedensvertrages, der den Bosnienkrieg 1995 beendete, wird allerdings auch nachgesagt, dass sich „der Westen“ damals darauf eingelassen habe, serbischen Militärs Srebrenica im Austausch für Sarajevo überlassen zu haben. „Da stecken alle mit drin“, behauptet nicht nur der Militärattaché einer europäischen Botschaft in der Region.

„Mladic opkoljen“, Mladic eingekesselt, schrie die Schlagzeile des Belgrader Boulevardblattes „Blic“ ihren Lesern am Dienstag, den 21. Februar auf der Titelseite entgegen. Rechts daneben fand sich ein Foto des bulligen Militärs in Camouflage, eines der Bilder aus den alten Tagen, als er noch im Feld agierte, als er Sarajevo belagerte und von den umliegenden Bergen mit Artillerie beschießen ließ. Es war die Zeit, von 1992 bis 1995, als man in Europa vor Millionen von Bildschirmen dabei zusah, wie die Armee der bosnischen Serben ihren „ethnischen Säuberungen“ nachging.

Aus dem am 6. April 1992 unabhängig gewordenen Bosnien sollten die dort lebenden Bosniaken, also bosnischen Muslime, verschwinden. Massenmord, Brandschatzung, Vergewaltigung und Vertreibung waren die Mittel, die Mladic anwenden ließ. Serbische Soldaten, Paramilitärs und Polizei folgten seinem Kommando, und serbische Massenmedien heizten den Konflikt durch Falschmeldungen an. So hieß es einmal, Bosniaken hätten serbische Kinder den Löwen im Zoo von Sarajevo zum Fraß vorgeworfen.

Auf den Straßen und an den Küchentischen, in Cafés und Büros rätseln die Leute in Serbien jetzt mehr als je zuvor in den vergangenen Jahren, was Wahrheit, was Unwahrheit ist. Gerüchte und Falschmeldungen gab es dauernd seit dem Krieg – doch sie gelten nun nicht mehr dem Kriegsgeschehen, das inzwischen in Tausenden von Verhandlungsstunden am ICTY minutiös rekonstruiert wird. Sie umkreisen vor allem den Verbleib der beiden gesuchten Hauptkriegsverbrecher: Mladic und Radovan Karadzic, ehemaliger Präsident der bosnischen Serben. Es fehle der politische Wille, die beiden zu fassen, sagen Beobachter immer wieder, während Carla del Ponte, bekannt für ihre Direktheit und Ungeduld, in den vergangenen Jahren immer zorniger Taten forderte. Mehr als ein Dutzend Mal hieß es, internationale Truppen seien „kurz vor der Festnahme“ von Mladic oder Karadzic. Jedes Mal schlugen die Razzien fehl – in Sarajevo, wo die Verbitterung in Resignation umschlug, glauben selbst Schulkinder, dahinter stecke System.

„Allah kann euch nicht helfen, aber Mladic“, hatte der General, den Holbrooke in seinem biografischen Bericht „To end a War“ einen „charismatischen Massenmörder“ nennt, zynisch zu einem Bosniaken damals in Srebrenica gesagt, vor laufender Kamera. Srebrenica war UN-Schutzzone, Blauhelmtruppen waren anwesend, und dann begannen Mladics Leute ungestört mit dem Selektieren der Bevölkerung. Sie entrissen den Müttern die Söhne, den Schwestern die Brüder und den Ehefrauen die Ehemänner, drängten Jungen, Männer und Greise in Busse, fuhren weg und töteten sie. „Hier im serbischen Srebrenica sehen wir uns wieder einmal am Vorabend eines gewaltigen serbischen Festes“, sagte Mladic damals, auch in die Kameras.

Mladics letzte Armee tötet längst nicht mehr vor den Augen der Welt, sie kämpft im Untergrund. In Bunkern und Kellergewölben, Schächten und geheimen Tunnelsystemen fechten Mladics Männer seit der Festnahme Milosevics nur noch dafür, ihren General vor dem Gefängnis zu bewahren. Vor kurzem erst sagte der Verteidigungsminister von Serbien und Montenegro dem Belgrader Sender B 92, ihm liege ein Bericht des Geheimdienstes vor mit den Namen von mehr als 50 Personen, denen Mladic seine Existenz im wortwörtlichen Untergrund verdankt. Um ihn zu schützen, verwenden sie angeblich weder Handys noch Internet, sondern Kuriere und Notizzettel. Sogar von Brieftauben war die Rede.

Wird er jetzt gefasst, bleibt es gleichwohl ein bitteres Ende, denn zu lange hat es gedauert, bis es so weit war. Ein mutmaßlicher Massenmörder, dem das ICTY nur unter anderem zur Last legt, verantwortlich zu sein für die Erschießung der mehr als 8000 Jungen und Männern aus Srebrenica, lebte – zwar versteckt, aber unbehelligt – mitten in Serbien-Montenegro, wo er mitunter auf Restaurantschiffen auf Sava und Donau beim Essen gesichtet wurde. An den Stränden von Montenegro soll er bis zu Milosevics Abflug nach Den Haag in der Sommerfrische gesehen worden sein, bei einem Fußballspiel in Belgrad auf der Tribüne. Beharrlich hat Belgrad das Wissen um den Aufenthaltsort Mladics wieder und wieder bestritten. Nein, behauptete die Regierung von Vojislav Kostunica, man wisse nicht, wo er sei. Nein, er befinde sich nicht in Serbien, man habe keinen Kontakt, man verhandle nicht mit ihm, nein. Auch jetzt noch?

Seit am 24. Juli 1995 der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag Anklage gegen Ratko Mladic wegen „Völkermords und Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ in 15 Fällen zwischen 1992 und 1995 erhoben hatte, verging kaum ein Jahr ohne Gerüchte, dass seine Verhaftung unmittelbar bevorstehe – das Ende einer Karriere, die für ihn als Kommandeur des 9. Korps der Jugoslawischen Volksarmee begonnen hatte. 1992 wurde Mladic Generalleutnant, ernannt von Karadzic, dann Stabschef und später Kommandeur des zweiten Hauptquartiers im Militärdistrikt Sarajevo. Bis Dezember 1996, eineinhalb Jahre nach der Anklageerhebung, blieb er offiziell im Amt.

Im Februar vor genau zwei Jahren schilderte der UN-Beamte Diego Arria als Zeuge am ICTY die Lage in Srebrenica als „slow motion genocide“, Völkermord in Zeitlupe – serbische Streitkräfte sperrten den Ort monatelang ab, Wasser, Strom, Medikamente und Lebensmittel fehlten. Vergebens schlug Arrias UN-Delegation damals Alarm. Bei der serbischen Zivilbevölkerung galt „Srebrenica“ jahrelang als reiner Mythos, bis Ende Mai 2005 das Video einer der Erschießungen vom Sommer 1995 auftauchte, genau ein Jahrzehnt später. Ausgestrahlt sogar vom Staatsfernsehen, die Verschleppung und der Mord von jungen, bosnischen Zivilisten durch die serbische, paramilitärische Einheit der „Skorpione“ – erster direkter Beweis, dass Serben selbst an dem Morden in Bosnien beteiligt waren, nicht allein „bosnische Serben“. Schock und Scham erfasste die Bevölkerung, nie zuvor schien die Verhaftung Mladics so nah zu sein. Doch er blieb verschwunden.

Albtraum und Trauma – von beidem hat Ratko Mladic selbst sein Teil erhalten. Geboren am 12. März 1942 im bosnischen Dorf Bozanovici, soll sein Vater am zweiten Geburtstag des Sohnes als Partisan von Kroaten ermordet worden sein, seine Mutter wiederum soll einen Versuch überlebt haben, sie bei lebendigem Leib zu verbrennen. Legenden? Jedenfalls gibt es keine Belege dafür. Unbewusste Schuldgefühle verhärteten jedoch offenbar den jungen Mladic, der erst loyaler Kommunist, dann ein verbissener serbischer National-Sozialist wurde.

Inzwischen soll Mladic krebskrank sein. Er soll sich außerdem, glauben Experten, nie vom Selbstmord seiner damals 23-jährigen Tochter Ana im Jahr 1994 erholt haben, und im Belgrader Stadtteil Topcider soll er immer wieder Blumen auf ihr Grab gelegt haben.

Fahler und fahler wirkte das Leugnen aus Belgrad, wo man den Zorn der Leute fürchtete, sollte der General hinter Gittern landen. Bis zum Oktober 2004, heißt es, kassierte Mladic sogar noch seine Militärpension. Doch der Westen, der Serbien Millionen Dollar an Aufbauhilfe auszahlt, wurde zunehmend unwillig angesichts der Lügen. Nun könnten sie ein Ende haben. Und Serbien eine Zukunft.

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